Wohlfahrtskapitalismus?

31. März 2009, 12:09
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Widersprüchliche Mixes liberaler und sozialistischer Elemente machen soziale Marktwirtschaften weiter krisenanfällig: zwei jüngste Krisendynamiken

Auch der sozialstaatlich disziplinierte, keynesianisch stimulierte, demokratisch zivilisierte Wohlfahrtskapitalismus hat noch immer keine stabile Balance seiner gegensätzlichen, aber gleich unverzichtbaren „liberalen“ und „sozial(istisch)en“ Grundkomponenten gefunden: wie kann die nötige Innovationsdynamik, Schumpeters „schöpferische Zerstörung“, die verunsichernde Marktabhängigkeit der Arbeitskräfte mit robuster Massennachfrage der Konsumenten verknüpft und die inhärente Instabilität kapitalistischer Marktwirtschaften auf erträgliche Konjunkturschwankungen begrenzt werden?

Liberalismus und Sozialismus sind auch in sozialen Marktwirtschaften weiter so widersprüchlich kombiniert, dass sie wie 1873 oder 1929 selbstzerstörerische Eigendynamiken auslösen können – mit weltweit höherem Absturzpotential der Krisen denn je zuvor. Zwei Beispiele: so hat erstens erst die implizite bailout Staatsgarantie für Banken „too big to fail“ in Kombination mit ultraliberalem Laissez-faire und Deregulierung hochkomplexer, in ihren Wirkungen völlig undurchschauter „toxischer“ Finanzprodukte es Tradern und Bankern ermöglicht, um „other people’s money“, nämlich unser aller Geld, höchste Risken einzugehen, die Eigentümerunternehmer nicht nur anderer Branchen auf eigene Kosten niemals systematisch nehmen könnten.

„Kapitalisten“ werden daher selten so reich wie angestellte Spitzenfunktionäre des Geldwesens mit ihrer „Vollkaskomentalität“ wohlerworbener Boni-Sicherheiten und „goldener Fallschirme“ – und ihre Firmen vergleichbarer Größe selten so rasch heruntergewirtschaftet, pleite und dennoch auf Steuerkosten vor Insolvenzen gerettet. Im Casino-Kapitalismus gibt es Luxus-Sozialismus nur für Reiche, „Wallstreet Communism for the happy few“; und Marktrisken weniger für Spieler als ihre Opfer - und uns, alle anderen.

Im Gegensatz zu den weltgrößten Industrieunternehmen sind selbst mittlere, nationale Finanzinstitute von öffentlicher, systemischer Bedeutung – doch offensichtlich (im Gegensatz etwa zu Apotheken, Gasthäusern, Hendlbatterien und Standln am Naschmarkt) ohne wirksame öffentliche Kontrolle. Im Gegenteil: die Marktgendarmerie der Ratingagenturen* verkaufte erstklassige Gütesiegel für zigtausende hochgiftige CDO-Gammelprodukte, die Finanzmarktaufsichten übersahen von Madoff abwärts alle Milliarden-Hütchenspieler und Luftgeschäfte.

Zweitens war auch die bisher letzte Welle von Massenkonsum auf Pump - und das Platzen der Aktien- und Häuser-Spekulationsblasen - in den USA nur möglich, weil Reiche „neoliberal“ allzu steuerbefreit und Normalbürger „volkskapitalistisch“ allzu billig verschuldet wurden; und weil dieser „democratic capitalism“ von Reagan bis Bush durch den autoritären, despotischen, „sozialistischen“ oder „asiatischen“ Kapitalismus gehalten wurde. Nicht nur China und Singapur haben Leistungsbilanzüberschüsse aus exportorientiertem Wachstum in US Treasury Bills angelegt – eine Art teils fiktiver Staatsschatzbildung, die in Demokratien fast nie gelingt. Sie hat die weltweit exportierte US-Hypothekenorgie seit 2002 finanziert; und wird die USA auch nach 2008 schon wegen der horrenden „sunk costs“ weiter stützen müssen. (Bernd Marin, DER STANDARD, Printausgabe, 1. April 2009)

* Siehe DER STANDARD 21.1. 2009

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