2000 Quadratkilometer Sicherheit

29. März 2009, 18:16
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60 Jahre nach ihrer Gründung trifft sich die Nato, um Konsens über ihren derzeit wichtigsten Einsatz zu schaffen. Die Sicherheitsmaßnahmen in Straßburg sind enorm

Sie heißen „Anti-Otan". Es klingt wie ein Insektenmittel, und weil die französische Variante der Abkürzung „Nato" auf der letzten Silbe nasaliert wird, schwingt für ausländische Ohren zumindest die ganze Verachtung mit, die die Gegner des Nordatlantik-Bündnisses den Staats- und Regierungschefs entgegenschleudern wollen.

30.000 bis 70.000 „Anti-Otans" sollen es sein, die zum Jubiläumsgipfel der Nato diese Woche durch Straßburg ziehen und so ziemlich alles verlangen werden: die Auflösung der Allianz, den Abzug aus Afghanistan, Frieden für die Welt.
Roland Ries, Straßburgs sozialistischer Bürgermeister, ist genervt. „An einem Tag heißt es, Barack Obama kommt morgens, dann heißt es, abends, dann wieder morgens, weil er noch den Militärfriedhof in Caen besucht", klagte Ries in einem Interview mit dem deutschen Magazin Stern. Es scheint erst einmal bei morgens zu bleiben. Freitag, um Viertel vor elf oder vielleicht elf Uhr, drückt Obama im Palais Rohan, im Zentrum von Straßburg, dem französischen Präsidenten die Hand. Draußen, in der Stadt und auf dem Land, herrscht dann Grabesstille. Es ist Gipfelzeit.

Straßburg ist eingeteilt in eine orange und eine rote Zone. Baden-Baden, die deutsche Kasino- und Galastadt in der Provinz, wo der Nato-Gipfel am Freitagabend mit einem Essen im Kurhaus startet, hat jetzt Sicherheitszonen 1 bis 4; Rathaus und Marktplatz liegen in 3, was schon einmal ziemlich schlecht ist für Besucher („Betreten nur für namentlich registrierte Personen"), 4 ist das Kurhaus, also Obama und 27 weitere Staats- und Regierungschefs der Nato.

Auch Kehl, die Grenzstadt am Rhein mit der Europabrücke, ist Teil dieses deutsch-französischen Sicherheitsalbtraums. Samstagmorgen stellen sich die Präsidenten und Premiers zu einem Familienfoto vor die Fußgängerbrücke auf, die beide Rheinseiten verbindet. Kehl hätte eigentlich der deutsche Veranstaltungsort für den Gipfel zum 60-jährigen Bestehen der Nato sein sollen. So hatte es Angela Merkel im vergangenen Jahr gemeinsam mit Sarkozy angekündigt. Doch die Kanzlerin übersah, dass es in der deutschen Kleinstadt keine wirklich geeignete Konferenzhalle gibt. „Wir waren ihnen nicht gut genug", stellte ein Stadtverordneter verbittert fest.

Grenzkontrollen wie früher

Kehl bekommt dafür seinen Teil der Sicherheitsmaßnahmen ab. Die Europabrücke wird zeitweise für den Verkehr gesperrt. Grenzkontrollen wie in alten Tagen gibt es _ohnehin schon seit zwei Wochen. Straßburg, die 270.000-Einwohner-Stadt auf der anderen Rheinseite, ist für Terrorismusexperten kein unbeschriebenes Blatt: Im Dezember 2000 planten Islamisten einen Anschlag auf Straßburgs großen Weihnachtsmarkt. Ein Teil der Staatsgäste und der Delegationen wird zudem über die Autobahnen die 50 Kilometer zwischen Baden-Baden und Straßburg zurücklegen, ein anderer Teil wohl Hubschrauber benutzen. Macht alles in allem 2000 Quadratkilometer Sicherheitszone. „Das kann man nicht einfach einzäunen wie beim G-8-Gipfel in Heiligendamm" ist ein Satz, der nun oft bei Polizeisprechern fällt.

Daran gemessen wird es am Konferenztisch der Nato-Führer entspannter zugehen. Straßburg und Kehl/Baden-Baden waren als Symbol gewählt worden für Frankreichs Rückkehr in die militärische Integration der Nato und überhaupt für das größere Gewicht, das Paris und Berlin in der Allianz beanspruchen. Barack Obamas neue Afghanistan-Politik, die in die neue Gesamtstrategie der Nato einfließt, wird von den Europäern gutgeheißen. Konsens muss nur über den neuen Generalsekretär gefunden werden. Die Türkei sperrt sich noch gegen den Dänen Rasmussen. (Markus Bernath, DER STANDARD Printausgabe, 30.3.2009)

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    Ein Palast in Nato-Blau: Im Kongresszentrum von Straßburg tagen Ende der Woche die Nato-Chefs. Erste Demonstrationen gibt es schon heute, Montag, im deutschen Freiburg.

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