"Verwandeleien" des Körpers

31. März 2009, 17:47
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Pantomimin und Tänzerin Cilli Wang - eine Ausstellung zum 100. Geburtstag in Wien

Wien - Ernst sitzen sie, in stummer Runde, in der Bibliothek des Literaturhauses. Drei Herren im Anzug: Sigmund Freud, Franz Kafka und Karl Kraus - die drei Weisen Wiens (einer von ihnen aus Prag entliehen). Sie haben sich, kann man vermuten, manches zu sagen.

Die wundersamen Doppelgänger zählen zum Spätwerk von Cilli Wang nach 1975. Die Tänzerin und Pantomimin hatte sich damals von der Bühne zurückgezogen und war nach Wien zurückgekehrt. - In die Stadt, in der sie 1909 geboren worden war - und aus der sie die Nationalsozialisten 1938 ins Exil getrieben hatten.
Das handwerkliche Wissen ihrer Puppenkunst verdankte sie der Geldnot: Ihre Ausbildung zur Tänzerin an der Wiener Akademie für Musik und darstellende Kunst hatte Cilli Wang selbst finanziert - durch die Arbeit in einem so genannten Kunstgewerbeatelier.

Immer wieder ließ sich die Verwandlungskünstlerin vom Zufall den Weg weisen. Noch während des Studiums inspirierte sie der Gedicht-Vortrag eines Studienkollegen, Ernst Ceiss, zu einer tänzerischen Improvisation - wenig später traten die beiden als Duo auf, etwa im Wiener Kabarett Simpl.

Eine Sprache war gefunden. Später selbst die Texte deklamierend, war Cilli Wang bald gefragter Gast in Berlin oder in Erika Manns Zürcher "Pfeffermühle". Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Autor und Regisseur Hans Schlesinger, entwickelte sie Programme, mit denen sie durch Europa tourte. Den März 1938 verbrachte das Paar in London - und ging von dort nach Den Haag, ins niederländische Exil. Nach der Besetzung durch die Nationalsozialisten 1940 verengte sich dieses zum finsteren Versteck, das Hans Schlesinger nicht überleben sollte. Er starb im April 1945.

Cilli Wang entwickelte in der Nachkriegszeit pantomimische "One-Woman-Shows", tanzte mit selbstgefertigten Puppen als Partnern vor Kindern und Erwachsenen in aller Welt und lebte in den Niederlanden.

Die Leiterin der Wiener Exilbibliothek, Ursula Seeber, nahm nun den 100. Geburtstag der Künstlerin zum Anlass für eine wunderbare kleine Ausstellung im Literaturhaus mit vielen erstmals gezeigten Exponaten. Und drei Weisen. (Cornelia Niedermeier, DER STANDARD/Printausgabe, 01.04.2009)

Bis 24. April

Literaturhaus, 7., Seidengasse 13
Öffnungszeiten: Mo, Mi 9.00-17.00, Di 9.00-19.00, Fr 9.00-15.00

Link:
http://www.literaturhaus.at

  • "Gäbe es Verwandlung noch nicht - sie hätte sie erfunden", schrieb
Elias Canetti, jahrzehntelang eine treuer Freund, über Cilli Wang.
    foto: literaturhaus

    "Gäbe es Verwandlung noch nicht - sie hätte sie erfunden", schrieb Elias Canetti, jahrzehntelang eine treuer Freund, über Cilli Wang.

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