Ein Toter bei Protesten gegen den G20-Gipfel - Laut Augenzeugen kein Fremdverschulden - Rund 90 Festnahmen
So viele "very important persons" (VIPs) hat das East End in London noch nicht gesehen. Tausende haben teilweise gewalttätig protestiert - die angekündigte Revolution blieb aus. Ein Mann kollabierte und starb.
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Das Londoner East End dient seit Jahrhunderten als Sammelplatz für hoffnungsvolle Neuankömmlinge und hoffnungslos Gestrandete. Unten an den Docks, wo einst der Handel der Empire-Metropole tobte, liegt nun das gewaltige Kongress-Zentrum ExCel, wo sich gestern früh die mehr oder weniger hoffnungsvollen Teilnehmer des G-20-Gipfels versammelten.
Hätten Obama, Hu, Medwedew und Co zwischendurch Zeit für einen Spaziergang gehabt, sie hätten eine der trostlosesten Ecken der britischen Hauptstadt erlebt. Canning Town liegt im Stadtteil Newham, der zu den ärmsten Regionen Westeuropas zählt. Wegen der hohen Erwerbslosigkeit blüht die Schattenwirtschaft, die durchschnittliche Lebenserwartung ist um 15 Jahre geringer als im feinen Westen der Stadt, wo die Gipfel-Teilnehmer die Nacht verbrachten.
Straßensperren
Das Arbeitsfrühstück sei "die letzte Gelegenheit" für Änderungen am gemeinsamen Communiqué, hieß es zuvor aus Delegationskreisen. Wenn das stimmt, kann das Interesse Frankreichs und Italiens nicht sonderlich groß gewesen sein, in letzter Minute ihr Gewicht in die Waagschale zu werfen. Nicolas Sarkozy und Silvio Berlusconi tauchten gegen acht Uhr als allerletzte zur Begrüßung durch Gastgeber Gordon Brown auf.
Da hatten hunderte von eifrigen Journalisten schon eine Odyssee durchs East End hinter sich, geleitet von der bekannten britischen Effizienz. Wer zu früh kam, der wurde bestraft durch zahlreiche Straßensperren und Busfahrer, die den ordentlich ausgeschilderten einzigen Zufahrtsweg zum riesigen Kongresszentrum nicht finden konnten. Wer später eintrudelte, dem verweigerte die Vorortbahn ohne Begründung den Dienst; dafür gelang die Akkreditierung plötzlich binnen weniger Minuten.
In einem Camp von Demonstranten ist unweit der Bank von England ein Mann auf der Straße kollabiert und gestorben. Einem Augenzeugen zufolge lag kein Fremdverschulden vor. Die teilweise gewalttätigen Demonstrationen ebbten nach und nach ab. An der Londoner Börse, von deren Lahmlegung die Demonstranten geträumt hatten, konnten die Spekulanten ungestört den Aktienkurs in die Höhe treiben, während sich vor dem Gebäude rund 50 Aktivisten mit einem großen Monopoly-Spiel vergnügten.
Sprechchöre
Ein Klima-Camp bei der nahegelegenen Klima-Börse hatte die Polizei Mittwochabend ohne Zwischenfälle aufgelöst; insgesamt kam es bei den Protesten im Herzen Londons zu 88 Festnahmen.
Am Donnerstag hingegen versammelten sich vor dem Kongresszentrum selbst rund 500 friedfertige Demonstranten, die gegen die Kriegseinsätze Großbritanniens und der USA im Irak und in Afghanistan protestierten. Ihre Sprechchöre und Gesänge hörten nur jene Gipfelteilnehmer, die der bleiernen Atmosphäre des Kongresszentrums für einen kurzen Blick auf das Hafenbecken und die Frühlingssonne entkamen.
Immerhin sorgten die britischen Gastgeber auch im Kongresszentrum für Spannung. Sollten alle Hedgefonds unter Kuratel genommen werden oder doch nur "System-relevante"? Handelte es sich bei der Finanzkrise um eine "Schwäche" oder ein "Versagen" des Marktes? Sollten notleidenden Staaten 150 oder 250 Mrd. Dollar Handelskredite gewährt werden?
Auch bei der Frage einer schwarzen Liste für Steueroasen hakte es lang. Am Ende verkündeten die Briten einen typischen Gipfelkompromiss: Die Liste werde "zu gegebener Zeit" veröffentlicht. (Sebastian Borger aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 3.4.2009)