"Guernica" lebenslänglich verfallen

  • Die türkische Kunsthistorikerin Canan Elçioglu ist sich sicher, dass
Picasso die Tapisserie des Manierismus "Massaker an den Unschuldigen"
(Bethlehemitischer Kindermord) in den Vatikanischen Museen gesehen und
Elemente der Komposition für sein Meisterwerk "Guernica" verwendet hat.
    vergrößern 1027x268
    fotos: vatikanische museen / museo reina sofía, madrid

    Die türkische Kunsthistorikerin Canan Elçioglu ist sich sicher, dass Picasso die Tapisserie des Manierismus "Massaker an den Unschuldigen" (Bethlehemitischer Kindermord) in den Vatikanischen Museen gesehen und Elemente der Komposition für sein Meisterwerk "Guernica" verwendet hat.

Picassos Leidenschaft für die Alten Meister ist derzeit in der Londoner National Gallery zu bewundern. Eine türkische Kunsthistorikerin vermisste dort seine "Guernica"

Sie glaubt, eine Vorlage gefunden zu haben.

***

Wien/Istanbul - Als die Künstlerin Canan Elçioglu 1990 die Vatikanischen Museen besuchte und dort eine Tapisserie der Raffael-Schule sah, schlug es bei ihr wie ein Blitz ein: Die Arbeit (vermutlich gefertigt von Giulio Romano, um 1520) ist Teil einer zwölfteiligen Serie und zeigt "Das Massaker an den Unschuldigen". Was Elçioglu so elektrisierte, war die für sie frappierende Ähnlichkeit zu Pablo Picassos "Guernica" (1937), das die Zerstörung der Stadt im Spanischen Bürgerkrieg zeigt. Er könnte das Werk 1917, als er die Vatikanischen Museen besuchte, gesehen haben. Ein Großteil der Spannung beziehen beide Werke vor allem aus der Komposition, die für Elçioglu zahlreiche Analogien bereithält. Etwa diese: Der Arm mit dem Leuchter in Guernica entspreche in der Tapisserie einem Arm, der brutal an den Haaren einer fliehenden Mutter reißt (1). Unterhalb davon ragen bei beiden Arme, die Dolche umklammern, in die Gegenrichtung (2). Auch das entsetzte Gesicht mit dem zum Schrei aufgerissenen Mund lasse sich auf den zwei Werken an einer ähnlichen Stelle der Komposition wiederfinden (3), ebenso wie ein zweites, im Ausdruck vergleichbares Antlitz (4). Eine ihr totes Kind beweinende Frau findet sich in der manieristischen Tapisserie als eine mit ihrem Baby Fliehende (5). 

Die Faszination ließ Elçioglu bis heute nicht los: 2005 dissertierte sie zu diesem Thema in Istanbul, 2008 schrieb sie ein Buch darüber. Allein die wissenschaftliche Anerkennung ihrer Thesen ist schwierig - auch weil türkische Wissenschafter sich in Bereichen der westlichen Kunstgeschichte noch nicht etablieren konnten. Deshalb war Anne Baldassari, die 2008 in Paris die Ausstellung zu Picassos Orientierung an Werken alter Meister (aktuell in der Londoner National Gallery) vorbereitete, die These nicht bekannt. Elçioglu, die sich um Kontakt bemühte, bedauert dies.

Erste Versuche hatte Elçioglu bereits 1996 gestartet: Nach der Publikation eines ersten Aufsatzes in der Kunstzeitschrift "Türkiye'de Sanat" lud sie der New York Times-Korrespondent zu einem Bericht ein. Die vom Medium hinzugezogenen Experten, John Richardson und der 2006 verstorbene Robert Rosenblum, verneinten aber jede Ähnlichkeit. Auch Werner Spies, einer der wichtigsten Picasso-Experten der Gegenwart, hält die These nicht für verfolgenswert: "Das Getümmel, das Picasso in Guernica als Ausdruck des Schreckens einführt, kann man mit der barocken Gestik vergleichen, die in der Tapisserie die Dramatik bestimmt" , sagte er dem Standard. Allerdings finde man diese Formüberblendung in zahllosen Darstellungen dieser Zeit. "Die wichtigsten Elemente in Guernica entstammen anderen Quellen", so etwa Baldung Griens Holzschnitt Der behexte Stallknecht. Auch eine erste Beurteilung von Martina Pippal, Professorin für Kunstgeschichte in Wien, verheißt der Theorie wenig Erfolg: Ikonografisch und stilistisch basiere "Guernica" auf seiner vorangegangenen Entwicklung. Warum sollte er auf Rom-Eindrücke von 1917 zurückgreifen? Überdies erschienen ihr einige Vergleiche Elçioglus zu willkürlich. Nichtsdestotrotz wird Elçioglu ihre Studien fortführen. Eine Lebensaufgabe. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD/Printausgabe, 04./05.04.2009)

Share if you care