Industrie zeichnet düsteres Bild

31. März 2009, 18:58
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Österreichs Industrie schätzt die Konjunktur pessimistischer ein als die Wirtschaftsforscher und erhöht den Druck auf die Politik

Wien - Die Industriellenvereinigung (IV) kann die vergleichsweise positiven Szenarien der Wirtschaftsforscher nicht nachvollziehen. "Wir halten minus drei bis minus vier Prozent für realistisch", sagt IV-Präsident Veit Sorger. "Wir erwarten, dass sich der Abschwung in den nächsten Wochen und Monaten noch verflacht." Das Wirtschaftsforschungsinstitut war am Freitag in seiner Prognose vom einem BIP-Rückgang von 2,2, das Institut für Höhere Studien von 2,7 Prozent ausgegangen.

Böhler-Chef und Voest-Vorstandsmitglied Claus J. Raidl formuliert sein Missfallen noch deutlicher: "Ich bin gegen den gelogenen Optimismus mancher Kammerfunktionäre." Faktum sei, dass Exporte und Investitionen (minus 30 Prozent) "wegbrechen" und der Konsum folgen werde.

Die IV unterfütterte ihre Warnrufe mit pessimistischem Datenmaterial: Die Industrieproduktion ist binnen eines Quartals zwischen September 2008 und Jänner 2009 um ein Viertel eingebrochen. Ohne Baubereich beträgt der Rückgang sogar 33,7 Prozent. "Wir haben eine ganze Dekade industrieller Expansion verloren", erklärte IV-Chefökonom Christian Helmenstein. Der Tiefpunkt werde nicht vor dem dritten Quartal erreicht, am Arbeitsmarkt "nicht vor dem zweiten Quartal 2010", so Sorger. In diesem Punkt ist sich die IV in ihrer Einschätzung mit Wifo und IHS einig, dass der Höhepunkt auch erst 2010/2011 erreicht werden könnte. Eine Erholung erwartet Helmenstein erstmals nicht durch einen Aufschwung in den USA oder Europa, sondern aufgrund positiver Entwicklungen in den "emerging markets" in Asien - also vor allem China.

Beyrer verwundert

IV-Generalsekretär Markus Beyrer zeigte sich verwundert über die Reaktionen auf seinen Vorschlag, Nulllohnrunden zu vereinbaren oder die Lohnverhandlungen zu verschieben. "Ich kann das Märchen von der Kaufkraft, die alles gutmacht, nicht mehr hören."

Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner, der den Vorstoß ebenfalls abgelehnt hatte, wollte der IV-General nicht als Märchenerzähler titulieren. "Ich verstehe die Aufregung nicht. Die Regierung selbst ist mit einer Nulllohnrunde vorangegangen", sagte Sorger.

Zur Nulllohnrunde entschlug sich Raidl als "Nichtverhandler" einer Empfehlung, bezüglich Kaufkraft-Mythos legte er im Klub der Wirtschaftspublizisten allerdings nach: Lohnerhöhungen seien nur für unterste Einkommensschichten wichtig, weil konsumbelebend. "Der Rest geht in Sparstrumpf und Export respektive in Importgüter."

Eine Lanze brach Raidl für eine Reform der Kurzarbeit und für Staatsgarantien für die Industrie. Zur Kurzarbeit solle das AMS mehr zuzahlen, sonst sei sie zur Linderung der Krise ungeeignet und die Industrie werde Kündigungen machen müssen. Industriekonzerne bräuchten Staatsschutz wie die Banken. Auf die Steuereinnahmen schlug die Krise übrigens noch nicht durch, sie sanken im Jänner und Februar 2009 gegenüber 2008 um 40 Mio. Euro. (afs, ung, szem, DER STANDARD, Printausgabe, 1.4.2009)

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