Kugelfisch zur zehnten Potenz

Schmücking, 14. April 2009, 16:03
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    Hier geht's ins Innere der Kugel: Der Eingang des Yamamoto, unweit des Tokioter Fischmarkts.

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    Im Vordergrund: Shirako, der Milchner vom Fugu. Wir von Schmecks haben uns ja schon gefragt, wo der ja an sich nicht so rasend große Kugelfisch diese gewaltigen Portionen Samen unterbringt.

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    Gestatten, Fugu.

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    Folklore mit dem Kugelfisch.

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    Da hätten wir noch den mitgebrachten Wein, den uns Bioweinmarketer Schmücking zum Kugelfisch empfiehlt.

Poster kosten: Jürgen Schmücking* isst sich in Tokio durch bis zum Fugu-Samen, vom Äußersten ins Innerste der Kugel

Knapp zweieinhalb Jahre ist es her, seit Harald Fidler sich in Tokio die Kugel gab. Am Wissensstand über den Fugu und sein Gift hat sich seither nicht viel geändert. Eigentlich ist es überall im Körper, am höchsten konzentriert aber eben in der Haut und ein paar inneren Organen, allen voran in der Leber.

Das Gift hat Saison

Saison hat das Gift auch. Fugu-Restaurants, die Tiere aus Wildfang verarbeiten, haben von April bis September geschlossen, weil die Giftkonzentration in dieser Zeit am höchsten ist. In jenen Lokalen, in denen ganzjährig Fugu angeboten wird, kommt in der Regel Taki Fugu aus Zuchtbetrieben auf den Teller. Der schmeckt allerdings (weit) nicht so gut wie Fugu aus Wildfang, ist dafür aber völlig ungiftig. Die Kugelfische erwerben ihre Fähigkeit, das tödliche Gift Tetrododoxin zu produzieren nämlich erst (und nur) in freier Wildbahn.

Wer also in Japan im Herbst oder Winter Kugelfisch essen will (und möglicherweise auch noch ein Lokal mit Aquarium entdeckt), i(s)st garantiert auf der sicheren Seite. Der Haken daran: man wird sowohl um den Kick, wie auch um das kulinarische Erlebnis betrogen. Zum Glück geht´s auch besser. Viel besser.

Gedämpfte Haut

Yamamoto heisst das Zauberwort, das das Tor zum Fugu-Paradies öffnet. Nein, nicht der Starkoch Seiji Yamamoto. Gemeint ist ein kleines Lokal in unmittelbarer Nähe zum Tsujiki-Fischmarkt, hat seit der Ausgabe 2009 aber auch 2 Sterne. Das Lokal selber ist überschaubar. Ein kleiner Counter, um dem Chef beim Hantieren mit den Messern zuzuschauen, 3 oder 4 „private rooms".

Es gibt keine Auswahl. Wenn man isst, nimmt man das Menü. Das allerdings hat es in sich. Zu Beginn gleich ein fulminanter Auftakt. Nikogori, oder Sulz mit gedämpfter Fuguhaut. Butterweiche Konsistenz und ein enorm kräftiges Aroma nach Nuss und Seetang. Danach zwei Gänge mit weissem Fleisch aus den Bauchlappen des Fischs. Der erste einem Tartar ähnlich angerichtet, der zweite mit Reis und Seegras. Beide Gänge interessant, gut, aber wie Fidler schon schrieb: irgendwo im Dreigestirn zwischen Huhn, Tintenfisch und Frosch.

Fugu als Chrysantheme

Dann aber Hallo! Sashimi in der Form einer Crysanthemenblüte arrangiert, dazu wieder Haut (diesmal knusprig gebraten) und Seegras. Die Scheiben werden vom Chef nicht ganz so hauchdünn geschnitten, wie sonst üblich. Das Interessanteste daran ist nämlich weniger der Geschmack, als vielmehr der Biss. Richtig gut, wird das Zeug aber gemeinsam mit der knackigen Haut.

Noch ein Gang vor den innersten Werten. Nakaochi, ein Steak, das eine gute Woche, bevor es auf den Grill kam, in einer Soja-Whiskey-Marinade eingelegt war. Das Fleisch wieder irgendwie nahe am Huhn, durch die Marinade aber recht würzig und ausgesprochen gut. Das war übrigens genau die Stelle, an der die empfohlene Getränkebegleitung ihren großen Trumpf ausspielte. Warmer Junmai Ginjo-shu Sake mit gegrillten Fuguflossen. Bei keinem anderen Gang kamen die rustikal-maritimen Noten dieses Sake besser zur Geltung, als beim T-Bone Steak.

Milchner vom Fugu

Was danach kam, war der absolute Höhepunkt des Menüs. Vorweg: ich warte Jahr für Jahr auf die jungen Milchner, weil ich Karpfensperma einfach köstlich finde. Deshalb war meine Vorfreude auf "Shirako", die Gonaden des Kugelfischs, vergleichbar mit der Vorfreude der Japaner auf "Sakura", ihren jährlichen Kirschblütenwahnsinn.

Eiersack in Suppe und frittiert

Das Zeug ist unglaublich. Struktur und Mundgefühl sind ähnlich wie Burrata, aber in Kombination mit einer verführerisch milden Süsse und einer Idee von warmer Meeresbrise. Teil 1 der Hoden kommt in warmer Misosuppe, die gerade mal soviel Eigenaroma mitbringt, dass Shirako eine kleine passende Bühne hat. Zum Versinken gut. Der andere Eiersack (das Bild zeigt die - unkommentierte - Grösse der beiden) wird frittiert serviert. Das setzt geschmacklich noch eins drauf und lässt das Gespräch im Raum kurz verstummen.

Tscheppe statt Sake

Der Sake hat hier übrigens ausgedient. Stattdessen spiele ich meinen Trumpf aus und lasse mein "Mitbringsel" aus dem Kühlhaus holen. Ex Vero Legoth von Ewald Tscheppe, Südsteiermark. Keine weiteren Fragen - nicht einmal vom Chef. Die Geradlinigkeit des Weins gab der frittierten Männlichkeit einen Schliff, der einem durch Mark und Bein ging.

Zum Abschluss ein immer wiederkehrendes kulinarisches Ritual. Die Reste vom Fisch inklusive dem Kopf kommen mit etwas Gemüse und Seetang in eine Suppe, der Fisch (und das Gemüse) werden verspeist, danach wird aus der verbleibenden Suppe ein einfaches Reisgericht gemacht, das das Menü abschließt. Sehr gut, aber weit weg von dem was davor war.

* Jürgen Schmücking leitet das Weinmarketing der Plattform Bio Austria von Biobauern und Biobäuerinnen. Im Verlag Holzhausen erschien sein Buch "Bio Genuss Guide".

Schmecks ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.

Poster kosten: Schmecks lädt Userinnen und User zum Gastschreiben.

Kommentar posten
22 Postings
Franz Vejvoda
10
15.4.2009, 15:50

das liest sich alles lecker - vielen dank für den interessanten beitrag.

ich werde am wochenende meiner frau auch gleich so einen fisch zubereiten ... ;-)

Vayav indrasca
00
22.10.2010, 13:27

Ihnen vielen Dank für das L-Wort

joseba beloki
00
15.4.2009, 14:21
was zahlt man denn für feines japanisches essen in tokio?

nur für den fall, dass ich mal die gelegenheit haben sollte, in die gegend zu gelangen.

Jürgen Schmücking
 
00
16.4.2009, 13:37
für feines essen

... gibt´s in tokio eine ziemliche bandbreite. einfache sushibars bieten kulinarisches vergnügen auf hohem niveau - zwischen 20 und 40 €.
in lokalen wie XEX, An & Co wirds eine spur teurer, aber auch ein bissl exotischer. menü inklusive sushi vom barracuda, heilbuttleber in hauchdünnem heilbutt-sashimi oder was der markt eben sonst an frischem bietet: 80 - 100,-. ebenfall in dieser preisklasse fangen auch gute teppanyaki-lokale an - auch mit wagyu-rind. wenn die kuh aus kobe kommen soll, wirds unverhältnismäßig teurer.
fugu gibt`s ab ca. 50,- im yamamoto empfindlich mehr.

Rene Stangeler
00
21.4.2009, 22:19
Ich fand das Essen in Japan

(war gerade 4 Wochen im Land unterwegs) eigentlich recht günstig. Klar, nach oben gibts fast keine Grenzen, aber ich fand die Qualität überall (auch in Automatenlokalen) durchwegs sehr gut. Kobe Rind unverhältnissmässig teuer finde ich nicht. Im Crown Plaza in Kobe als Lunchmenü um ca 60 Euro (180 Gramm) und a la carte 200 Gramm um rund 100 Euro finde ich nicht übertrieben. Tokio ist sicher teurer. Fisch bei den Standeln un Lokalen rund um den Tsukiji Fischmarkt ist auch recht günstig und natürlich von bester Qualität. Sashimi ist eigentlich nicht das Meinige (mir sind die Stücke zu dick geschnitten), in Japan liebte ich es. Allerdings gibt es diese Qualität in Ö. nicht in leistbarer (für mich zumindest) Qualität.

Rene Stangeler
00
21.4.2009, 22:06
Ich hab in Tokio

um rund 30 Euro sehr gut gegesen. Essen ist eigentlich relativ billig in Japan, geschmeckt hats mir überall. Ramen in einfachen Buden um ca 6 Euro, in gutem Lokal ca 10 Euro. Hab in Kobe für ein Mittagsmenü mit Suppe, Kobe Rind (180 Gramm) mit diversen Beilagen, Kartoffeln, verschiedene Gemüse, obligatorische Essiggemüse sowie Dessert (Kugel Eis) sowie Kaffee 7500 Yen bezahlt - ungefähr 60 Euro. Es war definitiv das beste Stück Fleisch das ich je gegessen habe.Kugelfisch in Shimonisheki war recht günstig. Direkt am Hafen ein Kugelfischmenü (gebraten, gebacken, gekocht in der Suppe sowie roh) um 2200 Yen, rund 18 Euro. 6 Sushi mit Kugelfisch etwas über 10 Euro. Fugu ist in dem Ort nix besonderes.

Jürgen Schmücking
 
00
23.4.2009, 08:48
Gut & Fein

sie haben natürlich recht. klar kann man in japan viel günstiger und trotzdem ausnehmend gut essen. ich habe die straßenstandln in und um tsujiki auch geliebt und meine lieblings-sushi-bar ist eine in die jahre gekommene bude gleich hinterm bahnhof shinbashi. vielleicht hab ich beloki ja falsch verstanden. bei mir gibt´s aber einen unterschied zwischen gut essen und fein essen, der sich ausschließlich aufs umfeld bezieht. Gut essen konnte ich in tokio überall. zum "fein essen" gehören (für mich) aber auch ambiente des lokals, persönliche betreuung, professioneller service, komplexität am teller, know how und reputation des chefs, erstklassige wein- oder sakeauswahl. und das kostet halt - aber "fein essen" geht man ja auch nicht jeden tag.

joseba beloki
00
17.4.2009, 15:58

danke sehr!

Mahlstrom ins Nichts
00
15.4.2009, 13:13
OH GOTT

das ist zwar wirklich wahnsinnig amüsant ge/beschrieben, aber irgendwo beim Fischsperma konnte ich dann nicht mehr...

Buy n Large
00
15.4.2009, 13:11
die Frage ist:

Was wurde eigentlich aus Mr. Puff?

Van Braun
00
15.4.2009, 12:41
"...weil ich Karpfensperma einfach köstlich finde..."

Karpfen-Bukkake?

selmasupersad
 
00
15.4.2009, 23:28

haha, wäh!

Ava Tar
41
15.4.2009, 11:25
Ihr Glücklichen

wenn euch solches Zeug schmeckt dann könnt ihr euch ja jeden Abend selbst euer Betthupferl abzapfen. Statt des Fischsacks tut's sicher auch eine Oblate oder Backteig. Wohl bekomm's ;o)

Stee
00
15.4.2009, 10:34

Na, da feiern die Beistriche fröhliche Urständ', in dem Beitrag.

A Voice
00
15.4.2009, 08:58
Sehr interessant

ich will wirklich nicht alles kosten (zB Fugu oder Fischsamen oder ...), aber ich lese gerne, wie andere etwas geniessen. Vielen Dank!

Der Große von Gegenüber
00
15.4.2009, 07:45
Eiersack in Suppe?

Hab ich noch nie probiert. War mir immer zu heiß ...

geilhuber
00
14.4.2009, 21:09
fugu sushi und sashimi

ist wirklich sehr delikat!!!

Poldi Schrumpl
40
14.4.2009, 19:41
gutes viral advertising!

der standard.at lässt sich auch immer wieder was neues einfallen....

schmecks
01
14.4.2009, 20:03

Wir haben ausgewiesen, was der Mann sonst so macht.
Besten Gruß,
Harald Fidler

Poldi Schrumpl
20
14.4.2009, 21:54

stimmt, am ende des artikels...

schmecks
02
15.4.2009, 00:09

genau. wie bei jedem kommentar der anderen in der zeitung und auf dieser onlineplattform. und, als extra zur früherkennung, ein sternchen gleich hinter dem namen, das auf die fußnote verweist. fußnote, wie in ein paar millionen büchern.
besten gruß,
fid

jumpingjack flash
00
14.4.2009, 17:14

wow -toller artikel bravo! - für mich ist vieles wie von einem anderen planeten - interessant was es alles gibt - und auf giftigen fisch einen "ex" wein - alle achtung, mutig!

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