Ein Notnagel für Ungarns Regierung

30. März 2009, 19:57
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Gordon Bajnai soll in Budapest Ministerpräsident werden

Gordon Bajnai, der am vergangenen Wochenende nominierte Kandidat für das höchste Regierungsamt in Budapest, kennt alle wichtigen Akteure der ungarischen Wirtschaft. Der 41-Jährige arbeitete von 1995 bis 2000 in leitender Funktion für das Wertpapierhaus CA-IB, als dieses die Großen der ungarischen Wirtschaft wie die Landessparkasse OTP, den Mineralölriesen Mol oder den Telekom-Konzern Matáv bei der Börseneinführung beraten hat.

Äußerst gut bekannt ist Bajnai auch mit dem aus dem Amt scheidenden sozialistischen Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány, den er quasi als Notnagel für das nicht von der Macht lassen könnende links-liberale Lager ersetzen soll. Die beiden wurden schon als Studenten gute Freunde, um an den langen Abenden der Wendezeit 1988/89 beim Bier über Politik zu diskutieren, schrieb der Autor József Debreczeni in seiner Gyurcsány-Biografie. Später begannen beide bei der kleinen Budapester Beraterfirma Creditum ihre rasch aufsteigenden Business-Karrieren.

In den Jahren 2000 bis 2005 war Bajnai Generaldirektor des den Sozialisten nicht fernstehenden Investment-Konglomerats Wallis AG. 2006 holte ihn Gyurcsány zunächst als Regierungskommissar, dann als Minister für Regionalentwicklung (2007) und für Wirtschaft (2008) in sein Kabinett. Seit seinem Eintritt in die Regierung obliegt ihm die Aufsicht über den fettesten Topf der Republik: die EU-Gelder.

Sein Verdienst ist es, den leichthändigen Umgang mit den Unionsförderungen zurückgedrängt zu haben, was ihm die Feindschaft sozialistischer Platzhirschen eintrug. Sein Manko ist, dass er den begehrlichen Zugriff dieser Parteigrößen nicht abstellen konnte - Gyurcsány setzte sie ihm, den Erwartungen der Koalitionsparteien eilfertig nachkommend, als Staatssekretäre vor die Nase.

Bajnai, der verheiratet ist und zwei Kinder hat, gilt als brillanter Kommunikator und harter Arbeiter und Chef. Warum er sich als "Strohmann für ein Jahr" (Ex-Finanzminister László Békesi) hergibt, wurde nicht wirklich klar. Die rechte populistische Opposition wird ihm die Hölle heiß machen. Der Vorwurf, Teil einer alten Seilschaft des "roten Kapitals" zu sein, wird nicht lange auf sich warten lassen. Denn ihn verbindet nicht nur mit Ferenc Gyurcsány eine alte Geschäftsfreundschaft, sondern auch mit dem liberalen Fraktionschef János Kóka.
Dieser soll sich in seiner lang zaudernden Partei besonders vehement für ihn eingesetzt haben. (Gregor Mayer/DER STANDARD, Printausgabe, 31.3.2009)

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