Lesetipp zum Krisengipfel

29. März 2009, 18:15
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Warum der Club-of-Rome-Bericht aus dem Jahr 1972 besorgniserregend aktuell ist - Von Marina Fischer-Kowalski

Warum der Club-of-Rome-Bericht "Grenzen des Wachstums" aus dem Jahr 1972 besorgniserregend aktuell ist und bloße Systemkosmetik nach dem "Business as usual"-Prinzip in die Irre führt.

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Gieren auch Sie schon nach dem neuen Ladegerät für Ihr nächstes Handy? Können Sie es kaum mehr erwarten, die neueste Version Ihres Textverarbeitungsprogramms installiert zu bekommen, das mehr Leistung braucht? Wenn nicht, wird Ihnen das auch nichts nützen: Sie werden sie kaufen müssen.

Wussten Sie übrigens, dass der im Jahr 1972 veröffentlichte und hart umkämpfte Bericht zu den "Grenzen des Wachstums" (finanziert vom Club of Rome und verfasst von Donella und Dennis Meadows) in seinem "Business-as-usual-Szenario" für etwa das Jahr 2010 einen deutlichen Rückgang der weltweiten Industrieproduktion modellierte? Gefolgt von Ernährungsproblemen und schließlich einem Rückgang der Weltbevölkerung? Vor kurzem hat der australische Wissenschafter Graham Turner in der anerkannten Zeitschrift "Global Environmental Change" unter Verwendung desselben Modells nachgerechnet, dass - wenn man die seither angefallenen Daten über Ressourcenverbrauch und Emissionen einfüttert - die Weltwirtschaft sich genau entlang dem alten Business-as-usual-Szenario verhalten hat.

Die Meadows konnten im Jahr 1972 natürlich nicht wissen, dass in den reichen Industrieländern ab den 1980er-Jahren die Reallöhne stagnieren würden. Sie konnten auch nicht wissen, dass man die bis dahin gepflegte Praxis beenden würde, Kostenersparnisse in der Produktion, die sich dem technischen Fortschritt verdanken, zwischen Einkommenszuwächsen und einer Reduktion der Arbeitszeit aufzuteilen, sodass nicht nur mehr "Kaufkraft" , sondern auch mehr Freizeit und Muße entstünde. Ganz entgegen dem Meadows'schen Appell zur Ressourcenschonung ging es ab den Achtzigerjahren darum, aus den Produktionsprozessen nur ja jedes Quäntchen Umsatzsteigerung herauszuquetschen, um das gegenüber den Nachkriegsjahrzehnten lahmer gewordene Wirtschaftswachstum zu beschleunigen. Und wohin flossen diese Quäntchen? In Gewinne.

Ganz krass war es im Vorbildland USA: Dort stiegen nur die Arbeitszeiten, aber nicht die Realeinkommen, und die florierenden Gewinne nährten sich aus der zunehmenden Verschuldung der Haushalte und des Staates. Aber auch in Europa floss das Wirtschaftswachstum überwiegend in die Gewinne, die der deregulierte Finanzsektor großzügig versprach und gewährte.

Die "Grenzen des Wachstums" wurden nicht respektiert, sondern bestritten. Der jährliche globale Verbrauch an natürlichen Rohstoffen, Material wie Energie, wuchs weiterhin stetig und liegt heute fast beim Dreifachen der Werte, auf die die Meadows ihre Warnung stützten. Die ersten Klimafolgen unserer Verbrennung von Öl, Gas und Kohle können wir schon regelrecht spüren.

Es steht uns auch jetzt natürlich frei, das Geschehen als Finanzkrise zu verniedlichen und nach entsprechenden Geldspritzen aus Steuermitteln und einer gewissen Zähmung der Finanzmärkte alle Hoffnungen auf eine Rückkehr zum vormaligen Status quo zu richten. Offenbar fällt den zentralen politischen und ökonomischen Akteuren auch nicht viel anderes ein, wenn man sich ihre bisherigen "Rettungspläne" ansieht. Und vielleicht ist das sogar bis zu einem gewissen Grad - systemimmanent gedacht - verständlich.

Umso wichtiger ist es dann aber, tragfähige Zukunftsvorstellungen aus einem Zusammenwirken von Zivilgesellschaft, sozialen Bewegungen und Wissenschaft zu entwickeln, die die ökologisch und sozial notwendige Transformation einleiten.

Wir müssen die Spielräume, die uns der technische Fortschritt bietet, dafür nützen, in den armen Regionen dieser Welt menschenwürdige und dennoch umweltschonende Verhältnisse entstehen zu lassen, und nicht dafür, die Reichen - und das sind durchaus auch die normalen Einkommensbezieher in den reichen Ländern - noch reicher zu machen. Auch nicht dafür, künstlich Verschleiß zu inszenieren.

Wie ein solcher neuer Weg funktionieren kann, muss nun diskutiert werden. Ob das Treffen der G-20 am kommenden Donnerstag dafür der geeignete Rahmen ist, darf allerdings bezweifelt werden. (Marina Fischer-Kowalski, DER STANDARD, Printausgabe, 30.3.2009)

Zur Person

Marina Fischer-Kowalski lehrt Soziale Ökologie und ist Leiterin des Wiener Instituts für Soziale Ökologie der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.

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    Fischer-Kowalski setzt auf die Zivilgesellschaft.

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