Anerkennung vor dem Weltuntergang

29. März 2009, 17:23
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Sie lehnen Geburtstagsfeiern und Telefonsex ab, sehen auf der Welt mehr Satansbeweise - und sie stehen kurz davor, als 14. Kirche offiziell anerkannt zu werden

Wien - In der Stadt kennt man sie als stumme Gestalten in U-Bahn-Stationen und Einkaufsstraßen; am Land läuten sie regelmäßig an den Haustüren, meistens ohne Einlass zu erhalten. Dabei, sagen sie selbst, wollen sie nichts anderes tun, als das Wort Gottes den Menschen näherbringen. Die Zeugen Jehovas stehen kurz davor, als 14. Kirche in Österreich anerkannt zu werden: Laut dem zuständigen Kulturministerium ist das nur mehr eine Frage von Tagen.

Ein Vormittag am Wiener Westbahnhof. Drei Frauen und ein Mann - alle schon im Pensionsalter - stehen dort, stoisch beobachten sie das hektische Treiben. Verpflichtet, sagt eine Zeugin, sei man dazu nicht; aber sie habe halt Zeit. Dass sie von jemandem angesprochen wird, scheint sie zu überraschen. Eilig kommen die anderen herbei, informieren über die Treffen der Zeugen Jehovas, zu denen man jederzeit und ganz unverbindlich in einen der sogenannten Königreichssäle kommen könne.

Dort wird nicht gefeiert, die Gemeinschaft zelebriert weder Weihnachten noch Geburtstage. Dafür trifft man sich zum "Wachtturm-Studium" . Die internationale Zeitschrift ist das Verkündungsorgan der Zeugen und beschäftigt sich mit allen Fragen des Lebens. Auf der Homepage erfährt man, was an Telefonsex so schlimm ist ("Ein Mittel, das Satan [...] benutzt, um junge Leute zu verderben" ), und wer dereinst die Erde erben wird (die "Sanftmütigen" ).

Fremdes Blut unerwünscht

Für jede noch so weltliche Lebensfrage finden die Zeugen Jehovas eine biblische Erklärung: Bluttransfusionen lehnen sie ab, weil die biblische Apostelgeschichte Christen gebiete, "Blut zu meiden" . Sie respektieren Staat und Demokratie, glauben aber daran, dass Gott die Erde verändern wird. Und das, obwohl die Welt " mehr Beweise für Satans Einfluss erkennen lässt als für den Einfluss Gottes" .

Zentral für die Gemeinschaft ist der Glaube an den Weltuntergang, und auch wenn die Zeugen das Datum dafür nicht (mehr) vorhersagen, so halten sie den Zeitpunkt doch für "nahe" und stützen sich dabei auf "biblische Prophezeiungen" . Genau diese Auslegung ist es, die die Zeugen Jehovas in den Geruch einer Sekte bringt.

Eine Sekte "ist eine Gemeinschaft, die einen bestimmten Detailaspekt des Glaubens herausgreift und verabsolutiert" , heißt es dazu seitens der Erzdiözese Wien - und das hält man "auf die ,Zeugen Jehovas‘ mit ihrer Erwartung des nahen Weltendes" für zutreffend. Die Entscheidung, die Zeugen Jehovas zu einer "echten" Kirche zu machen, sei "zu akzeptieren" , befindet man bei der Erzdiözese. Mit dem Christentum hätten sie aber "nichts mehr zu tun" . 23.000 Zeugen Jehovas gibt es laut der letzten Volkszählung in Österreich. Wer die Gemeinschaft verlässt, muss damit rechnen, dass er von den ehemaligen Gesinnungskollegen gemieden wird: Aus einem biblischen Brief an die Korinther schließen die Zeugen, dass sie "keinen Umgang mehr mit einer solchen Person" haben sollten. Familienbande würden dadurch aber nicht aufgelöst.

Spenden erwünscht

Im Gegensatz zu Sekten wie Scientology ist die Mitgliedschaft bei den Zeugen Jehovas offiziell gratis. Spenden seien erwünscht, sagt einer der Missionare am Westbahnhof - ob man aber einmal pro Woche oder einmal im Jahr in die Geldbörse greife, sei egal. Mit der Anerkennung als Kirche dürften die Zeugen auch einen (von der Steuer absetzbaren) Beitrag einheben - Gebrauch machen wollen sie von diesem Recht aber nicht. (Andrea Heigl/DER STANDARD Printausgabe, 30. März 2009)

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    Massentaufe im Swimmingpool: Im Sommer 2006 trafen sich 40.000 Zeugen Jehovas in Hamburg.

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