In der Krise denken Banken an Migranten

29. März 2009, 19:47
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Spät, aber doch: Heimische Banken geben sich Ethno-Anstrich

Wien - Die Deutsche Bank hat ihre türkische Kundschaft schon länger für sich entdeckt. "Bankamiz" - was soviel bedeutet wie "Bank für uns" - nannte die Großbank ihr Pilotprojekt, mit dem sie vor zwei Jahren um türkische Kunden warb. Und damit stand sie schon damals nicht alleine da: Beratung und Informationsmaterial auf Türkisch boten und bieten viele Banken und Bausparkassen in Deutschland an. Fast überall sitzen Mitarbeiter, die selbst türkische Eltern oder Großeltern haben und bei Bedarf dolmetschen oder in der Fremdsprache beraten.

"Ein bisschen verschlafen"

"Die österreichischen Banken haben das ein bisschen verschlafen", sagt Nenad Stevanovic, Betreiber der Agentur "Ethnomarketing". Stevanovic kommuniziert für seine Kunden Werbe-Botschaften auf Serbisch, Kroatisch und Bosnisch: "Die Zeiten, als die Leute sehr viel Geld in die Heimat geschickt haben, sind vorbei. Die Kinder sind nachgekommen, die Wohnung oder das Haus in der Heimat ist vielleicht verkauft." Dem Vorhaben der Erste Bank, sich - spät aber doch - ab April im größeren Stil den Kunden mit Migrations-Hintergrund zuzuwenden, kann er dennoch etwas abgewinnen.

Geld günstig heimschicken

Die Erste Bank legt ab April in 17 Filialen neben der entsprechenden Beratung auch ihre Produktblätter in Serbisch auf, ab Mai kommen die türkischsprachigen Versionen dazu. Daneben will man den Kunden den Geldtransfer in die Heimat - üblicherweise ein recht kostspieliges Vergnügen - um über ein Drittel günstiger anbieten. Warum erst jetzt? Karin Berger von der Erste-Bank verweist auf einzelne Projekte, die man bereits in der Vergangenheit durchgeführt habe: "Wir haben Produktblätter an den Bushaltestellen verteilt, das war ein großer Erfolg". Ehe mittels Studie die Bedürfnisse erhoben wurden, galt es zu klären, ob man sich etwa hinsichtlich der Sprachen auf jeweils eine Filiale konzentriere, oder ob muttersprachliche Informationen der Integration überhaupt förderlich wären.

Während Raiffeisen in einer Filiale im 15. Bezirk Beratung in Türkisch, Serbisch und Kroatisch offeriert, hat die Bank Austria in immerhin zehn Prozent der Wiener Filialen Native-Speaker im Einsatz. Die Bawag P.S.K hat neben Türkisch und Serbisch auch Polnisch im Sprachenportfolio und bietet mehrsprachige Bedienungsanleitungen in den Überweisungsscannern.

Kulturell angepasst Botschaften

Was die Ethnomarketer weltweit schon lange wissen: Kulturell angepasste Botschaften in der jeweiligen Sprache dienen eher dem gegenseitigen Verständnis im Interesse der Integration: "In Miami ist zweisprachige Werbung eine Selbstverständlichkeit", sagt Stefanovic. Der Trend sei von den USA nach Deutschland gewandert, Österreich ziehe mit entsprechender Verspätung nach: "Wir sind diesbezüglich recht konservativ". Werbung auf Türkisch oder Serbisch, die üblicherweise etwas verschämt auf die entsprechenden Medien für Leser mit Migrations-Hintergrund beschränkt ist, will die Erste Bank nun auch in Form von Plakaten in der Öffentlichkeit machen.

"Herzlich willkommen"

Was das Angebot eigens für die Zielgruppe kreiierter Produkte betrifft, gibt es unterschiedliche Ansichten. "Es geht hier nicht in erster Linie um andere Produkte. Sondern darum, dass wir als Bank deutlich machen: Kunden, die in der Türkei, in Serbien, wo auch immer geboren sind, sind uns herzlich willkommen", heißt es bei Raiffeisen. Mitarbeiterförderung laute die Devise: Von den 3.300 Mitabeitern im Raiffeisen-Banken-Reich sind rund 500 Nicht-Österreicher und in der RLB NÖ-Wien haben rund zehn Prozent der 1.200 Mitarbeiter Migrations-Hintergrund. Auch bei der Erste Bank kommen die Mitarbeiter für das Pilotprojekt aus den eigenen Reihen.

Bank-Karte im türkischen Kleid

Was Nenad Stevanovic dennoch großartig finden würde, wäre eine Karte im Ethno-Kleid. Die Deniz Bank oder GE-Money böten Kontokarten im türkischen Outfit: "Das ist eine nette Idee. Damit könnte man als Kunde sagen: Schau, ich hab eine Erste-Bank-Karte im türkischen Design - das wär doch was." Josef Senel von der Agentur Turklook - seine Zielgruppe sind Österreicher mit türkischer Muttersprache - kann sogar dem späten Zeitpunkt etwas Positives abgewinnen: "Das ist in Zeiten der Krise eine Möglichkeit, sich neue Zielgruppen zu erschließen." 

Altersvorsorge

Vergeblich wird die Liebesmüh der Banken nicht sein. Denn die Bedürfnisse der meist vor Jahrzehnten zugewanderten Kunden haben sich geändert. Manch einer verbringt, entgegen anderer Pläne, nun auch seine Pension in der zweiten Heimat. Neben Konto und Kredit braucht man Altersvorsorge oder Bausparen. Gerade diese komplizierten Themen besprechen sich dann doch besser in der Muttersprache, glaubt Stefanovic: "Einen Kredit macht man ja nur einmal im Leben. Da ist es gut, wenn kein Blödsinn herauskommt." "Auf jeden Fall freuten sich die Kunden, wenn sie in ihrer Muttersprache angesprochen werden", ist auch Josef Senel überzeugt. "Das ist gerade in Österreich, wo ihre Lage in vielerlei Hinsicht nicht sehr rosig ist, ein willkommenes Zeichen, dass man die Migranten ernst nimmt."(Regina Bruckner, derStandard.at, 29.3.2009)

 

  • Beratung und Informationsmaterial in Sprachen wie serbisch, kroatisch oder türkisch hält auch in Österreich nach und nach Einzug in der Bankenbranche.
    foto: unicredit/hvb

    Beratung und Informationsmaterial in Sprachen wie serbisch, kroatisch oder türkisch hält auch in Österreich nach und nach Einzug in der Bankenbranche.

  • Die Erste Bank startet im April mit einem entsprechenden Pilotprojekt.
    foto: erste bank

    Die Erste Bank startet im April mit einem entsprechenden Pilotprojekt.

  • Raiffeisen setzt vor allem auf Mitarbeiterförderung und die Offenheit der Beschäftigten.
    foto: raiffeisen

    Raiffeisen setzt vor allem auf Mitarbeiterförderung und die Offenheit der Beschäftigten.

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