Crossover Rumänien/Ungarn

Revolution in der Josefstadt

30. März 2009, 16:08
  • Artikelbild
    foto: derstandard.at/putschögl

    Der Bahnhof Timişoara Nord heute...

  • Artikelbild

    ...und vor über hundert Jahren.

  • Artikelbild
    foto: derstandard.at/putschögl

    Der Bega-Kanal, ein weiterer wichtiger Verkehrsweg für die Metropole des Banat.

  • Artikelbild
    foto: derstandard.at/putschögl

    Eine elektrische Straßenbahn gibt es in Temeswar seit 1899.

  • Artikelbild
    foto: derstandard.at/putschögl

    Die Inschrift an dem Haus, in dem Pastor László Tökés wohnte.

  • Artikelbild
    foto: derstandard.at/putschögl

    Simona Mocioalca führt Besucher durch das Revolutions-Museum.

  • Artikelbild
    foto: derstandard.at/putschögl

    Ein Jugendstil-Bau am Ende der König-Karl-Straße.

  • Artikelbild
    foto: derstandard.at/putschögl

    Die römisch-katholische Pfarrkirche in Iosefin.

  • Artikelbild
    foto: derstandard.at/putschögl

    Ioan Hategan in seinem Büro. Der Historiker ist ein Experte für Temeswar und das Banat.

  • Artikelbild
    foto: derstandard.at/putschögl

    Das Haus, in dem sich laut Hategan 1905 die Temeswarer Fünf-Uhr-Tee-Gesellschaft konstituierte.

Vor zwanzig Jahren wurde in dem Temeswarer Bezirk Geschichte gemacht - Eine Reportage

Iosefin ist ein Stadtteil von Timişoara. Hier begann im Dezember 1989 die rumänische Revolution. Heute ist Iosefin Partnerbezirk der biederen Wiener Josefstadt. Das unter einen Hut zu kriegen, ist nicht leicht. Schon gar nicht bei einem nur zweitägigen Besuch. Martin Putschögl hat es trotzdem versucht. Und auch dem Budapester Stadtteil Józsefváros noch einen Besuch abgestattet.

* * *

Nach Iosefin will er, der Herr Reporter. Soso. Roxana schaut ein bisschen skeptisch, beeilt sich aber zu erwähnen, dass es dort auch schöne Plätzchen gebe. Man müsse halt ein bisschen die Augen offen halten.

Wir waren ins Gespräch gekommen, weil sie in der Dunkelheit des Bahnhofs von Arad dieselbe Frage hatte wie ich: Ob der ausladend unbeleuchtete Zug auf Bahnsteig 2 wohl nach Timişoara fahren würde? Wenige Sekunden danach drehte der Schaffner wortlos das Licht an, machte die in ihrem Inneren komplett mit Holz verkleidete Garnitur fahrtüchtig, pünktlich ging es los.

Roxana ist auf dem Heimweg. Nach Temeswar, wie die westrumänische Großstadt auf Deutsch genannt wird, wo sie aufgewachsen ist und heute als Ärztin arbeitet. Hier funktioniere leider alles noch nicht so wie in Brüssel, wo sie gerade zwei Wochen lang eine Weiterbildung besucht habe, klagt sie. Die Arbeit in einem westlichen Krankenhaus sei mit jener in einem rumänischen Spital überhaupt nicht zu vergleichen. Dort sei alles selbstverständlich, hier jede teure Untersuchung Verhandlungssache. Dass Rumänien nun in der EU ist, hält sie aber für enorm wichtig für das Land, das sich vor noch nicht ganz zwanzig Jahren von der Diktatur des Nicolae Ceauşescu befreit hat.

* * *

Der Anfang vom Ende der Ära Ceauşescu nahm in Temeswar seinen Lauf. Hier begann die Revolution, die das kommunistische Regime binnen weniger Tage zwar mit blutroter Farbe, aber unauslöschlich in die Geschichtsbücher einschreiben sollte. Am 25. Dezember 1989 wurden Ceauşescu und seine Frau Elena von einem Militärgericht zum Tod verurteilt und wenig später erschossen.

In nur zehn Tagen war zur geglückten Revolution gewachsen, was mit Solidaritätsbekundungen für den ungarisch-protestantischen Priester László Tökés begonnen hatte. Tökés widersetzte sich Mitte 1989 dem Befehl auf Versetzung in eine Landgemeinde, wurde vom Geheimdienst Securitate daraufhin als Regimegegner verfolgt. Er predigte damals in der reformierten Kirche von Iosefin - der "Josefstadt" von Temeswar, die jetzt um dreiviertel sechs in der Früh am Bahnhof Timişoara Nord, nach Verlassen des hölzernen Waggons in Begleitung von Roxana, dunkel und kalt vor mir liegt. Man solle hier nicht zu lange bleiben, das sei kein sehr angenehmer Ort um diese Zeit, empfiehlt sie. Noch dazu, wenn man aussehe wie ein Tourist.

Sie begibt sich auf die Suche nach einem Taxifahrer, der einen "normalen" Fahrpreis verlangt. Ich beschließe, etwas Geld abzuheben, wir verabschieden uns.

Das Personal auf dem Bahnhofsvorplatz weist tatsächlich eine bemerkenswerte soziale Zusammensetzung auf, mit einem leichten Überhang zu teils Kaffee trinkenden, teils einfach nur locker herumstehenden Herren mittleren Alters. Ich trinke einen Cappuccino und werfe nochmals einen Blick auf den Stadtplan, dann steige ich in die Straßenbahnlinie 10 Richtung Zentrum ein.

* * *

Die Fahrt ist gleich eine erste Begegnung mit der Temeswarer Josefstadt, die zu dieser frühen Stunde jedoch kaum mit Leben erfüllt ist. Die Straßenbahn fährt den Bulevardul General Ion Dragalina entlang, biegt dann in den Bulevardul Regele Carol I. ein und weiter über den Boulevard des 16. Dezember 1989 zur Piata Sfanta Maria. Hier ist der Bezirk Iosefin auch fast schon wieder zu Ende, er ist nicht allzu groß. Wenngleich er heute doch etwas mehr Fläche aufweist als zur Zeit der Regentschaft des Kaisers Josef II. am Wiener Hof, den zwei seiner vielen Reisen hierher in die Region Banat geführt hatten, 1767/68 und 1773. Ihm zu Ehren wurde dieser außerhalb der Stadtmauern gelegene, aufstrebende Stadtteil Iosefin benannt. Heute bildet der Bezirk gemeinsam mit Józsefváros in Budapest und der Josefstadt in Wien den "Bund der Josefstädte", in dessen Rahmen gegenseitige Besuche samt kulturellem Austausch stattfinden.

Auch mit Ungarn verbindet Temeswar aber noch viel mehr als diese Bezirks-Partnerschaft. Im 14. Jahrhundert war die Stadt Residenz der ungarischen Könige. Im 16. Jahrhundert wurde sie von den Osmanen besetzt, 1716 von Prinz Eugen von Savoyen für die Habsburger erobert. 1867, als der Doppeladler den Boden der Geschichte betrat, kam sie wieder unter ungarische Herrschaft. 1920 fiel sie gemäß dem Friedensvertrag von Trianon der rumänischen Monarchie zu. Mit der Machtergreifung der Kommunisten 1947 begann schließlich eines der dunkelsten Kapitel. Ab 1965, als Nicolae Ceauşescu Staatschef wurde, das dunkelste.

* * *

Eine, die das trotz ihrer recht jungen Jahre glaubhaft versichern kann, ist Simona Mocioalca. Die studierte Physikerin und Anglistin führt Besucher durch das Revolutions-Museum in der Innenstadt. Es ist zunächst gar nicht so leicht zu finden, weil es im Stadtplan ganz offensichtlich falsch eingezeichnet ist; an der Ecke, wo es einen erwarten sollte, gibt es stattdessen Schuhe im Sonderangebot. Die junge Schuhverkäuferin ist erst mal ratlos, begleitet mich dann ein Stückchen auf die Straße hinaus, um eine ältere Dame nach dem Weg zum Museum zu fragen. Diese hat einen Tipp, er stellt sich wenig später als richtig heraus.

Das Museum ist privat geführt, somit auf Spenden angewiesen und in einem sehr alten, mehrstöckigen Haus mit Innenhof in der Strada Emanoil Ungureanu untergebracht. Die Ausstellung besteht im Wesentlichen aus einer Halle mit Devotionalien einiger Widerstandskämpfer und hunderten Fotos an den Wänden, aufgenommen zwischen 15. und 25. Dezember 1989. In einem kleineren Raum sind außerdem Miniaturen jener Skulpturen zu sehen, die nach der geglückten Revolution unter dem Banner der Freiheit in ganz Temeswar aufgestellt wurden.

"Ich selbst war nicht mutig genug", sagt Simona, als sie mich durch das Museum führt. Sie habe sich nicht getraut, auf die Straße zu gehen, als sie am 20. Dezember als 20-Jährige zuhause die ersten Schüsse des Militärs auf die Demonstranten hörte. Etliche Todesopfer gab es in diesen Tagen in Timişoara zu beklagen, die Leichen der meisten von ihnen wurden aber nie gefunden. "Sie wollten, dass wir glaubten, sie hätten sich ins Ausland abgesetzt", erzählt sie über die letzten, von buchstäblich mordsmäßiger Berechnung getriebenen Befehle des Regimes. Das alles sei im Übrigen von Elena ausgegangen, der Gattin des Despoten, die im Palast der Ceauşescus stets die Hosen angehabt haben soll.

Simona zeigt auch einen Raum her, in dem Zeichnungen von Schulkindern ausgestellt sind. Keines von ihnen habe die Diktatur noch erlebt, die Blätter seien noch nicht so alt, erklärt sie. Eines fällt daran aber sofort auf: Fast alle Kinder haben in ihren durchaus sehr fantasievollen Schilderungen der Revolution, die auf Erzählungen von Lehrern und Verwandten fußten, einer Kirche großen Raum gegeben.

Im Erdgeschoß des Museums findet sich dann auch eine Art ökumenischer Gedenkraum für die Opfer der Straßenkämpfe. Neunzig Namen sind auf einer Tafel eingraviert.

* * *

Der von László Tökés, jenes Predigers, mit dem alles begann, ist nicht darunter - wie man vielleicht vermutet hätte. Er erfreut sich bester Gesundheit und ist heute Abgeordneter zum Europäischen Parlament in der Fraktion der Grünen, außerdem Bischof der Ungarischen Reformierten Kirche und Präsident des Ungarischen Nationalrates in Siebenbürgen.

Vor zwanzig Jahren lebte Tökés an der Schwelle zur Temeswarer Josefstadt, in einem Haus am heutigen "Boulevard des 16. Dezember 1989". Eine Gedenktafel erinnert daran, dass hier "die Revolution begann, die der Diktatur ein Ende setzte". Tökés' sollte zwangsweise umgesiedelt werden, rasch formierte sich dagegen in der Bevölkerung Widerstand: Die Unterstützer des Paters hielten Mahnwache vor seinem Haus, ließen Ceauşescus Schergen nicht gewähren. 

--> Weiter zu Teil 2

1 | 2 weiter 

Ansichtssache

Iosefin, Timişoara

Ansichtssache

Józsefváros, Budapest

Kommentar posten
19 Postings
Chaton bleu
 
01
'Temeswar' bzw. 'Timisoara'

ist übrigens auch die Antwort auf die Frage, wo im Habsburgerreich die erste gasbetriebene Straßenlaterne aufgestellt wurde. Net in Wien oder so, sondern eben ganz weit weg--man fürchtete wohl, des neiche Zeigs kennt jo gar den Fortschritt bringa.

Mormoloc
00
Darum hat man ja in Wien als erste Straßenbahnlinie den 5er-Wagen elektrifiziert.

Fährt ziemlich weit von der Hofburg entfernt rum...

Anti Staberl
10
31.3.2009, 18:04
DIE SCHÖNSTE JOSEFSTADT

ist aber schon in Prag.......!!

durden1
 
00
31.3.2009, 15:48

wie heißt der lustige film der vor ein paar jahren auf der viennale lief und den ausbruch der rumänischen revolution zum thema hatte?

Der Arbeiter
50
31.3.2009, 14:42
1989 Revolution?

1989 setzte sich wohl eher die bürgerliche Kontrarevolution durch?

Scherberich
 
00
17.4.2009, 00:44
so ein blödsinn

machtpolitisch gesehen, befreiten sich die Herrscher einfach von unnötigen ideologischen Beschränkungen.

Mormoloc
02
Trauern Sie dem Arbeiter- und Bauernparadies unter Ceausescu hinterher?

diamant
01
31.3.2009, 15:47
Na Gott sei Dank haben sie Recht!

'nuff said
00
31.3.2009, 13:34
schaut netter aus als bukarest...

...aber das ist ja nicht schwer.

bravorauch
01
31.3.2009, 14:20
.

ich mag bukarest auch ganz gern. aber stellenweise ist die stadt schon recht heftig. und ich kenn auch rumänen, die einen großen bogen um die stadt machen, weil sie meinen, bukarest sei ein einziges chaos und alle bukarester bewohner sind komplett verrückt und nicht von dieser welt.

sex ist widerlich
00
31.3.2009, 14:48

"komplett verrückt und nicht von dieser welt" das ist ja totaler Lob für Bukarest, öd, schmutzig, langweilig ist die trieste Realität, Siebenbürgen als Ganzes mit seinen Städten ist wie eine andere Welt dagegen und lebenswert

Mormoloc
01
Langweilig? Ha! Allein die mindestens vier Varianten des Metro-Netzplans sorgen für Anwechslung!

Mormoloc
00
31.3.2009, 14:00
Selbst in Bukarest kommt es drauf an, wo man ist.

Cotroceni ist immer noch ein Traum... und links und rechts der Calea Victoriei macht man immer wieder zauberhafte Entdeckungen.

Zu dem Eindruck trägt natürlich auch die übersichtliche Anordnung der Temeswarer Altstadt bei.

bravorauch
02
31.3.2009, 09:58

eine sehr interessante stadt. erinnert nicht nur wegen der architektur an wien, sondern auch die mentalität der leute ist ähnlich. allerdings sind große teile der stadt unglaublich hässlich, da es dutzende großbaustellen gibt, die scheinbar nie verschwinden. hab noch nirgends so viele kräne in einem stadtbild gesehen wie hier.

Mormoloc
00
31.3.2009, 10:55
Ich war 1993 das erste Mal da, und danach fast jedes Jahr einmal.

Man soll es nicht glauben, aber manchmal, gaaaanz manchmal verschwindet auch mal eine. Zum Beispiel am Domplatz/Pata Unirii: Da ist der Barockpalast endlich renoviert. Dafür aber hat man da im Sommer kaum mehr den Genuß der Häuser - alles voller Saufgelegenheiten und Schanigärten.

Emil i Lönneberga (advocatus diaboli)
05
30.3.2009, 19:25
"1867, als der Doppeladler den Boden der Geschichte betrat"

Der Doppeladler ist NICHT das Symbol der Doppelmonarchie. Er wurde 1804 für das Kaisertum Österreich vom Heiligen römischen Reich übernommen und blieb das Wappentier der österreichischen Reichshälfte auch nach dem Ausgleich. Die ungarische Reichshälfte hatte ein eigenes Wappen.
Erst nach 1918 begann man - im kleingewordenen Österreich - die beiden Adlerköpfe als Zeichen der Doppelmonarchie zu sehen.

abendrot
10
30.3.2009, 21:34
Und sie glauben wirklich,

dass diejenigen, die sich diesen Artikel geben, als auch diejenigen, die so was schreiben, das nicht wissen? Bitte ein bisschen Sinn für ein zugegebenermaßen geschraubtes Sprachbild, auch wenn der Doppeladler - übrigens seit Byzanz und daher aktuelles Wappen Rußlands, Serbiens und Albaniens - heraldisch tatsächlich nicht für eine auch nur irgendwie geartete Dualität steht.

Mormoloc
00
31.3.2009, 09:00
Es soll aogar noch Leute hier geben, die glauben, der amtliche Name wäre "Kaiserreich Österreich-Ungarn" gewesen...

Emil i Lönneberga (advocatus diaboli)
05
30.3.2009, 22:25

Nachdem ich den online Standard und das Forum schon lange lese... ja, Ich glaube das wirklich.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.