Moraldoping

29. März 2009, 19:11
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Die "Jagd nach den Dopingsündern" erinnert an den selbstgefälligen Brustton der Hexenjagd

Ein anabolikaschwangerer Freizeitmarathonist mindert zwar die Chancen anderer Ehrgeizler, 366. zu werden. Er handelt moralisch verwerflich, aber er tut nichts Verbotenes. Außerdem ist Selbstschädigung grundsätzlich straffrei. Gegen ihn den Staatsanwalt einschalten zu wollen, wäre ein unangemessener Eingriff in die Privatsphäre.

Ein Mitglied der Anabolikaklasse würde als Turnlehrer und Vorbild für die blühende Jugend ausfallen, allerdings hat Dorian Grays Nachfolger in kurzen Hosen große Chancen, unentdeckt davonzukommen. Kinder sollte er freilich schon haben, bevor er das chemische Superbenzin schluckt, denn Anabolika schädigen die Keimdrüsen. Die "Jagd nach den Dopingsündern" erinnert an den selbstgefälligen Brustton der Hexenjagd. Mediale Sauberkeitshysterie führt freilich meist dazu, dass mehr verschleiert als "aufgedeckt" wird. Denn das Problem des Spitzensports ist nicht "der Dopingsünder" , sondern der Heldenwahn, den auch jene Medien betreiben, die sich als Paralleljustiz (mit Scheckbuch?) gerieren.

Warum wird denn der Ex-ÖSV-Trainer Walter Mayer im Unterschied zu anderen Verdächtigen öffentlich seriell hingerichtet? Weil er ein Sündenbock ist. Die (auch für den Chauvinismus unabdingbaren) Systeme aber bleiben (bis jetzt) unbehelligt.
Erst predigen sie, dass Sieg, Leistung, Gewinn und Gewinnen sakrosankt sind. Sobald sich Freizeit- und Berufssportler daran halten, werden sie verdammt, verfolgt und verhöhnt. Doping ist ein Zeichen der Scheinheiligkeit, und zwar nicht nur der "Sünder". (Johann Skocek - DER STANDARD PRINTAUSGABE 30.3. 2009)

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