Klingende Logik und die Erklärung der Gefühle

29. März 2009, 18:17
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Zu einem Ringelspiel szenischer Banalitäten gerät Händels "Messiah": Regisseur Claus Guth verschränkt die Musik nur dürftig mit menschlichen Grenzsituationen.

Wien - Was mag wohl der Grund dafür sein, dass eine insgesamt ziemlich banale, aber wenigstens die Grenzen des guten Geschmacks nie überschreitende szenische Bebilderung von Georg Friedrich Händels Oratorium Messiah so heftige Beifallsstürme auslöst, wie man sie als staunender Zeuge bei der Premiere am Freitag im Theater an der Wien erleben konnte? Zumal die exzellente Wiedergabe der Musik durch das von Jean-Christophe Spinosi geleitete Ensemble Matheus und den von Erwin Ortner allmählich schon gewohnheitsmäßig zu hoher Präzision und Schlagkraft vorbereiteten Arnold Schoenberg Chor mit jedem Takt erneut den Beweis für deren Überflüssigkeit erbrachte.

Claus Guth als szenischer Gestalter wollte die Bibeltexte aus ihrer unbestimmten Transzendenz nicht eben zu einer kohärenten Handlung konkretisieren, sondern eher menschliche Grenzsituationen wie Tod, Trauer und Verzweiflung aufspüren, in denen sich Händels Musik und die von ihm geschaffene Szene zumindest tangential begegnen sollten.

Das Ergebnis mag wohl einen Einblick in diesbezügliche private Vorstellungen des Regisseurs geben, doch ein überzeugender Zusammenhang mit Händels Musik wird durch das messianische Ringelspiel, wozu dieses Unternehmen durch den die Drehbühne fleißig nutzenden Ausstatter Christian Schmidt letztlich wird, keineswegs erschlossen.

Das Geheimnis des Erfolges dieser Produktion mag wohl in der eher intellektlastigen Weise liegen, in der Musik schon seit längerem rezipiert (und teilweise auch geschaffen) wird. Auch wenn Musik nichts anderes als klingende Mathematik ist, bleibt sie inhaltlich konkret nicht deutbar, sondern nur emotional zu erleben. Weil man aber gegenwärtig für alles und jedes, auch für Gefühle, eine Erklärung sucht, sind derlei szenische Denkaufgaben durchaus willkommen, weil sie jedermann für sich - und wäre es auf noch so spitzfindige Weise - lösen kann.

Erklärung der Gefühle

Und in dieser Hinsicht bietet die Szenenfolge im Theater an der Wien auch reichliches Assoziationsfutter. Denn die musikalisch firmen Solisten sind gleichzeitig auch Akteure. So findet sich die Sopranistin Cornelia Horak mit Bejun Mehta, dem Sänger der Altpartie, zu einem sie offenbar nicht sonderlich befriedigenden One-Night-Stand in einem Bett, an dessen Ende sie ihren Partner daran hindern möchte, einen Socken anzuziehen. Und der Bass Florian Boesch signalisiert tiefe Verzweiflung, die ihn bei einem Leichenschmaus eine Weinflasche über den Tisch ausschütten lässt. Der Grund dafür mag darin liegen, dass sich zuvor der Tänzer Paul Lorenger unter Mitnahme eines Messers offenkundig in ernster selbstmörderischer Absicht in einer Hoteltoilette verbarrikadiert hat.

Ergänzt wird das Ensemble noch durch die Sopranistin Susan Gritton, die auf den zweiten Sopran, Cornelia Horak, eifersüchtig zu sein scheint, durch den Tenor Richard Croft, den Knabensopran Martin Pöllmann und die, wie man liest, gehörlose Gebärdendarstellerin Nadia Kichler, deren für die meisten unverständlichen gestischen Signale dem Geist und dem Inhalt von Händels Musik noch am ehesten entsprachen. (Peter Vujica, DER STANDARD/Printausgabe, 30.03.2009)

  • Ein Leichenschmaus löst Verzweiflung und sogar Selbstmordgedanken bei den Gästen (im Bild Tenor Richard Croft) aus.
    foto: armin bardel

    Ein Leichenschmaus löst Verzweiflung und sogar Selbstmordgedanken bei den Gästen (im Bild Tenor Richard Croft) aus.

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