Märchenerzähler am Werk

31. März 2009, 17:59
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Das Ausblenden der Kaufkraft durch die Industrie beschleunigt die Abwärtsspirale - Von Luise Ungerboeck

Die Brüder Grimm hätten die Geschichte nicht grauslicher erfinden können. Die Welt erlebt Absatz- und Produktionseinbrüche, wie sie - zumindest die Nachkriegsgeneration - nur aus dem Geschichtsbuch kennt. Und weil nicht einmal die Propheten halbwegs eine Ahnung haben, wie schlimm es tatsächlich kommen könnte, beginnt sich zur Rezession schleichend eine Depression zu gesellen. Vorerst wohl nur mental, aber wenn sich die Abwärtsspirale weiter dreht, wenn tausende Beschäftigte ihre Arbeitsplätze verlieren, dann wird sie für alle spürbar. Dann bekommt sie das Gesicht des Nachbars, des Bruders, der Arbeitskollegin.

Sitzt sie einmal am Tisch, die Depression, ist für jenen Nährboden gesorgt, auf dem Panik hervorragend blüht und gedeiht. Die Verbraucher werden beginnen, jeden Euro zweimal umzudrehen, wer noch einen Arbeitsplatz hat, wird sein Geld für noch schlechtere Zeiten horten, und dann wird nach der Inlandsnachfrage (die auch Industrieaufträge enthält) auch der private Konsum zusammenbrechen. Der spielte im Konjunkturstück zwar nie eine tragende Rolle wie etwa in den USA, war aber ein wichtiger Nebendarsteller - laut Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo sogar der letzte stabile in der Schrumpfkonjunktur.

Mag sein, dass sich die Ökonomen ihre schlechten Nachrichten mit Zweckoptimismus schönreden. Vielleicht sind Wifo und IHS sogar zu Verschönerungsvereinen verkommen und niemand hat es gemerkt. Wenn die Industriellenvereinigung die Experteneinschätzung über den privaten Konsum neuerdings ins Reich der Märchenstunde verweist, dann schießt sie wohl weit über das Ziel hinaus.

Wenn sie das mit geballter Ladung auch noch unmittelbar vor extrem heiklen Lohnverhandlungen tut, dann haben sich die Leute von der Österreich-AG bis zu einem gewissen Grad selbst demaskiert. Sie wollen den Druck erhöhen, Arbeitgeber und Arbeitnehmer-Verhandler gleichermaßen einschüchtern. Dafür ist den Lobbyisten vom Schwarzenbergplatz offensichtlich jedes Mittel recht. Denn wohl ist es gut, wenn sie vor Gefahren und Übermut warnen und Vorsicht einmahnen. Das ist Pflichtprogramm des ordentlichen Kaufmanns.

Die Junktimierung des (verständlichen) Wunsches nach einer Nulllohnrunde mit einem umfassenden Forderungspaket an Staat und Steuerzahler, das in dem aus dem Ruder laufenden Budget weitere Milliardenlöcher reißen wird, gehört allerdings schon eher in die Kategorie Voodoo-Ökonomie. Es stimmt, die von den Sozialpartnern ausverhandelte Kurzarbeit ist nicht billig, und sie schon gar nicht gratis. Aber sie ist auch nicht so teuer, wie sie von der Industrie dargestellt wird, denn die Erwerbstätigen verzichten auf einen Teil ihrer Löhne und Gehälter, und das aus Budget sowie Beiträgen der Arbeitgeber und -nehmer gespeiste Arbeitsmarktservice nimmt den Arbeitgebern einen Teil ihrer Kosten ab. Noch weisen nur eine Handvoll Konzerne echte Verluste aus, daher sollte sich der Staat das Budget für großzügige Geschenke für schlechtere Zeiten aufsparen. Denn solange ausreichend Geld für Dividenden da ist, kann der legendäre Fensterkitt nicht angeknabbert sein.

Recht hat die Industrie hingegen mit ihrer Forderung nach Staatsgarantien für Anleihen. Die sind zwar riskant für den Staatshaushalt, für die finanzkrisenbedingt ausgetrocknete Liquidität aber enorm wichtig. Wenn Geldausborgen unbezahlbar teuer wird, wird es auch im täglichen Geschäft eng, gar nicht zu reden von antizyklischen Investitionen.

Wenn das ökonomische Märchen ein gutes Ende haben soll, sollte die Industrie aufhören, Schauergeschichten zu erzählen, sondern verhandeln. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Printausgabe, 1.4.2009)

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