Über eine junge Frau am Umschlag eines Fotobandes des italienischen Fotografen Luciano Ferrara - Von Clemens Berger
Vielleicht ist sie aus Prag, vielleicht aus Ústí nad Labem, vielleicht aber auch aus Neapel oder Fischamend ...
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Ich weiß nicht, wie sie heißt. Ich weiß nicht, was sie tut. Ich weiß nicht einmal, wo sie lebt. Auch weiß ich nicht, ob sie Männer liebt oder Frauen - oder beide. Ich weiß nur, dass sie eine von uns ist. Allerdings weiß ich auch nicht so genau, wer wir sind.
Gesehen habe ich sie zum ersten Mal in Neapel, in einem Café mit angeschlossener Buchhandlung, irgendwo zwischen der Piazza del Gesù Nuovo und der Piazza Dante: auf dem Umschlag des Fotobandes Un altro mondo è possibile, der also jenen Satz im Titel führt, den ich ein Jahr zuvor, auf dem Europäischen Sozialforum in Florenz, allenthalben zu hören bekommen hatte. Sie stand und steht da sehr beiläufig gegen eine Wand gelehnt, locker in den Knien, die Hände in den Hosentaschen vergraben, ein Lächeln im Gesicht. Neben ihr hält ein Polizist in schwarzer Kampfmontur mit der behandschuhten Linken ein Papier gegen die Wand, während er mit der Rechten schreiben dürfte. Vor ihr haben sich zwei weitere Polizisten mit Schlagstöcken und Pistolen aufgebaut, mit schwarzen Helmen und heruntergeklappten Visieren, ihre Gesichter vermummt. Stünde nicht Policie auf den Jackenrückseiten, man könnte sie für besonders radikale Teile des sagenumwobenen Black Block halten.
Am Rand der Demonstration
Das Bild könnte beinahe überall auf der Welt aufgenommen worden sein. (Wäre sie schwarz und aus dem Senegal allerdings nicht.) Bloß die Sprache, in der jenes Wort Polizei auf die Jackenrückseiten geschrieben ist, liefert einen Anhaltspunkt; allein auch Policie könnte in mehreren Staaten auf Jackenrückseiten zu lesen sein, abgesehen davon, dass bei Veranstaltungen gegen die Herrschaft verschiedene Polizeien kooperieren und auch in Staaten operieren, in deren Dienst sie offiziell gar nicht stehen. Einzig die Bildunterschrift verrät, dass wir uns in Prag befinden, womit wir, den Buchtitel bedenkend, wissen, dass sich die Szene am Rand der Demonstration gegen den Gipfel des Internationalen Währungsfonds im Jahr 2000 abspielt, als man in Österreich von Menschen hören konnte, die aus dem Fenster einer Prager Polizeistation gesprungen waren, wo manche Polizisten schon mit der Entschlossenheit an ihre Arbeit gegangen waren, die ein Jahr später in Genua den ersten Toten fordern sollte.
Zwischen zwei Weltkriegen schrieb Walter Benjamin in Zur Kritik der Gewalt, die Polizei "ist zwar eine Gewalt zu Rechtszwecken (mit Verfügungsrecht), aber mit der gleichen Befugnis, diese in weiten Grenzen selbst zu setzen (mit Verordnungsrecht)." Der Polizist, der gerade ein Papier gegen die Wand hält, ist der einzige, der im Moment der Aufnahme identifizierbar ist: B 131, unter diesem Kürzel führt irgendeine Polizeidatei seinen Namen, vielleicht ist es aber auch nur ein internes Zeichen, um die Einheiten auseinanderzuhalten.
Die drei beschützen auf dem Gebiet des Staates, dessen Recht sie auch mit Mitteln, die das Recht ansonsten unter Strafe stellt, durchsetzen und setzen, die Neuordnung des Kapitalismus, der sich nach dem Zusammenbruch des sich sozialistisch nennenden Reiches kein soziales Mäntelchen mehr überzuwerfen brauchte. (Ich muss dabei immer an die Nachmittage als Bub denken, an denen ich mit einem Freund DKT spielte, wobei sich im Lauf des Spiels, gleichsam aus der Natur des Kaufens, Verkaufens, Besitzens und Nichtshabens die Regeln von selbst auflösten, um dem inneren Prinzip des kaufmännischen Talents zum Durchbruch zu verhelfen: Dann schrieben wir selbst Geld- und Schuldsteine und stellten nicht nur höchstens ein Hotel auf ein Grundstück, sondern so viele Hotels und Häuser, wie wir uns nur leisten konnten, um den anderen, kam er einmal darauf zu stehen, mit einem Betrag zur Kasse bitten zu dürfen, der auf dem vorgedruckten Grundstückskärtchen gar nicht vorgesehen war.) Die drei (Fragezeichen, wollte ich schon schreiben) sind in diesem Moment Mitglieder einer Polizei, die allerorten die Mächtigen und ihre Ratgeber beschützt, wenn sie einander an unzugänglichen Orten treffen, um die Welt auf die fortwährende Revolutionierung des Warenaustausches und der Märkte zu trimmen.
Aber die da, wie die junge Frau, in ihrer unauflöslichen Verschiedenheit demonstrieren, von Gewerkschaftern über Friedliebende zu Marxistinnen, von Christen über Umweltschützer zu Linksradikalen, sind nicht da, um ein Parlament zu stürmen, einen Ort einzunehmen, eine Regierung abzusetzen, an deren Stelle sie sich setzen könnten, kurz, sie sind nicht da, um die Macht an sich zu reißen. Die Macht nämlich ist an keinen festen Ort mehr gebunden: Sie ist überall, verläuft zuallererst von oben nach unten, aber eben auch, in verschlungenen Verzweigungen, zwischen den Beherrschten.
Während Marx und Engels das Proletariat im Manifest der Kommunistischen Partei noch mit einem Maulwurf verglichen hatten, der die alte Ordnung in verschiedenen Gängen solange untergrabe, bis man eines schönen Tages "Gut gewühlt, alter Maulwurf!" rufen könne, sehen Antonio Negri und Michael Hardt in Empire diejenigen, die sich da rund um die Welt gegen die Verhältnisse auflehnen, unter denen sie leben müssen (und die sie mitproduzieren), als eine Schlange, die überall dort ihren Kopf an der Oberfläche erhebt, wo die Mächtigen und ihre Ratgeber sich treffen.
Vielleicht ist die junge Frau aus Prag, vielleicht aus Ústí nad Labem, vielleicht aber auch aus Neapel oder Fischamend, wo man sich nach einem Wort Adornos wie am Ende der Welt fühlen könne.
"Und mag Polizei auch im Einzelnen sich überall gleichsehen, so ist zuletzt doch nicht zu verkennen, dass ihr Geist weniger verheerend ist, wo sie in der absoluten Monarchie die Gewalt des Herrschers, in welchem sich legislative und exekutive Machtvollkommenheit vereinigt, repräsentiert, als in Demokratien, wo ihr Bestehen durch keine derartige Beziehung gehoben, die denkbar größte Entartung der Gewalt bezeugt." Sie, die da steht, muss den Satz nicht kennen. Sie sieht ihn, sie spürt ihn, sie erlebt ihn. Sie steht da, angehalten, überprüft und archiviert, weil sie auf die Straße gegangen ist, um ihre Stimme gegen die Verhältnisse zu erheben, unter denen sie leben muss, an denen sie, wie ungern immer, mitwirken muss, um überhaupt leben zu können. Sie steht da, weil sie einmal auf den Straßen gehen wollte, die ansonsten nur noch da zu sein scheinen, um in ihren Geschäften einzukaufen.
Sie steht da, weil der Raum in den Metropolen immer enger wird, weil es keine Agora, kaum einen öffentlichen Ort mehr gibt, den nicht irgendwer zu verwerten und kontrollieren versuchte. Sie steht da, weil sie nicht der Meinung ist, alles müsse sich rechnen, weil sie nicht dem Glauben anhängt, alles, auch die Bildung, auch der öffentliche Verkehr, auch die Energieversorgung, müsse profitabel sein.
Sie steht da, weil sie die Perversion empört, sich zum Mittel eines fremden Zweckes machen, die eigene Arbeitskraft in den Dienst eines Gewinns stellen zu müssen, der nie der ihre sein wird. Sie steht da, weil sie gegen die Aufteilung der Menschen in Staatsbürger und Nicht-Staatsbürger, in Rechtsträger und Rechtlose ist, weil sie die Grenzen ablehnt, die den Reichtum der einen (der ohnehin nicht ihrer ist) von der Armut der anderen schützen. Sie steht, wie ich angesichts des aufgeschlagenen Fotobandes an meinem Schreibtisch denke, aus noch vielen anderen Gründen da. Und lächelt.
Vielleicht lächelt sie bloß, weil sie bekifft ist und ihr die Polizisten lächerlich erscheinen. Vielleicht gilt ihr Lächeln jemandem, der hinter den Polizisten steht und die Chiffren auf den Helmen notiert. Vielleicht hat sie auch einen Stein oder ein Ei geworfen.
Hier jedoch, an die Wand gelehnt, steht sie wehrlos. Ihr Gesicht ist zu sehen, die Augen weit offen, die Mundwinkel gelockert, die Gesichter ihrer Widerparte sind unsichtbar - und nicht, weil sie mit dem Rücken zu uns stehen. In ihrem Lächeln ist ein Wissen über die absurde Monstrosität dieser Szene. Vielleicht denkt sie: Bin ich wirklich so gefährlich? Vielleicht denkt sie: Schön, dass ich so gefährlich bin!
Vielleicht denkt sie auch nur: Ihr kriegt mich nicht, und tauschen will ich schon gar nicht mit euch. Es ist auch ein Wissen darüber, dass die gegenüber neben ihr gehen sollten, statt immer nur zu deuten: Weiter, hier gibt es nichts zu sehen, dass die drei in dem Moment eine Macht beschützen und ein Recht setzen, die es auch mit ihnen nicht gut meinen. Sieht sie die Augen des Polizisten vor ihr durch das Visier? Was sieht sie darin? Wandern sie schnell hin und her? Ist da etwas von Irritation? Von Überreiztheit? Von Angst? Vor ihr? Hat sie schon erste Worte im Kopf, mit denen sie später die Situation erzählen wird?
Dass drei martialisch gekleidete Männer sie festhielten, weil sie ihnen als Bedrohung?, Ärgernis?, Verführte?, Missgeleitete?, Zecke? erschien. Da ist keine Angst in diesem Lächeln, bloß Verwunderung?, Mitleid?, Verachtung?, Mut?, Zuversicht?, List?, ein Wissen um das andere, gerechtere Recht? Versteht sie die Sprache des Polizisten nicht? Oder versteht sie diese nur zu gut? Zum Lachen ist es nicht, aber zum Lächeln.
Noch einmal Walter Benjamin: "Vielmehr bezeichnet das ,Recht‘ der Polizei im Grunde den Punkt, an welchem der Staat, sei es aus Ohnmacht, sei es wegen der immanenten Zusammenhänge jeder Rechtsordnung, seine empirischen Zwecke, die er um jeden Preis zu erreichen wünscht, nicht mehr durch die Rechtsordnung sich garantieren kann."
Am 28. März 2009, als in Wien Tausende auf die Straßen gingen, um zu sagen: Wir zahlen nicht für eure Krise!, zog wahrscheinlich auch die junge Frau irgendwo neben vielen anderen über Straßen. Die Gründe dafür haben sich in den vergangenen neun Jahren nicht geändert, bloß den Versuchen ihrer Formulierung wird mehr Gehör geschenkt. Ihr wird noch immer schlecht, denke ich, jedes Mal, wenn sie jemanden ungebrochen über den Staat, die Nation, das Volk, die Kultur, die Rassen, den Mann und die Frau sprechen hört. Allein genau deshalb stehen die Polizisten in ihren Kampfmonturen und mit vermummten Gesichtern vor ihr. Sie lächelt darüber: im Wissen um die Möglichkeit einer anderen Welt. In der sie trotz allem schon lebt, zumindest manchmal. (Clemens Berger, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 04./05.04.2009)
Zur Person:
Clemens Berger, geb. 1979 in Güssing, wuchs in Oberwart
auf. Er studierte Philosophie und Publizistik in Wien. Soeben erschien
von ihm der Erzählband "Und hieb ihm das rechte Ohr ab" im Wallstein
Verlag.