Andreas Federsel transportiert Kunst. Und er ist ein Künstler im schnellen bergab Transportieren von Downhill-Race-Bikes
Andreas Federsel ist Ausstellungsbauer und Kunsttransporteur. In der Fahrrad-Szene kennt man Andreas Federsel aber aus einem anderen Grund. Er ist zweifacher Downhill-Staatsmeister. 1972 kommt der Badener in Wien zu Welt, mit 18 Jahren arbeitet er als Wanderführer, studiert eine zeitlang Sport. Er holt sich während seiner Jugend den Vize-Staatsmeister-Titel am Skateboard, ehe er mit dem Mountainbiken beginnt. Er fährt sein erstes Downhill-Rennen mit 30, gewinnt dieses auch gleich und fährt in der Hobby-Klasse eine Zeit, dass er, wäre er Linzenzfahrer, am Stockerl stehen würde.
Im Interview spricht Andreas Federsel mit Guido Gluschitsch über Sex, Startnervosität und Stürze.
derStandard.at: Kannst du mit dem Fahrrad fahren Geld verdienen?
Andreas Federsel: Nein. Du kannst den Downhill-Sport in Österreich bestenfalls so betreiben, dass er dich nix kostet.
derStandard.at: Würdest du an dem Tag, an dem du fürs Fahren etwas zahlen musst, mit dem Sport aufhören?
Andreas Federsel: Nein. Ich mach den Sport ja nicht wegen der Kohle.
derStandard.at: Wie sah dein erstes Rad aus?
Andreas Federsel: Es war lila, mit weißen Reifen. Daran erinnere ich mich genau: damit hab ich damals fette Brezen gerissen und mir die Zähne ausgeschlagen.
derStandard.at: Warum bist du lange Zeit in der Staatsmeisterschaft immer Zweiter geworden?
Andreas Federsel: Ich habe eine Wand voller Silbermedaillen, ja. Ich bin den Austria Cup mit fünf bis zehn Rennen gefahren. Und auch die Cups in Slowenien, Italien und Ungarn. Ich habe immer die Gesamtwertungen der Cups gewonnen, aber nie den Staatsmeistertitel. Das Staatsmeisterschaftsrennen ist ein Lauf und bei dem bin ich eben immer Zweiter geworden, auch wenn ich die Cups angeführt habe. Erst vorletztes und letztes Jahr hat es endlich geklappt, dass ich in der Masterklasse den Titel holen konnte.
derStandard.at: Hast du jetzt all deine Ziele erreicht?
Andreas Federsel: Was ich erreichen konnte, habe ich erreicht. Mehr als Staatsmeister kann ich nicht werden. Jetzt geht es um die Titelverteidigung. Gut, ich könnte jetzt noch weiter eifern und Weltmeister werden wollen, aber ich bin alt genug, um meine Grenzen zu kennen.
derStandard.at: Fehlt dir, ohne höhere Ziele, nicht die Motivation?
Andreas Federsel: Überhaupt nicht, nein. Die sportliche Motivation ist jetzt, in meiner Klasse so lange Staatsmeister zu bleiben, wie es geht. Ich bin inzwischen 37 Jahre alt und die Klasse, in der ich starte, ist für Fahrer ab 30 Jahre und nach oben offen. Jedes Jahr rücken junge, motivierte Fahrer nach, die mir den Titel streitig machen wollen.
derStandard.at: Bist du am Start eines Rennens nervös?
Andreas Federsel: Sicher. Auch wenn es um nix geht, bin ich am Start ein Rennfahrer. Einmal Racer, immer Racer. Und die Endorphine machen ja süchtig.
derStandard.at: Fährst du abseits des Sports auch Rad?
Andreas Federsel: Nein. Sogar zum Semmeln holen nehm ich das Auto. Ich fahr mit dem Radl fünf Stunden ohne Ziel im Wald, aber wenn ich zwei Häuser weiter was erledigen muss, fahr ich mit dem Auto.
derStandard.at: Was war dein größter persönlicher Erfolg?
Andreas Federsel: Der Sieg beim ersten 24-Stunden-Rennen in Österreich. Das war ein Charity-Rennen für einen verunfallten Fahrer, der jetzt im Rollstuhl sitzt. Ich bin nur hingefahren um teilzunehmen. Ich dachte mir, ich fahr ein paar Runden, geh schlafen und fahr dann wieder ein paar Runden. Im Endeffekt bin ich dann als Einzelfahrer sogar mehr Runden gefahren als die Vierer-Teams.
derStandard.at: Wie ist das, wenn du beim 24-Stunden-Rennen zum 50. Mal die gleiche Abfahrt runter hetzt?
Andreas Federsel: 157 Abfahrten waren es damals. Einmal runter zu fahren, ist schon arg, aber 24 Stunden Downhill zu fahren, ist dann schon was anderes. Das wird nicht fad, aber du kommst in einen rauschartigen Zustand.
derStandard.at: Wie genau schaust du dir die Strecke vor einem Lauf an?
Andreas Federsel: Wenn es eine mir neue Strecke ist, geh ich sie zu Fuß ab, sodass ich jeden Stein und jede Wurzel kenne. Ich suche die richtige Linie, denn nur die zählt. Meine Hausstrecke am Semmering kann ich dir inzwischen aber am Millimeterpapier aufzeichnen.
derStandard.at: Hast du manchmal Probleme mit Förstern oder den Besitzern eines Waldes?
Andreas Federsel: Nein, nur mit den Jägern. Die fühlen sich in ihrem Hoheitsgebiet bedroht. Sie schimpfen dir höchstens nach. Da grüß ich freundlich und fahr weiter. Aber dort, wo ich unterwegs bin, sind eh selten Jäger, denn die sind ja nur da, wo sie mit dem Auto hinkommen.
derStandard.at: Wie groß sind die Flurschäden, die bei so einem Downhill-Rennen angerichtet werden?
Andreas Federsel: Das kommt auf die Witterung an. Die meisten Rennen finden in eigenen Bike-Parks statt. Das sind meist Skipisten, auf denen das ganze Jahr gefahren wird. Wenn man dort ein Rennen veranstaltet, dann macht das nichts aus. Dort, wo ich permanent fahre, wird jetzt gerade sehr viel geschlägert. Wenn ich mir anschaue, was die Waldfahrzeuge beim Auf- und Abfahren anrichten, dann muss ich feststellen, dass ich den Wald in meinem ganzen Leben nicht so zsammhau.
derStandard.at: Stürzt du oft schwer und tust dir dabei weh?
Andreas Federsel: Ja, ich stürze schon oft, ich fahre ja dauernd am Limit. Mir passiert dabei aber nur ganz selten etwas. Wir haben im Downhill-Sport sehr hochwertige Protektoren, ich bin gut trainiert und habe gelernt zu stürzen. Außerdem erkenne ich einen Sturz sehr früh und kann mich auf die Landung vorbereiten. Meinen Fuß hab ich mir vor vier Monaten beim Stiegensteigen gebrochen. Der Alltag ist gefährlicher.
derStandard.at: Hast du eine Zusatzversicherung?
Andreas Federsel: Ja natürlich, alles andere wäre fahrlässig.
derStandard.at: Wieviele Fahrräder hast du schon zerstört.
Andreas Federsel: In den letzten 15 Jahren hat es da eine enorme technische Entwicklung gegeben. Vor zehn Jahren ist bei den Rädern dauernd etwas gebrochen, weil sie nix ausgehalten haben. Inzwischen sind die Räder so gut, dass die Knochen vor den Rädern kaputt gehen, weil man mit diesen Rädern viel schneller fahren kann.
derStandard.at: Wie trainierst du?
Andreas Federsel: Gar nicht. Ich hab keinen Trainingsplan. Ich hab viele Spielzeuge: ich bin Freerider, fahr die Downhill-Rennen, fahr BMX, Snowboard, Wakeboard, Minicross. Also alles, was einen Lenker hat, oder ich ein Brettel unter den Füßen habe. Damit mach ich jeden Tag Sport. Das reicht.
derStandard.at: Wieviele Tiere hast du schon überfahren?
Andreas Federsel: Na ja, hie und da Schlangen und Echsen. In einen Hund bin ich schon gefahren. In den extra abgesperrten Bike-Park-Strecken sind mir schon Leute mit Hunden entgegengekommen und die Hunde gehen ja nicht weg...
derStandard.at: Rasierst du dir die Beine?
Andreas Federsel: Nein, ich bin ja kein Rennradfahrer.
derStandard.at: Liest du viel, oder spielst du lieber am Computer.
Andreas Federsel: Weder noch, ich fahre Fahrrad bis es finster wird und treff mich dann vielleicht mit Freunden.
derStandard.at: Dopst du?
Andreas Federsel: Nein, das bringt dir bei den nationalen Downhill-Rennen nichts. Erfahrung, Konzentration, Technik und Material sind so wichtig, dass Ausdauer allein den Unterschied nicht macht.
derStandard.at: Wie ist das mit Sex vor dem Rennen?
Andreas Federsel: Ganz egal. Wenn ich eine Freundin habe: ja.
derStandard.at: Wie viele Anzüge hast du im Kasten hängen?
Andreas Federsel: Keinen.
derStandard.at: Was sind deine Ziele für 2009?
Andreas Federsel: Den Staatsmeistertitel behalten, so ich nach meiner jetzt anstehenden Knieoperation bald wieder fahren kann. Und sonst: gesund bleiben.
(Guido Gluschitsch; Foto: Wolf-Dieter Grabner)