Vor zwanzig Jahren wurde in dem Temeswarer Bezirk Geschichte gemacht - Eine Reportage
Iosefin ist ein Stadtteil von Timişoara. Hier begann im Dezember 1989 die rumänische Revolution. Heute ist Iosefin Partnerbezirk der biederen Wiener Josefstadt. Das unter einen Hut zu kriegen, ist nicht leicht. Schon gar nicht bei einem nur zweitägigen Besuch. Martin Putschögl hat es trotzdem versucht. Und auch dem Budapester Stadtteil Józsefváros noch einen Besuch abgestattet.
* * *
Nach Iosefin will er, der Herr Reporter. Soso. Roxana schaut ein bisschen skeptisch, beeilt sich aber zu erwähnen, dass es dort auch schöne Plätzchen gebe. Man müsse halt ein bisschen die Augen offen halten.
Wir waren ins Gespräch gekommen, weil sie in der Dunkelheit des Bahnhofs von Arad dieselbe Frage hatte wie ich: Ob der ausladend unbeleuchtete Zug auf Bahnsteig 2 wohl nach Timişoara fahren würde? Wenige Sekunden danach drehte der Schaffner wortlos das Licht an, machte die in ihrem Inneren komplett mit Holz verkleidete Garnitur fahrtüchtig, pünktlich ging es los.
Roxana ist auf dem Heimweg. Nach Temeswar, wie die westrumänische Großstadt auf Deutsch genannt wird, wo sie aufgewachsen ist und heute als Ärztin arbeitet. Hier funktioniere leider alles noch nicht so wie in Brüssel, wo sie gerade zwei Wochen lang eine Weiterbildung besucht habe, klagt sie. Die Arbeit in einem westlichen Krankenhaus sei mit jener in einem rumänischen Spital überhaupt nicht zu vergleichen. Dort sei alles selbstverständlich, hier jede teure Untersuchung Verhandlungssache. Dass Rumänien nun in der EU ist, hält sie aber für enorm wichtig für das Land, das sich vor noch nicht ganz zwanzig Jahren von der Diktatur des Nicolae Ceauşescu befreit hat.
* * *
Der Anfang vom Ende der Ära Ceauşescu nahm in Temeswar seinen Lauf. Hier begann die Revolution, die das kommunistische Regime binnen weniger Tage zwar mit blutroter Farbe, aber unauslöschlich in die Geschichtsbücher einschreiben sollte. Am 25. Dezember 1989 wurden Ceauşescu und seine Frau Elena von einem Militärgericht zum Tod verurteilt und wenig später erschossen.
In nur zehn Tagen war zur geglückten Revolution gewachsen, was mit Solidaritätsbekundungen für den ungarisch-protestantischen Priester László Tökés begonnen hatte. Tökés widersetzte sich Mitte 1989 dem Befehl auf Versetzung in eine Landgemeinde, wurde vom Geheimdienst Securitate daraufhin als Regimegegner verfolgt. Er predigte damals in der reformierten Kirche von Iosefin - der "Josefstadt" von Temeswar, die jetzt um dreiviertel sechs in der Früh am Bahnhof Timişoara Nord, nach Verlassen des hölzernen Waggons in Begleitung von Roxana, dunkel und kalt vor mir liegt. Man solle hier nicht zu lange bleiben, das sei kein sehr angenehmer Ort um diese Zeit, empfiehlt sie. Noch dazu, wenn man aussehe wie ein Tourist.
Sie begibt sich auf die Suche nach einem Taxifahrer, der einen "normalen" Fahrpreis verlangt. Ich beschließe, etwas Geld abzuheben, wir verabschieden uns.
Das Personal auf dem Bahnhofsvorplatz weist tatsächlich eine bemerkenswerte soziale Zusammensetzung auf, mit einem leichten Überhang zu teils Kaffee trinkenden, teils einfach nur locker herumstehenden Herren mittleren Alters. Ich trinke einen Cappuccino und werfe nochmals einen Blick auf den Stadtplan, dann steige ich in die Straßenbahnlinie 10 Richtung Zentrum ein.
* * *
Die Fahrt ist gleich eine erste Begegnung mit der Temeswarer Josefstadt, die zu dieser frühen Stunde jedoch kaum mit Leben erfüllt ist. Die Straßenbahn fährt den Bulevardul General Ion Dragalina entlang, biegt dann in den Bulevardul Regele Carol I. ein und weiter über den Boulevard des 16. Dezember 1989 zur Piata Sfanta Maria. Hier ist der Bezirk Iosefin auch fast schon wieder zu Ende, er ist nicht allzu groß. Wenngleich er heute doch etwas mehr Fläche aufweist als zur Zeit der Regentschaft des Kaisers Josef II. am Wiener Hof, den zwei seiner vielen Reisen hierher in die Region Banat geführt hatten, 1767/68 und 1773. Ihm zu Ehren wurde dieser außerhalb der Stadtmauern gelegene, aufstrebende Stadtteil Iosefin benannt. Heute bildet der Bezirk gemeinsam mit Józsefváros in Budapest und der Josefstadt in Wien den "Bund der Josefstädte", in dessen Rahmen gegenseitige Besuche samt kulturellem Austausch stattfinden.
Auch mit Ungarn verbindet Temeswar aber noch viel mehr als diese Bezirks-Partnerschaft. Im 14. Jahrhundert war die Stadt Residenz der ungarischen Könige. Im 16. Jahrhundert wurde sie von den Osmanen besetzt, 1716 von Prinz Eugen von Savoyen für die Habsburger erobert. 1867, als der Doppeladler den Boden der Geschichte betrat, kam sie wieder unter ungarische Herrschaft. 1920 fiel sie gemäß dem Friedensvertrag von Trianon der rumänischen Monarchie zu. Mit der Machtergreifung der Kommunisten 1947 begann schließlich eines der dunkelsten Kapitel. Ab 1965, als Nicolae Ceauşescu Staatschef wurde, das dunkelste.
* * *
Eine, die das trotz ihrer recht jungen Jahre glaubhaft versichern kann, ist Simona Mocioalca. Die studierte Physikerin und Anglistin führt Besucher durch das Revolutions-Museum in der Innenstadt. Es ist zunächst gar nicht so leicht zu finden, weil es im Stadtplan ganz offensichtlich falsch eingezeichnet ist; an der Ecke, wo es einen erwarten sollte, gibt es stattdessen Schuhe im Sonderangebot. Die junge Schuhverkäuferin ist erst mal ratlos, begleitet mich dann ein Stückchen auf die Straße hinaus, um eine ältere Dame nach dem Weg zum Museum zu fragen. Diese hat einen Tipp, er stellt sich wenig später als richtig heraus.
Das Museum ist privat geführt, somit auf Spenden angewiesen und in einem sehr alten, mehrstöckigen Haus mit Innenhof in der Strada Emanoil Ungureanu untergebracht. Die Ausstellung besteht im Wesentlichen aus einer Halle mit Devotionalien einiger Widerstandskämpfer und hunderten Fotos an den Wänden, aufgenommen zwischen 15. und 25. Dezember 1989. In einem kleineren Raum sind außerdem Miniaturen jener Skulpturen zu sehen, die nach der geglückten Revolution unter dem Banner der Freiheit in ganz Temeswar aufgestellt wurden.
"Ich selbst war nicht mutig genug", sagt Simona, als sie mich durch das Museum führt. Sie habe sich nicht getraut, auf die Straße zu gehen, als sie am 20. Dezember als 20-Jährige zuhause die ersten Schüsse des Militärs auf die Demonstranten hörte. Etliche Todesopfer gab es in diesen Tagen in Timişoara zu beklagen, die Leichen der meisten von ihnen wurden aber nie gefunden. "Sie wollten, dass wir glaubten, sie hätten sich ins Ausland abgesetzt", erzählt sie über die letzten, von buchstäblich mordsmäßiger Berechnung getriebenen Befehle des Regimes. Das alles sei im Übrigen von Elena ausgegangen, der Gattin des Despoten, die im Palast der Ceauşescus stets die Hosen angehabt haben soll.
Simona zeigt auch einen Raum her, in dem Zeichnungen von Schulkindern ausgestellt sind. Keines von ihnen habe die Diktatur noch erlebt, die Blätter seien noch nicht so alt, erklärt sie. Eines fällt daran aber sofort auf: Fast alle Kinder haben in ihren durchaus sehr fantasievollen Schilderungen der Revolution, die auf Erzählungen von Lehrern und Verwandten fußten, einer Kirche großen Raum gegeben.
Im Erdgeschoß des Museums findet sich dann auch eine Art ökumenischer Gedenkraum für die Opfer der Straßenkämpfe. Neunzig Namen sind auf einer Tafel eingraviert.
* * *
Der von László Tökés, jenes Predigers, mit dem alles begann, ist nicht darunter - wie man vielleicht vermutet hätte. Er erfreut sich bester Gesundheit und ist heute Abgeordneter zum Europäischen Parlament in der Fraktion der Grünen, außerdem Bischof der Ungarischen Reformierten Kirche und Präsident des Ungarischen Nationalrates in Siebenbürgen.
Vor zwanzig Jahren lebte Tökés an der Schwelle zur Temeswarer Josefstadt, in einem Haus am heutigen "Boulevard des 16. Dezember 1989". Eine Gedenktafel erinnert daran, dass hier "die Revolution begann, die der Diktatur ein Ende setzte". Tökés' sollte zwangsweise umgesiedelt werden, rasch formierte sich dagegen in der Bevölkerung Widerstand: Die Unterstützer des Paters hielten Mahnwache vor seinem Haus, ließen Ceauşescus Schergen nicht gewähren.
--> Weiter zu Teil 2