Crossover Polen

Der Stalinstachel sticht immer noch

30. März 2009, 17:44
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    foto: standard/anne katrin feßler

    Ein Bauplatz wie einst der Potsdamer Platz in Berlin. Die Wirkung des 237 Meter hohen Kulturpalastes können aber selbst andere Wolkenkratzer nicht dämpfen.

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    foto: standard/anne katrin feßler

    Provisorium im ehemaligen Möbelgeschäft: Bis 2014 der Neubau für das Museum moderner Kunst Warschaus fertiggestellt sein wird, ist auch die Sammeltätigkeit des Hauses fast eingefroren.

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    foto: ms2 / p. tomczyk

    Zur Eröffnung des ms2 in Lodz im November 2008 organisierte das Polnische Institut eine Studienreise durch Polen.

Ausgerechnet am Fuß des verhassten Warschauer Kulturpalastes soll 2014 das Museum für moderne Kunst stehen - Nach langen Konflikten zeichnet sich für das Prestigeprojekt ein Happyend ab

Warschau/Lodz - Zu Zeiten des Kalten Krieges erzählte man sich in Warschau folgenden Witz:"Wer ist der glücklichste Mann der Stadt?" Antwort: "Der Portier des Kulturpalastes. Er ist der Einzige, der, wenn er morgens die Tür aufsperrt, nicht auf den 'Stalinstachel' blicken muss."

Der Reisende mag das mit 237 Metern noch heute höchste Gebäude Polens - inspiriert von sozialistischem Realismus, polnischem Historismus und Chicagoer Schule - bestaunen, den Warschauern ist und bleibt der einst von Architekt Lew Rudnew entworfene Koloss ein Symbol totalitärer Unterdrückung. 190 historische Häuser mussten dem Gebäude, das in einem bautechnischen Kraftakt mit 4000 sowjetischen Arbeitern binnen drei Jahren hochgezogen wurde, 1952 weichen.

Seit die Panzer 1989 endgültig abgezogen sind, gab es viele Ideen, sich des Kulturpalastes vollkommen zu entledigen, berichtet Sebastian Cichocki, Kurator des 2005 gegründeten Museums für moderne Kunst. Ausgerechnet an diesem Platz "ideologischer Schande" , dem Plac Defilad, wo die Apparatschiks am Nationalfeiertag aufmarschierten, soll die junge Institution, die einstweilen in einem ehemaligen Möbelgeschäft Unterschlupf gefunden hat, einen eigenen Bau erhalten. Ein Unterfangen von immenser öffentlicher Beachtung, so Cichocki. Nicht allein, weil in den reifenden osteuropä-ischen Demokratien Kunst und die neuen Museen gerne als unterstützende und stimulierende Instrumente der Modernisierung betrachtet werden. Auch weil der mit 35.000 Quadratmetern flächenmäßig mit der Tate Modern konkurrierende Bau der erste Museumsneubau nach 1938 im Land wäre - sieht man einmal von dem 2008 fertiggestellten Zentrum für zeitgenössische Kunst in Toruñ in der polnischen Provinz, ab. Die Ansprüche an das Museum, das 2014 das Nationalmuseum, Nationalgalerie und das Zentrum für zeitgenössische Kunst im Ujazdowski Schloss ergänzen soll, sind also gewaltig. Die Kritik daran allerdings ebenso.

Insbesondere aus der Kunstgemeinde selbst hagelte es Kritik am "zu minimalistischen" Siegerprojekt von Christian Kerez, es erinnere "zu sehr an den Kommunismus". Kritik, die nicht gerade für stärkeren Rückhalt in der Gesellschaft sorgte. Die hätte sich, als Trost für den versäumten Abriss, zumindest ein Niederringen, ein Neutralisieren des Kulturpalastes erwartet. Und anstatt abzuflauen, gewannen die Attacken sogar an Intensität: Irgendwann verglich man das L-förmige Gebäude, das anstelle der rot-weiß überdachten Supermärkte entstehen soll, zynisch mit einem Einkaufszentrum.

Einlenken in Zeiten der Krise

Die andauernden Konflikte bescherten dem Museum 2007 mit Joanna Mytkowska sogar eine neue Direktorin und weiteten sich auf Streitereien zwischen dem Architekten Kerez und der Stadt aus. Diese bildete sich entgegen der vorgesehenen Budgetierung des Ministeriums ein Theater unter demselben Dach ein, seufzte Cichocki noch im vergangenen November. "Inzwischen sehen die Dinge schon viel besser aus." Sowohl der Bürgermeister als auch der Kulturminister seien bemüht, die Konflikte beizulegen. Sie fürchten, dass einem Verlust europäischer Fördermittel ein nationaler Skandal folgen werde. "In Zeiten der Krise wäre es schwierig, zu vergeben und zu vergessen."

Unbeeindruckt von solchen Streitigkeiten gedeiht in Warschau eine junge, lebendige Galerienszene, deren Künstler einen regelrechten Polen-Boom ausgelöst haben und sich über das Interesse einiger internationaler Sammler freuen dürfen. Schwellenängste darf man jedoch keine haben, denn Galerien wie Raster, Czarna und Leto befinden sich recht versteckt in Warschauer Hinterhäusern. Warum man die Galerien nicht in straßenseitigen Gassenlokalen finden kann, will man von Zuzanna Janin, einer der Kuratorinnen in der Galerie Lokal 30, wissen. Das sei einfach zu erklären: Es wäre viel zu kommerziell, quasi unanständig.

In Lodz, rund 120 Kilometer südwestlich der Hauptstadt, scheut ein öffentliches Haus die Nähe zum Kommerz hingegen nicht. Für die zeitgenössische Sammlung des Museum Sztuki ("Sztuki" heißt "Kunst"), zu deren berühmtesten Schenkungen jene von Joseph Beuys (Polentransport 1981)zählt, fand man in einem ehemaligen Webereigebäude von 1895 Platz. Das Museum Sztuki, kurz ms2, ist eingebettet in einen historischen Industriekomplex aus roten, wie neu leuchtenden Backsteinbauten; ihre historische Patina wurde dem Sandstrahlgebläse geopfert. "Polnische Architekten" , mehr erfuhr man trotz Nachfragen nicht, zeichneten für das wenig aufregende postmoderne Interieur verantwortlich. Im riesigen Komplex, der heute Manufaktura heißt, zählen Schuh- und Fetzengeschäfte, Lokale, Discos und Multiplex-Kinos zu den nächsten Nachbarn des ms2. Beim Schaufensterbummel kann also auch die Kunst zur schönsten Nebensache der Welt werden. (Anne Katrin Feßler/DER STANDARD, Printausgabe, 31.3.2009)

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16 Postings
kotek
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11.5.2009, 11:57
lieblos recherchierter Artikel

Torun (größer als Linz oder Salzburg) als Provinz zu bezeichnen ist etwas vermessen und wenn man schon auf Originalschreibung Wert legt, dann sollte man dies korrekt machen. "Muzeum Sztuki", nicht Museum und "sztuki" bedeutet nicht (die) Kunst, das wäre sztuka, sondern ist der Genetiv, das Haus heißt somit auf deutsch "Museum der Kunst".
Unabhängig von der architektonischen Wirkung (mir gefällt das Gebäude selbst) möchte ich festhalten, daß auch Symbole für schlimme Zeiten ihre Berechtigung im Sinne des Erinnerns haben. Eine vernünftige Nutzung, die den Bau in den geschichtlichen Kontext stellt, macht mehr Sinn als Abrissgedanken. Les Preludes darf man ja schließlich auch noch spielen (solange man nicht das NDP-Orchester ist).

Wlodzimierz b
 
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Warschauer "hässliche" Denkmäler. Teil III

Franz Kutschera wurde von den Aufständischen zum Tode Verurteilt und am 1. Februar 1944 beim einen Attentat hingerichtet.
Übrigens: der letzte Panzer aus Polen ist nicht wie im Beitrag 1989 dargelegt wurde abgezogen, sondern erst 1995.

Wlodzimierz b
 
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"häsliches" Denkmal in Warschau ....Teil II

eine unrühmliche Spur in Warschau hinterlassen. Ein gewisse Franz Kutschera ( SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei), besser als Henker von Warschau bekannt. Dieser Mann hat sich nicht öffentlich gezeigt. Nicht unter einer Bekanntmachung der Erschossenen sein Unterschrift gesetzt und trotzdem ist er für tausende Tote in Warschau verantwortlich. Fast an jeder Ecke der Straßen in Bezirken Zoliborz, Mokotow, Stare Miasto.. befinden sich kleine Kapellen, oder Denktafel die an diese Morden erinnern. PKiN ist ein Symbol der kommunistischen Unterdrückung und verliert jeden Tag an Bedeutung. Nicht aber Denkmäler, die den Aufständischen (Warschauer Getto, Warschauer Aufstand 44), Deportierten, Aufgehängten, Erschossenen gewidmet wurden.

Wlodzimierz b
 
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Ich glaube Warschau ist die einzige Stadt der Welt,..TeilI

wo hunderte Denkmäler an "hässliche" Zeit erinnern. Eines davon ist Palais der Kultur und der Wissenschaft (PKiN, schon immer so geheißen). Ein Symbol der Unterdrückung aus der Sicht der Polen ist nicht nur der Wolkenkratzer (ein Stalins Geschenk an das polnische Volk für die Opfer des Faschismus und der Unterdrückung). In den 90 ger Jahren wollte man zu erst das Haus abreißen. Später jedoch haben sich die Warschauer für die Erhaltung des Palais entschieden. Und das ist gut so. Viel mehr Bedeutung für die Warschauer haben andere Denkmäler, die an die Zeit der Aufstände erinnern. Und dazu hat auch ein Österreicher seinen Beitrag geleistet. Nein ich denke nicht an Wiener Bahnhof in Warschau, sondern an einem Wiener, der ......

habs gut
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palast der kultur

im täglichen sprachgebrauch der polen, nennt man dieses gebäude, palast der kultur (palac kultury).
wenn man in den frühen 70zigern so wie ich in warschau geboren wurde dann sind viele denkmäler wie auch dieses eine fast schon romantische stilnotwendigkeit.
n wien gibt es sicher auch orte die den wienern schon fast alls magisch erscheinen, ungeacht aller historischer genauigkeit.

Wlodzimierz b
 
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In meinem Posting wollte ich eigentlich...

die Leser aufmerksam machen, dass nicht nur kommunistische Symbole, aber und vor allem Symbole der Nazi- Herrschaft in Warschau mehr von Bedeutung für die Warschauer sind. Schließlich wurde die Stadt über 90% in Schutt und Asche umgewandelt und wie ein Phönix auferstanden. Egal, wie man steht zu den 50 gern Jahren. Mit Anstrengung der Massen und ohne Hilfe (Marshall Plan) ist Warschau wieder eine Metropole in Europa geworden. Geschichte dieser Stadt ist zu bewundern und staunen. Das hat viel Opfer und Blutvergießen gekostet. Ich bin kein Warschauer, aber diese Stadt macht auf mich einen gewaltigen Eindruck.

Artischocke
 
21
31.3.2009, 19:41

Als Symbol der Unterdrückung ein Kulturpalast, der für alle Menschen offen steht. Die Symbole der Unterdrückung bei uns, die Wolkenkrater der Banken und multinationalen Konzerne, sind Privatgebäude und stehen niemandem offen.

sekundäre imperfektivierung
01
31.3.2009, 18:31

Tipp für alle, denen der Kulturpalast gefällt: Fahren Sie nach Moskau, da gibt es mehr davon.

Anschauungsunterricht Leben
03
30.3.2009, 22:38
Auf dem Photo links oben, nehme ich an, der berüchtigte Kulturpalast?

Fallen mir spontan zwei Dinge dazu ein:
Erstens: ja, wirkt wirklich ziemlich beeindruckend gigantoman bzw sicher ein wenig einschüchternd, wenn man ihm live sieht. Aber andererseits gilt das ja ohnehin für die meisten Wolkenkratzer und ich muss sagen, find' die Fassade und den Dachaufbau sehr viel harmonischer gestaltet als bei unseren Hochhäusern. Bin allgemein kein Freund von Hochhäusern, aber vor die Wahl gestellt, würde ich den dort doch den Glasmonstrümern vorziehen, die man anderswo sieht.

Die historische Konnotation des Gebäudes kann ich natürlich nicht beurteilen.

Susanne_B
03
31.3.2009, 08:06

Ich war unlängst in Warschau und fand den Kulturpalast auf den ersten Blick beeindruckend. Er hat mir einfach gefallen. Ein polnischer Kollege hat mir dann erzählt, dass es den meisten Ausländern, mit denen er spricht, so geht. Für die Polen ist er halt ein Symbol für jahrzehntelange Unterdrückung.

edob
01
30.3.2009, 22:12

seh ich auch so.
ich wohn jetzt seit sieben monaten in warschau, und aknn so viel sagen: keiner findet den kulturpalast "schön", aber ein zeichen der unterdrückung is er höchstens noch für die ältere generation. die jüngeren schämen sich mehr für die wirklich schirche gestaltung des restlichen plac defilad...

herbert dietrichstein
00
31.3.2009, 11:09
seit 7 monaten?

ich seit Anfang Februar. Wie geht es Dir/Ihnen hier? Vielleicht könnten wir uns mal zum Erfahrungsaustausch treffen? herbert.dietrichstein@gmx.at

torch
 
08
30.3.2009, 18:21

Für mich ist der Kulturpalast aus Ausländer zuerst ein Denkmal, eine "Landmark" im Stadtgefüge schlechhin.

Die Konkurrenz der anderen Hochhäuser schmälert die monumentale Wirkung und ermöglicht auf der anderen Seite einen guten Vergleich zwischen der proportionierten und strukturierten Wirkung von Baumassen und Fassaden/Oberflächengestaltung. Da schneiden die reichlich phantasielosen Produkte neueren Datums nicht gerade vorteilhaft ab.

Der Kulturpalast wird weltweit mit Warschau assoziiert, andere Hochhausbauten, die da zu sehen sind werden das wohl nicht schaffen, könnten genau so gut wo anders stehen.

Fazit, agitatorische Geschreibsel, binnen weniger Jahrzehnte werden die froh sein das Monument noch zu besitzen.

fischkopp
00
31.3.2009, 15:58

Wenn Ihnen das Gebäude so gut gefällt, fleigen Sie mal nach Chicago. Dort stehen diese Art Türme reihenweise.

torch
 
00
31.3.2009, 23:35

Zumindest gefällt es mir besser, als das neue Gebäude rechts davor. Das könnte genau so gut irgendwo stehen. Für viele Menschen verknüpft sich der Kulturpalast eben mit Warschau, ist also eineindeutig zugeordnet.

Klar gibt es derartige Bauwerke auch anderswo. Nicht zuletzt gibt es die Stahlbauschule von Chicago.

alpino
01
31.3.2009, 09:49

war im juli in warschau und fand das objekt beeindruckend (eine "landmark", wie man sie nur selten findet), natürlich auch zwiespältig. die modernen hochhäuser hingegen waren einfach nur fad, gebrauchsarchitektur.

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