"Haben Anti-Dealing-, kein Anti-Doping-Gesetz"

30. März 2009, 21:37
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Der deutsche Sportrechtsexperte Jens Adolphsen hält strafrechtliche Konsequenzen für dopende Sportler für den einzigen zielführenden Weg

Standard: Verfolgen Sie die aktuelle Dopingdiskussion in Österreich?

Adolphsen: Ja, der Name Walter Mayer ist mir natürlich ein Begriff.

Standard: Der Ex-Trainer steht unter Verdacht, Dopingmittel weitergegeben zu haben, strafrechtliche Konsequenzen drohen. Dopende Sportler haben die nicht zu befürchten. In Österreich will der zuständige Minister das Gesetz dahingehend verschärft sehen. Ist das sinnvoll?

Adolphsen: Unbedingt, weil wir in Deutschland wie in Österreich derzeit ein Anti-Dealing-, kein Anti-Doping-Gesetz haben. Es ist nicht einzusehen, dass die Hauptperson, der dopende Sportler als mündiger Bürger, nicht strafrechtlich belangbar sein soll. Diese Menschen handeln ja aus eigenem Entschluss.

Standard: Was könnte die Verschärfung des Gesetzes bewirken?

Adolphsen: Man muss sehen, dass die Klientel, die diese Gesetzesänderung betreffen könnte, weitgehend eine bürgerliche, keine kriminelle ist. Die wird durch die Strafandrohung eher erreicht. Die sportrechtlichen Konsequenzen sind nicht abschreckend genug. Wenn staatliche Ermittlungen durchgeführt werden, ist das eine ganz andere Sache.

Standard: Die österreichische Anti-Doping-Agentur beklagt, dass sie von den Behörden keine Einsicht in Ermittlungsergebnisse erhält. Wäre mit der Gesetzesverschärfung auch dieses Problem gelöst?

Adolphsen: Ein kooperatives Verfahren wäre in jedem Fall erleichtert, wenn eine positive Dopingprobe für den Staatsanwalt als Anfangsverdacht ausreicht. Wenn ich einen Strafbestand habe, kann ich auch schneller mit Hausdurchsuchungen arbeiten. Was solche gesetzlichen Möglichkeiten auslösen können, hat ja auch die Aktion der Turiner Staatsanwaltschaft in den Olympiaquartieren der österreichischen Biathleten und Langläufer gezeigt. Alle Sanktionen, die folgten, sind davon ausgegangen. Ohne dieses Gesetz in Italien würden sie ihre Sportler noch heute beklatschen.

Standard: In Italien können dopende Sportler schon seit 2000 strafrechtlich verfolgt werden. Sind Ihnen Verurteilungen zu Gefängnisstrafen bekannt?

Adolphsen: Es hat wohl schon welche gegeben, aber dieses Gesetz wurde oft geändert. Vermutlich geht es vor allem um bedingte Haftstrafen. Man muss da schon realistisch sein. Ein Jan Ullrich etwa, wenn man ihn denn bekäme, würde wahrscheinlich auch nicht ins Gefängnis gehen.

Standard: Bleibt das Problem der Unterscheidung zwischen Spitzen- und Breitensport.

Adolphsen: Zwischen Profi und Amateur, ja. Man könnte durchaus auch der Ansicht sein, dass beklopfte 40-jährige Männer, die im Fitnessstudio ihre Mittel kaufen und anwenden, einen Betrug begehen - gegen sich selbst und gegen die anderen Doofen. Man soll für ein Anti-Doping-Gesetz auch nicht Vehikel wie die Gesundheit oder Arzneimittelgesetze heranziehen. Es geht um Wettbewerbsbetrug, es geht um Ethik im Sport, wie es im Code der Welt-Anti-Doping-Agentur festgeschrieben steht.

Standard: Bleibt die Nasivin-Frage. Sollen auch verschnupfte, aber medizinisch schlecht beratene Sportler strafrechtlich verfolgt werden?

Adolphsen: Nein, das kann man schon ganz genau regeln. In Schweden ist zum Beispiel nur der Anabolikamissbrauch strafbar. Den nachlässigen verschnupften Menschen, der sich mit MediNait hilft, braucht nicht der Staatsanwalt verfolgen. (Mit Jens Adolphsen sprach Sigi Lützow - DER STANDARD PRINTAUSGABE 31.3. 2009)

Zur Person:
Jens Adolphsen (42) ist Professor für Sportrecht (u. a.) an derJustus-Liebig-Universität Gießen.Er habilitierte über die globale Durchsetzbarkeit internationaler Dopingstrafen. Adolphsen gehört der Rechtskommission derdeutschen Anti-Doping-Agentur an.

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