Proteste gegen Gipfel

"Zentralbank in ein Bordell verwandeln"

2. April 2009, 10:17
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    foto: getty images/dan kitwood

    Tausende demonstrierten vor der Bank of England.

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    foto: ap / owen humphreys

    Aggression und Wut in der City of London im Vorfeld des G-20-Gipfels.

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    Auch Protest-Sänger Billy Bragg nahm an der Kundgebung teil

Protestierende stürmen Royal Bank of Scotland - Angriff wurde abgewehrt - 5.000 Demonstranten zogen durch London

Sie skandierten "Stürmt die Bank" und "Schande über euch": Rund 5000 Demonstranten zogen am Mittwoch im Vorfeld des G-20-Gipfels durch London. Trotz eines massiven Polizeiaufgebots kam es zu Ausschreitungen. 

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Die Polizei hatte vorab einen heißen Randale-Tag vorhergesagt. Doch die Demonstrationen im Vorfeld des G-20-Gipfels in London entsprachen am Mittwoch zunächst eher dem kühl-windigen Frühlingswetter: Rund 5000 Antikapitalisten, Klimaschützer und Kriegsgegner marschierten durch die Stadt, begleitet von einem ebenso starken Polizeiaufgebot.

Mittwochnachmittag kam es dann im Finanzdistrikt City zu ersten gröberen Zwischenfällen, vor allem rund um die neuerdings halbstaatliche Royal Bank of Scotland. Deren früherer Vorstandschef Fred Goodwin gilt in Großbritannien als Inkarnation des gierigen Bankers.

Dialog mit Demonstranten

Wo an normalen Wochentagen der Verkehr tobt und tausende von Angestellten hektisch ihren Arbeitsplätzen zustreben, herrschte am Mittwochmorgen ruhige Gelassenheit. Offenbar waren viele Bedienstete von Banken und Versicherungen den Ratschlägen von Scotland Yard gefolgt, blieben entweder ganz zu Hause oder kamen unauffällig gekleidet zur Arbeit. Die Schaufenster vieler Finanzinstitutionen, aber auch von Gucci- und Hermès-Filialen sowie den allgegenwärtigen Sandwich-Shops waren verbarrikadiert, viele Geschäfte blieben geschlossen.

Das war die logische Folge jener Warnungen, mit denen die Sicherheitskräfte seit Wochen die britische Öffentlichkeit erschreckt hatten. Übereinstimmend beklagten die Organisatoren der Proteste die aggressive Vorgehensweise von Scotland Yard. "Das war unverantwortlich und hat zu Spannungen beigetragen", beklagte Lindsey German, Koordinatorin des Antikriegsmarsches. Erst in letzter Minute und auf Vermittlung eines Abgeordneten der liberaldemokratischen Opposition hatten sich hohe Polizeiführer zum Dialog mit den Demonstranten herabgelassen.

Banker als Gegner

Immerhin hatte die Polizei im Finanzdistrikt die Banker und Trader ausdrücklich davor gewarnt, ihre protestierenden Altersgenossen zu provozieren. Damit zogen die Sicherheitskräfte eine Konsequenz aus einem der letzten großen Krawalle in der City vor zehn Jahren. Damals hatten übermütige Banker die Demonstranten mit Champagner begossen und kopierte 50-Pfund-Scheine auf die Straße regnen lassen. Auch gestern mochten sich etliche nicht an die Vorsichtsregeln halten. Dass ihr Selbstbewusstsein geringer geworden sein könnte, manifestierte sich allenfalls in den vorgezeigten Pfundnoten: Es handelte sich um Zehner.

Während am "Tag der Finanznarren" in der City vier Demonstrationszüge, ironisch als die "vier Reiter der Apokalypse" bezeichnet, symbolisch die Bank of England belagerten, schlugen einige hundert Klimaschützer vor der Klimabörse ihre Zelte auf. Sie wollten damit gegen den Handel mit CO2-Zertifikaten protestieren.

Im Westen der Stadt marschierten Kriegsgegner von der US-Botschaft zum Trafalgar Square, dem traditionsreichen Endpunkt vieler Demonstrationen. Wie am vergangenen Wochenende changierten die mitgeführten Parolen zwischen ironischer Verspieltheit ("Schafft das Geld ab") und bedauernswertem Mangel an Einsicht in wirtschaftliche Zusammenhänge ("Wir zahlen nicht für eure Krise").

Der Großteil der Demonstranten feierte eine fröhliche Straßenparty, die Gipfelgegner schlugen Zelte auf und machten Musik. Sie wollten ihrem Unmut über das Versagen des Weltfinanzsystems Luft machen, das Großbritannien besonders hart getroffen hat. Die Banker halten sie dabei für die Hauptschuldigen an der schwersten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg.

Protest mit Folgen

Die je nach Interpretation sinistren oder lustigen Aufforderungen, "einen Banker aufzuknüpfen", blieben folgenlos. Hingegen haben die Sprüche von Revolution und Gewalt schon vorab einen der Organisatoren in Schwierigkeit gebracht: Anthropologie-Professor Chris Knight wurde von seinem Job an der Ost-Londoner Fachhochschule suspendiert, deren Campus in unmittelbarer Nähe des G-20-Tagungszentrums ExCel liegt. Ironisch hatte sich Knight gewünscht: "Wir wollen die Zentralbank in ein Bordell verwandeln!" Doch das Gebäude blieb seiner Funktion als kapitalistische Trutzburg treu.  (Sebastian Borger aus London/red/DER STANDARD, Printausgabe, 2.4.2009)

Kommentar posten
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Roman Seidl
00
dieses blatt

wäre vielleicht eine qualitätszeitung wenn es mal kommentar von inhalt trennen würde. das ist ja nicht zu ertragen

el puño rojo
 
04
5000 Leute

"nach Polizeiangaben" habt Ihr vergessen...

Man kann also davon ausgehen das es mindestens 3x soviele waren.

Wolf_001
 
20

wie bringt man eine katze dazu senf zu essen?

im kommunismus würde man ihr gewaltsam füttern wenn nötig!

im kapitalismus würde man den senf auf ihren allerwertesten schmieren und darauf warten bis ihr das jucken zu blöd wird...

Avicenna
 
011
Heuchelei

Es ist eine ziemliche Heuchelei sich jetzt darüber aufzuregen, dass der Protest und die Wut auf die Strasse getragen wird. Woher kommt die Naivität zu glauben, dass jedes asoziale, verantwortungslose und gierige Verhalten keine Konsequenzen hat? Fast niemand dieser Zocker und Geldvernichter wurde zur Verantwortung gezogen. Jeder kleine Dieb wird bestraft. Sogar nach (!) dem Crash haben sich diese Figuren noch Milliarden-Abfertigungen genehmigt. Dazu kommen noch Arroganz, Ignoranz und ein herablassendes Teflon-Getue, während 1000de ihre Arbeitsplätze verlieren. Wie ist einem zu Mute, wenn man um das Überleben seiner Familie kämpft? Die gänzlich unbescheidenen Abkassierer können das nicht verstehen. Sie stopfen sich die Taschen voll.

der postbote
124
ihr "wir zahlen nicht für eure krise"

seid genau so teil dieses systems und profitiert tagtäglich von dem, was ihr mit euren (teilweise gewalttätigen) protesten kritisiert.

ihr könnt auf eurem dell oder mac postings schreiben, weil die kleinen kinder in zentralafrika das für die herstellung der computer notwendigen edelmetalle aus dem boden schaufeln, ihr könnt euren bio-reis aus dem himalaya futtern, weil die ihren reis anstatt ihn selber zu essen, lieber an uns verkaufen, ihr könnt überhaupt erst forderungen nach grundsicherung für alle erheben, weil unser system das prinzipiell (aufgrund des enormen wohlstands) ermöglicht und ihr könnt demonstrieren, weil unsere böse gesellschaft euch den rahmen dafür bietet. und ihr müsst nicht hungern, weil das system euch zu essen gibt

Philippe Glatz
03
was wollen Sie?

Sollen wir jetzt alle aus Dankbarkeit verhungern oder uns selbst verbrennen? Weil dieses System soooo super war?

Ernst Guevara
08
das stimmt

nur bringen Sie ja selber gute gründe, warum dieses system eben nicht das beste aller zeiten ist. es ist kurzsichtig und eigentlich menschenverachtend, die soziale marktwirtschaft zu verherrlichen, wenn diese auf der ausbeutung der sog. "dritten welt" beruht. eben weil "wir" (=die mehrheit der europäer) von der kinderarbeit und dem hunger dort profitieren, sollten "wir" (=zumindest jene europäer, die die menschenrechte als unantastbar respektieren) daran arbeiten, dass dieses wirtschaftsystem in richtung globaler sozialer gerechtigkeit umgebaut wird.

der postbote
30
wir scheitern ja schon daran alleine bei uns selbst

in einem kleinen, überschaubaren land wie österreich, die soziale gerechtigkeit für restlos alle durchzusetzen. wie wollen sie das dann auf der ganzen welt erreichen? und das in einer anarchistischen, regel- und herrschaftslosen, unorganisierten gesellschaft?

ich kann kein system erkennen, dass besser dazu geeignet wäre (relativen) wohlstand für eine breite masse zu gewährleisten, als eine demokratische, sozial orientierte marktwirtschaft.

und wenn ich auf die menschheitsgeschichte zurückblicke, sehe ich in der tat kein system, das besser war als unseres.

Avicenna
 
00

"demokratische, sozial orientierte marktwirtschaft." Für diese habe ich in diesem Forum auch schon eine Lanze gebrochen (s. meine Postings). Und für Kommunismus habe ich gar nix übrig! Auch davon können sie sich lesenderweise gern überzeugen. Trotzdem oder deswegen halte ich Kritik am dzt. Zustand nicht nur für gerecht, sondern notwendig. Die Deregulierung der Finanzmärkte, die Anhäufung unvorstellbarer Reichtümer einiger weniger, das völlig verantwortungslose Handeln ohne Ethos, Moral und Solidarität gefährdet die Demokratie. Also genau das was wir wollen! Resultat der Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren waren Faschismus, Diktatur und Krieg. Nur dafür, weil ein paar ordentlich abzocken wollen? Sozialer Sprengstoff, nicht unterschätzen

Ernst Guevara
01
ich denke, niemand kann eine garantie abgeben, dass durch einen umbau des wirtschaftssystems zwangsläufig alles besser wird

aber ein umbau ist meiner meinung nach in jedem fall wünschenswert und notwendig. es ist ein risiko, aber vielleicht ist es immer noch besser, dieses risiko einzugehen, als die karre komplett an die wand zu fahren wie es gerade droht. und ich meine, der libertäre kommunismus hat kreative ansätze, wie man eine sozial gerechte und demokratische gesellschaft organisieren könnte. er hat sich menschheitsgeschichtlich bisher nicht durchgesetzt, aber das heisst nicht, dass er keine antworten auf unsere probleme gibt. spanien ist im übrigen ein beispiel, das zeigt, dass er durchaus auch überregional funktioniert. wenn man ihn nur lässt und nicht mit gewalt niederwirft.

Avicenna
 
00
Pablo Casals, Licht und Schatten auf einem langen Weg

"Die Verantwortung für den Spanischen Bürgerkrieg trugen allein jene, die gewaltsam eine legitime, vom Volk gewählte Regierung zu stürzen suchten (..) Für mich war es einfach eine Prinzipienfrage, die Spanische Republik zu unterstützen. Was hätte ich guten Gewissens anderes tun können?
Die einzigen Waffen, die ich hatte, waren mein Cello und mein Taktstock, und während des Bürgerkrieges habe ich sie, so gut ich konnte, eingesetzt, um die Sache zu unterstützen, an die ich glaubte - die Sache der Freiheit und Demokratie."

Pablo Casals, Cellist, Dirigent, Komponist, Katalane *29.12.1876 +22.10.1973
Komponierte die Hymne an den Frieden für die UNO.

Sitacui
00

Ich habe es befürchtet, dass das ganze so ausgeht. Die Unruhen sind von Österreich ausgegangen und haben den Rest Europas infiziert.

rant-a-bit
40
ich verstehe schon dass die demonstranten sauer sind...

aber der slogan ist schon reichlich dämlich...

natürlich zahlen wir für die krise, und das ist gut so!

denn die alternativen sind furchterregend...

kurz- bis mittelfristig geht es momentan nur um eines: das überleben und das abfedern der rezession.

aber das darf langfristig nicht ohne konsequenzen bleiben (regulation, nachhaltigkeit, neuer wirtschaftsstil etc.)

Ordoliberaler
01
Reisserische Überschrift.

In Wirklichkeit haben 40 gewaltbereitete sog. Demonstranten, die inzwischen bereits auf dem Weg nach Straßburg und Baden-Baden sind, eine Filiale der RBS gestürmt. Von einer Zentrale keine Spur. Außerdem assoziiert jeder "Zentralbank" mit der Nationalbank.

Wahl 09
70

der mob ist einfach großartig im identifizieren von sündenböcken. den sollte man nicht missunterschätzen...
einmal warens die hxen, dann die jden und jetzt die banker. und, ist der mob einmal mit seinen schnellen, spontanten sündenbocksidentifikationsaktionen daneben gelegen?

und der clinton sitzt in ruhe in pension und freut sich, dass kredite aufgrund von hautfarbe vergeben wurden und nicht aufgrund von finanziellen kriterien. das leben kann so schön sein, man muss nur wollen...

rant-a-bit
41
also ich hab keinerlei symphatie mit den bankern

aber die slogans sind auf keinen fall lustig...

tauschen sie das wort banker mit dem wort juden aus und keiner lacht mehr...

Apoc
01
Wenn die Banker damit verdienen könnten, würde die lachen!

badblackguy.blogspot.com
 
45
Warum werden Demos von gewaltbereiten Linken verteidigt und Demos von Rechten verboten?

Die Meinungsfreiheit hat in Österreich anscheinend ein
kleines Problem.

Einige Standard User schreien sofort nach einem Verbot,
wenn der Standard irgendwo eine Demo von Rechten
ankündigt. Die Meinungsfreiheit ist für jene kein Argument.

Einige Standard User verteidigen sofort die Demos von Linken
bei denen es zu Ausschreitungen gekommen ist.
Wer hier ein Verbot fordert dem wird unterstellt er
achte die Meinungsfreiheit nicht.

Wann war die letzte Demo gegen einen G-X Gipfel, wo
Demonstranten nicht irgendetwas verwüstet haben?

Doppelmoral, nein die gibt es nicht bei Linken!

MFG

Cosmic Slop
 
01
Die "linken Chaoten" sind meistens eingeschleuste Provokateure

die rechten sind echt. Das ist der Unterschied.

Artischocke
 
12
"Die Meinungsfreiheit hat in Österreich anscheinend ein kleines Problem. "

Von: badblackguy.blogspot.com
02.04.2009 11:07
Die Demos der Linksextremen gehören genauso verboten wie die der Rechtsextremen!

Und Sie erzählen uns was von Doppelmoral? xD

badblackguy.blogspot.com
 
00
Wissen sie was Provokation ist?

Das Posting was sie zitieren war als Provokation gedacht
um auszutesten wie die Linken reagieren.

Die Reaktionen waren für mich der Auslöser um dieses
zu schreiben.

Doppelmoral:
Demos von Linken nicht verbieten, weil die Meinungsfreiheit
verletzt wird.
Demos von Rechten sofort verbieten, aber da spielt die
Meinungsfreiheit keine Rolle.

Entweder alle verbieten oder keine verbieten!
MFG

rant-a-bit
00
doppelmoral

gibts aber auch bei den rechten ;)

unterschichtskind auf dem weg nach oben
00

na, weil die wichtigste Voraussetzung von freier Meinungsäußerung etwas in den Hintergrund gerückt ist - nämlich die Freiheit zu haben, gegen jede Meinung sein zu können und gegen Äußerungen, einen Gegenstandpunkt einnehmen zu können.
Freie Meinungsäußerung ohne die Möglichkeit einer Widerrede/Ablehung ist keine freie Meinungsäußerung.

FerdlGriesgram
01

Verwüstet sind zuallererst die Lebensbedingungen der Menschen...

Nashwin_Fuller
 
00

Die Hamas durfte sogar vor der Wiener Staatsoper aufmarschieren. Und skurriler Weise fanden sich dann im Demonstrationszug plötzlich die antijüdischen Linksextremen und antisemitischen Rechtsextremen Seite an Seite.

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