Zwist und Proteste vor G-20-Gipfel

29. März 2009, 18:50
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Vor dem G-20-Treffen in London fordert Brasiliens Lula mit Maßnahmen gegen Finanzkrise, die USA warnen vor Überreaktion - Zehntausende demonstrierten in Europa gegen die Krise.

Santiago de Chile / Wien / London - Vor dem Londoner G-20-Finanzgipfel der Industrie- und Schwellenländer am Donnerstag hat sich Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva zum Sprecher des Südens gemacht. Auf einem Treffen „progressiver" Staats- und Regierungschefs im chilenischen Seebad Viña del Mar verglich er die Weltwirtschaft mit einem Kreuzer in Seenot: „Wer in der ersten Klasse war, steigt in die zweite ab, wer in der zweiten war, in die dritte", sagte er am Samstag. „Wir wollen jetzt aber nicht darüber diskutieren, welche Passagiere wieder in die erste Klasse zurückkommen, sondern verhindern, dass die in der dritten Klasse über Bord gehen."

Vor dem britischen Premier Gordon Brown, Spaniens Regierungschef José Luis Rodríguez Zapatero und US-Vizepräsident Joe Biden fügte er hinzu: „Wir zahlen gerade den Preis für das fehlgeschlagene Abenteuer jener, die die Weltwirtschaft in ein riesiges Kasino verwandelt haben." Die Industrieländer müssten nun dafür sorgen, dass der Geldkreislauf wiederhergestellt werde und die multilateralen Kreditgeber genügend Mittel zur Verfügung hätten, um den Entwicklungsländern zu helfen.

„Freier Markt muss bleiben"

Gegen die Spekulation helfe nur ein starker Staat, meinte der Ex-Gewerkschafter und forderte beherzte Maßnahmen, um die Finanzmärkte sowie die Getreide- und Rohstoffbörsen zu regulieren. Biden hielt dagegen: „Wir sollten nicht überreagieren. Es muss immer noch möglich bleiben, dass ein freier Markt funktioniert." Der Stellvertreter von US-Präsident Barack Obamas bat um Geduld und versprach, die USA würden künftig mehr mit der übrigen Welt zusammenarbeiten.
Londons Premier Brown, der Gastgeber des G-20-Gipfels, sagte in Chile, die Märkte könnten sich nicht selbst regulieren. „Wir müssen ganz deutlich sagen: Die Banken können nicht ohne Aufsicht sein." Eine solche Aufsicht müsse grenzüberschreitend sein, da Banken in der ganzen Welt tätig seien.

In Brasilien hatte Lula bereits „weiße, blauäugige Banker" für die Krise verantwortlich gemacht und angekündigt, auf dem G-20-Gipfel werde es hoch hergehen. „Wir werden am 2. April zum ersten Mal mit größerer moralischer Autorität nach London kommen als die reichen Länder", verkündete er bei einem gemeinsamen Auftritt mit seiner argentinischen Amtskollegin Cristina Fernández de Kirchner. Brasilien und Argentinien hätten nicht „vor den Sirenengesängen des konservativen Einheitsdenkens kapituliert".

In London weiß der brasilianische Präsident China, Indien oder Südafrika auf seiner Seite. Noch mehr Rückendeckung holt er sich morgen, Dienstag, auf dem zweiten arabisch-südamerikanischen Gipfel in Doha.

Demonstrationen in Wien

In mehreren europäischen Großstädten gingen am Wochenende zehntausende Menschen auf die Straße, um im Vorfeld des G-20- Gipfels gegen die Wirtschaftskrise zu protestieren - 35.000 in London, 15.000 in Berlin, 12.000 in Frankfurt am Main und 6500 in Wien, so die Schätzungen der Polizei. Das Netzwerk Attac sprach von 20.000 Teilnehmern in Österreich. In Berlin kam es zu Randalen.

„Wir zahlen nicht für eure Krise", lautete das Motto der Demonstration in Wien. Alexandra Strickner von Attac Österreich erklärte: „Die Menschen setzen heute ein Signal für eine alternative Form des Wirtschaftens." Gefordert wurden unter anderem die demokratische Kontrolle der Finanzmärkte und eine solidarische Gesellschaft. (Gerhard Dilger, DER STANDARD Printausgabe, 30.3.2009)

  • US-Vizepräsident Biden (links) beriet sich mit Chiles Präsidentin Bachelet und anderen Staatenvertretern,...
    foto: epa

    US-Vizepräsident Biden (links) beriet sich mit Chiles Präsidentin Bachelet und anderen Staatenvertretern,...

  • ... in Wien demonstrierten Tausende gegen die Krise.
    foto: standard/ a.urban

    ... in Wien demonstrierten Tausende gegen die Krise.

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