Rot steht für fett

31. März 2009, 18:05
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ExpertInnen kritisieren die Entmündigung durch farbliche Markierung von "Risikolebensmitteln", wie sie vom Ministerium für Gesundheit empfohlen wird

Der Ernährungsbericht 2008 sagt es uns einmal wieder: "Wir" essen zu fett, zu salzig und sind überhaupt zu übergewichtig. Essen sollen wir somit nur, was gesund ist und Energie liefert, unnötige "leere Kalorien", wie sie beispielsweise in Alkohol vorkommen, sind zu vermeiden, heißt es in einer Zusammenfassung des Berichtes. Der in der letzten Märzwoche vom Bundesministerium für Gesundheit präsentierte Ernährungsbericht listet die verschiedenen Fehler in der Ernährung ebenso wie ihre Folgen auf: 42 Prozent von 18-45 Jährigen sind laut dem Bericht übergewichtig.

Rot ist böse, grün ist gut

Eine mögliche Maßnahme für bessere Ernährung wurde in einer Aussendung des Gesundheitsministeriums thematisiert. Der Vorschlag lautet, dass eine "Ampellösung" die "unlesbaren" Nährwertkennzeichnungen ersetzen könnte. Diese Lösung sieht vor, dass Lebensmittel Rot, Gelb und Grün gekennzeichnet werden. Rot steht für einen hohen Anteil an Zucker, Fett oder Salz und Grün für einen niedrigen Anteil.

Für die ExpertInnen von "sowhat" wird damit aber ein "Schritt in Richtung Entmündigung der Bevölkerung" getan. "Als entmündigend sehen wir diese Ampellösung deshalb, weil sich die KonsumentInnen selbst keine Gedanken machen müssen. Sie müssen einfach nur mehr zu Grün greifen", so Katrin Draxl gegenüber dieStandard.at. Draxl ist Mitarbeiterin in dem Institut für Menschen mit Essstörungen, das zu 98 Prozent Frauen berät und betreut.

Draxler kritisiert auch das in der Aussendung des Ministeriums hervorgehobene Beispiel: "Nachdenklich stimmt auch die schlechte Energie- und Nährstoffzufuhr, insbesondere bei Menschen mit Migrationshintergrund", ist in dem Bericht zu lesen.

Klassifizierungen

Laut Draxler muss somit auch berücksichtig werden, dass durch die farbliche Markierung der Lebensmittel sowohl KonsumentInnen mit eingeschränkten finanziellen Mitteln, als auch Menschen mit Essstörungen öffentlich stigmatisiert werden. 43 Prozent der von sowhat betreuten Frauen leiden unter Bulimie, 38 Prozent leiden unter Binge Eating. Die bei diesen Essstörungen auftretenden Heißhungeranfälle könnten so die Betroffenen in beschämende Situationen bringen, wenn sie als schädlich qualifizierte Lebensmittel in großen Mengen kaufen. sowhat warnt deshalb davor, "mit den Lebensmitteln auch Menschen zu klassifizieren."

Anstelle von Markierungen sollte "an der Selbstwahrnehmung gearbeitet werden", so Draxler. Sie sieht das Problem der Fehlernährung somit auch in einem mangelnden Gefühl für Sättigung oder Hunger. Aber anstelle von Fremdbestimmung müsse daran gearbeitet werden, dass die Selbstwahrnehmung geschult werde, so die Expertin.

Konkrete Umsetzungspläne gibt es für die Ampellösung noch keine, sie ist vorerst lediglich ein Teil des "Nationalen Aktionsplans für Ernährung" hieß es aus dem Ministerium auf Nachfrage von dieStandard.at.

sowhat wünscht sich bei Maßnahmen zu gesunder Ernährung ein stärkeres Augenmerk auf die "Bedeutung von Lebensmitteln im Sinne von 'Mittel zum Leben' und auch auf die lustvollen Aspekte von Essen und Trinken", so Draxler abschließend. (beaha, dieStandard.at, 31.3.2009)

 

Info:
sowhat - Institut für Menschen mit Essstörungen
Gerstnerstrasse 3, 1150 Wien
www.sowhat.at

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    In Grossbritannien wird die Ampellösung bereits praktiziert.

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