"Robin Hood der Banken"

3. April 2009, 18:38
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Ein Katalane beantragte Kredite für eine halbe Million Euro und zahlt sie nicht zurück - Er finanziert damit soziale Bewegungen

Glatt rasiert, die Haare gekämmt, eher spießig gekleidet, das ist Enric Duran. Auf den ersten Blick der Traum jeder spanischen Schwiegermutter. Aber eben nur auf den ersten. Denn der 33-jährige Mann aus Vilanova einer Kleinstadt in Katalonien hat in den letzten Jahren 39 Banken um insgesamt 492.000 Euro erleichtert. Nicht etwa mit der Pistole in der Hand, sondern mit dem Aktenkoffer unter dem Arm.

Duran beantragte 68 Kredite und zahlte sie dann ganz einfach nicht zurück. Mit dem Geld finanzierte er linke und alternative Projekte. "Robin Hood der Banken" nennen ihn seine Fans. Seit Mitte März sitzt Duran wegen Betrug und Fälschung in Untersuchungshaft. "Das Finanzsystem ist wesentlich verletzlicher, als wir denken", erklärt Duran. Seinen ersten Kredit beantragte der Studienabbrecher mit einer erfundenen Lebensgeschichte. "Guten Tag. Ich bin Informatiker und befinde mich in einem beruflichen Perspektivwechsel. Ich habe bisher in einer großen Firma gearbeitet und will mich jetzt selbstständig machen", sagte er. Es klappte. Duran unterzeichnete seine ersten 6000 Euro auf Pump.

Einmal auf den Geschmack gekommen, beantragte er weitere Kredite, "immer mit der klaren Absicht, sie nicht zurückzuzahlen". Mal spielte er den Unternehmer oder Freiberufler, mal zeigte er einen gefälschten Lohnzettel, der ihn als gut verdienenden Angestellten, der seine Wohnung renovieren musste, auswies. Mit dem frischen Geld beglich er Raten der alten Kredite, um das System am Laufen zu halten. Nach einigen Monaten stellte er die Zahlung dann ein.

"Die Lawine wurde immer größer", berichtet Duran. Im September letzten Jahres beschloss er, alles Geld abzuheben, umzuverteilen und "die Aktion" öffentlich zu machen. In der Zeitschrift Crisi mit einer Auflage von 250.000 Exemplaren beschrieb er seinen Überfall aufs Finanzsystem. Während er längst in Lateinamerika untergetaucht war, wurde die Zeitschrift überall in Katalonien kostenlos verteilt. An Geld fehlte es ja nicht. Ein halbes Jahr später kam Duran zurück. Auf einer Pressekonferenz in der Uni von Barcelona stellte er sich der Polizei.

Duran hatte sich schon zuvor an der Kampagne für den Erlass der Auslandsschulden der armen Länder beteiligt. "Doch irgendwann merkte ich, dass die sozialen Bewegungen nicht vorwärtskamen", erklärt Duran. So kam die Idee für den "Solidarischen Betrug", wie er seine Aktion nennt. Der "Robin Hood der Banken" sieht darin die Verschmelzung zweier Traditionen. Zum einen den zivilen Ungehorsam, wie ihn Gandhi predigte und zum anderen die "bewaffneten Enteignungen" der spanischen Anarchisten in den 1930er-Jahren. Er möchte ein Beispiel geben, "dafür, dass wir besser und glücklicher leben können, wenn wir uns vom Individualismus, den das System geschaffen hat, entfernen".

Vor seiner Verhaftung sagte er zu Gleichgesinnten: "Wenn wir keine Kredite nehmen oder sie nicht zurückzahlen, können wir das System zum Erliegen bringen." (Reiner Wandler aus Madrid/DER STANDARD, Printausgabe, 4./5. April 2009)

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    "Glücklicher ohne Individualismus": Enric Duran

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    Vier Spanier protestierten gegen die Verhaftung von Duran und ließen sich von einer Brücke über der B-23 in Barcelona hängen

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