"Verstaatlichung ist ein gutes Instrument"

29. März 2009, 17:30
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Krisenökonom Roberto Rigobon sieht Bankenverstaatlichungen als saubere Lösungen an, Boni-Rückforderungen aber nicht

Roberto Rigobon, Krisenökonom am Massachusets Institute of Technology, sagte Leo Szemeliker, warum Bankenverstaatlichungen saubere Lösungen wären, Rückforderungen der Banker-Boni jedoch nicht.

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STANDARD: Sie berichten in Ihren Vorträgen immer, Sie hätten bisher mehr als siebzig Wirtschaftskrisen untersucht, die erste davon war der Wiener Gründerkrach 1873. Ist Ihrer Meinung nach die österreichische Wirtschaft nun wegen der Verbindung zu Osteuropa wieder von einem gröberen Krach bedroht?

Rigobon: Sehr viele osteuropäische Länder sind wirtschaftlich gefährdet. Wie hoch sind eigentlich die Ausleihungen österreichischer Banken in Osteuropa?

STANDARD: Rund 240 Milliarden Euro. Annähernd so hoch wie das Bruttoinlandsprodukt.

Rigobon: Dann würde ich mir ernsthaft Sorgen machen. Wenn die Rezessionen dort tiefer werden, dann wird Ihr Bankensektor leiden. Aber ich sehe, Ihre Banken sind sehr konservativ und haben  Reserven.

STANDARD: Ihre These besagt, dass die Nationalisierung von Banken das beste Mittel sei, um eine Finanzkrise schnell zu beenden. Warum glauben Sie das?

Rigobon: Verstaatlichung ist ein sehr gutes Instrument, allerdings nur am Anfang einer Krise.

STANDARD: Was halten Sie von dem US-Modell, in dem der Staat und Private gemeinsam den Banken die faulen Kredite und Risikopapiere abkaufen sollen?

Rigobon: Das ist eine De-facto-Nationalisierung der Banken, aus gewissen Gründen fürchtet man sich in den USA aber davor, es "Verstaatlichung" zu nennen. Es wäre aber gut für die Wirtschaft, wenn man endlich klar sagen würde: Das ist eine schlechte Bank, und das ist eine gute Bank, die eine muss restrukturiert werden, die andere nicht. Zu allen gleich nett zu sein ist kein Zeichen dafür, dass der Staat das Steuer in der Hand hat.

STANDARD: Halten Sie diese künstlich geschaffenen Märkte für "Giftpapiere" für eine gute Idee?

Rigobon: Vielleicht. Weiß man nicht. Aber viel effektiver wäre, den Banken zu sagen: Der Staat übernimmt deine "Bad Assets" , und du erkenne dafür deine Verstaatlichung an. Punkt. Denn irgendwer muss für diese Papiere zahlen, nämlich wir alle, die Steuerzahler. Warum ist die Verstaatlichung gut? Weil man dann mit der Bank machen kann, was man will: Die Bilanz säubern und die Bank später wieder verkaufen, mit allen Assets, die gut sind. Das wäre der korrekte Ablauf gewesen. Aber jetzt ist es ohnehin zu spät. Rasche Verstaatlichung hätte geholfen, Panik zu verhindern.

STANDARD: War es klug, den privaten Finanzsektor einzubinden, wie es der US-Finanzminister Tim Geithner vorhat?

Rigobon: Ja, das ist sehr schlau. Implizit wird dadurch der private Sektor, der diese Papiere kaufen soll, subventioniert. Das läuft so: Sie fürchten sich vor der Abwertung eines Papiers, jede Prozentzahl zwischen null und hundert ist möglich. Die Regierung sagt: Lass es uns um 20 kaufen. Damit gibt es einen garantierten Boden für den Preis. Es kann aber auch sein, dass das Papier einen Wert von 22 hat. So beginnt wieder der Handel.

STANDARD: Derzeit diskutiert man die Beschränkung von Managergagen. Sollten sie reguliert werden?

Rigobon: Ich muss hier gestehen: Da bin ich inkompetent. Ich befürchte allerdings, dass die Politiker auch inkompetent sind. Ich glaube, dass man die Gehälter von CEOs aus falschen Gründen limitieren will. Wir haben derzeit das Gefühl, sie seien unfair, weil diese Typen die Krise verursacht haben.

STANDARD: Die Öffentlichkeit verlangt aber nach einer Bestrafung der Schuldigen.

Rigobon: Was politisch korrekt sein mag, ist ökonomisch falsch. Ich weiß, wir sind in Europa, wir müssen Leute aufhängen und sie bluten sehen. Es liegt offenbar in unserer Natur, dass wir öffentliche Hinrichtungen wollen (lacht). Aber manchmal müssen die politischen Führer den Bürgern eben sagen: Was ihr wollt, ist nicht das, was sein muss. Ich verstehe, es ist nicht einfach für die US-Regierung im Fall AIG zu sagen: Lasst uns noch einmal darüber nachdenken, denn wir verletzen Verträge, wenn wir die vereinbarten Boni nicht auszahlen. Wie gut ist es für uns als Gesellschaft, wenn wir Vertragsverletzungen staatlich fördern? Wir tun das aber mit den CEOs. Das sind aber nur Bauchentscheidungen. Ich fürchte, dass die Regierungen nicht bei den Gehältern haltmachen, uns in einer Überreaktion alles Mögliche verbieten werden. (Leo Szemeliker, DER STANDARD, Printausgabe, 30.3.2009)

Zur Person

Der Venezolaner Roberto Rigobon (46) ist seit 1997 Professor am Massachusets Institute of Technology (MIT) in Boston. Seine Forschungsschwerpunkte: Inflation und Wirtschaftskrisen. Er war jetzt auf Einladung der Wirtschaftskammer in Wien.

  • Roberto Rigobon, Professor an der Sloan School of Management am MIT in Boston.
    foto: fischer

    Roberto Rigobon, Professor an der Sloan School of Management am MIT in Boston.

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