
Wo ist der rechte Oberarm geblieben? Schnittspuren deuten auf eine Amputation hin, die der Patient nicht überlebte.
Der Mann hatte wohl kein leichtes Leben. Eine Delle in der rechten Vorderhälfte seines Schädels deutet auf eine Fraktur hin, die allerdings gut verheilte. Eine gebrochene linke Rippe war ebenfalls wieder ordentlich zusammengewachsen. Schlimmer dürften den Unbekannten die krankhaft verwachsenen Brust- und Lendenwirbel geplagt haben, und als er im Alter von 40 bis 45 Jahren verstarb, musste seine Beweglichkeit erheblich eingeschränkt gewesen sein.
Die Todesursache lässt sich nicht eindeutig klären, doch es gibt Hinweise: So wurden zum Beispiel die Zehen und Teile beider Füße des Mannes noch zu Lebzeiten abgetrennt, quer durch die Mittelfußknochen. Eine ernsthafte Verstümmelung, aber womöglich auch eine lebensverlängernde Maßnahme.
Der rätselhafte Tote lebte vor mehr als 3500 Jahren im alten Ägypten, wahrscheinlich während der Ersten Zwischenzeit, und seine sterblichen Überreste fanden Wissenschafter bei Ausgrabungen in Zone 9A des Nekropolis Dayr al-Bashra, ungefähr 270 km südlich von Kairo am Ostufer des Nils.
Abgesägte Gliedmaßen
Ein US-amerikanisch-belgisches Forscherteam unter Leitung der Anthropologin Tosha Dupras von der University of Central Florida hat dieses und weitere dort begrabene Skelette detailliert untersucht und machte dabei eine aufregende Entdeckung: Bei insgesamt drei Verstorbenen fehlten Teile von Gliedmaßen, welche offensichtlich abgeschnitten oder abgesägt worden waren.
Die Stumpen verheilten anschließend, die Personen müssen also noch längere Zeit danach gelebt haben. Dem Gerippe eines jungen Mannes fehlte der linke Unterarm, was jedoch theoretisch auch eine Unfallfolge sein könnte. Interessanter sind dagegen der Mann aus Zone 9A sowie ein Paar Füße aus einem benachbarten Areal (Zone 4), bei denen die Mittelfußknochen ebenfalls quer durchtrennt wurden.
Genau solche Amputationen werden heutzutage bei schwer geschädigten Diabetes-Patienten mit lebensgefährlicher Gangrän an den Zehen durchgeführt, schreiben die an der Untersuchung beteiligten Experten in einer Online-Vorabveröffentlichung des Fachmagazins International Journal of Osteoarchaeology.
Jahrzehntelange Debatten
Über die Frage, ob und wie die alten Ägypter eventuell chirurgische Techniken beherrschten, debattieren Forscher bereits seit Jahrzehnten. Zwar glauben viele Fachleute daran, dass solche medizinischen Praktiken bereits früh am Nil verbreitet waren, die Beweislage ist aber minimal. Die bislang bekannten Papyrusschriften zur Heilkunst enthalten keine klaren Hinweise.
Bedeutend ist dagegen der Fund einer etwa 3000 Jahre alten Frauenmumie, die in der Nekropolis von Theben bestattet war. An ihrem rechten Fuß trug sie eine sehr avanciert gestaltete, funktionelle Prothese als Ersatz für den - eventuell - amputierten großen Zeh (vgl. The Lancet, Bd. 356, S. 2176).
Die Frau aus Theben und der Fußamputierte aus Zone 9A in Dayr al-Bashra hatten etwas gemeinsam: In beiden zeigten die Skelette Anzeichen von Osteopenie - Knochenschwund, der ein regelmäßiges Begleitsymptom von Diabetes ist. Auch die verwachsenen Wirbel des Mannes weisen auf die Zuckerkrankheit hin.
Dass Diabetes im alten Ägypten bereits auftrat, geht aus erhaltenen Schriften hervor. Amputation als Maßnahme gegen eine durch die Krankheit ausgelöste Gangrän erscheint als eine logische Folge. Doch warum fanden Wissenschafter bislang nie Hinweise auf solche Praktiken?
Vielleicht hat man einfach nicht so genau hingeschaut. Die Anwendung physisch-anthropologischer Methoden sei ziemlich neu in der Ägyptologie, sagt Tosha Dupras im Gespräch mit dem Standard. "Weitere Fälle von Amputation werden wahrscheinlich in Zukunft auftauchen."
Bei einem weiteren Skelett aus Dayr al-Bashra fanden Dupras und Kollegen übrigens Schnittspuren am zertrümmerten rechten Oberarmknochen. Sie deuten dies als Versuch einer Notamputation bei einem Verwundeten. Sie wurde aber nicht zu Ende geführt, der Mann erlag rasch seinen Verletzungen. (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, Printausgabe, 01.04.2009)
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