"Keine grünen Männchen, sondern grüne Bakterien"

29. März 2009, 16:46
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Astronom Thomas Posch über Karrierechancen, das Internationale Jahr der Astronomie und fremdes Leben im Kosmos

200 Jahre alte Fernrohre vor dem Fenster, Sternkarten an den Wänden, lateinische Schriften und Atlanten ausgebreitet auf den Tischen - betritt man das Museum der Wiener Universitätssternwarte, sieht man alte Gelehrte, die den Himmel mit Fernrohren nach neuen Geschehnissen absuchen, förmlich vor sich. Jedoch haben auch in der Astronomie Computer längst die analogen Instrumente ersetzt. Den Schreibtisch des Astronomen Thomas Posch, einer von etwa 50 Forschern an der Wiener Universitätssternwarte, zieren statt alter Karten zwei Flachbildschirme.

"An einem normalen Arbeitstag schaltet man auch als Astronom als ersten Arbeitsakt den Computer ein und als letzten Arbeitsakt am Abend den Computer wieder aus", so Posch. Der Astronom im 21. Jahrhundert stehe auch nicht mehr wie vor 120 Jahren jede Nacht am Teleskop: "Mit ein oder zwei Nächten, die man in einem guten Observatorium durchgebracht hat, ist man für ein ganzes Jahr damit beschäftigt, die gewonnenen Daten zu analysieren."

Explodierende Supernova

Die tägliche Arbeit wird in der Astronomie jedoch immer wieder von speziellen Naturereignissen unterbrochen: ein Komet steht plötzlich am Himmel, eine Supernova explodiert (das Aufleuchten eines Sterns am Ende seiner Lebenszeit) oder ein veränderlicher Stern macht etwas Unerwartetes. "Das ist eine Besonderheit der Astronomie, die es in der Mathematik, Physik oder Chemie nicht gibt, weil man dort Beobachtungen eher im Labor macht", so Posch.

Im heurigen Jahr kommt ein weiteres besonderes Ereignis hinzu: Im Jahr 1609, vor genau 400 Jahren, macht Galileo Galilei mit einem ähnlichen Fernrohr, wie sie auch heute im Museum der Sternwarte stehen, erstmals erstaunliche Entdeckungen am Himmel. Diese ersten Teleskopbeobachtungen sind Anlass für das Internationale Jahr der Astronomie 2009, das von Forschungseinrichtungen, Planetarien, Volkssternwarten und Astronomievereinen mit Veranstaltungen gefeiert wird.

Astronomie als internationale Wissenschaft

Die Hauptbeschäftigung eines Astronomen im 21. Jahrhundert ist laut Posch jedoch die Teilnahme an internationalen Großprojekten: "Die Astronomie ist heute, wie viele andere Wissenschaften auch, eine internationale Wissenschaft."

Die bekannten Observatorien, wie zum Beispiel das Hubble-Weltraumteleskop, seien jedoch extrem überbucht. Eine Beobachtungsstunde koste dort etwa 100.000 Euro. "Für einen einzelnen Astronomen ist es extrem schwierig bis unmöglich dort Beobachtungszeiten zu bekommen. Diese großen Instrumente sind aber notwendig, um in die Tiefen des Weltalls vorstoßen zu können", so Posch. Daher müsse man sich mit anderen Forschern zusammenschließen, interessante Fragestellungen ausarbeiten und diese schließlich in einer internationalen Forschungsarbeit realisieren.

Auch Ernst Dorfi, Vizestudienprogrammleiter an der Uni Wien, sieht die Astronomie als internationale Wissenschaft. Ungefähr zehn Prozent der etwa 500 in Wien inskribierten Studenten gingen daher auch für einen Studienaufenthalt ins Ausland.

Laut Dorfi beginnen in Wien, wo der Schwerpunkt auf klassischer Astronomie liegt, pro Jahr 70 Studierende. Außerdem gibt es die Möglichkeit, sich in Innsbruck am Institut für Astrophysik und in Graz am Institut für Geophysik, Astrophysik und Meteorologie einzuschreiben.

Aufhellung des Himmels

Die Universitätssternwarte auf der Türkenschanze in Wien-Währing, die 1879 fertig gestellt wurde, zeigt nicht nur im Museum wertvolle Andenken an frühere Zeiten. Steigt man etliche, schmale Stufen entlang eines Betonfundaments empor, erreicht man das einstmals größte Linsenfernrohr der Welt. Heute ist der fünfeinhalb Tonnen schwere Refraktor mit einer Öffnung von 68 Zentimetern das neuntgrößte Linsenfernrohr weltweit.

Die Möglichkeit, Geschehnisse am Himmel durch ein Fernrohr beobachten zu können, begeisterte auch Thomas Posch bereits im Alter von zwölf Jahren für die Astronomie. Die direkte Erfahrbarkeit des Sternennhimmels wird jedoch heutzutage durch die stetige Himmelsaufhellung erschwert, so der Astronom. "Die Lichterflut wächst geradezu exponentiell, das ist für das unmittelbare Erleben des Sternenhimmels ein Problem."

Auch die Außenstation der Universitätssternwarte Wien, die vor vierzig Jahren im Wienerwald errichtet wurde, wird heute von der Lichtglocke der Stadt Wien massiv beeinträchtigt. "Man könnte eine Galaxie, wenn sie direkt über Wien aufgeht, gar nicht mehr vernünftig eruieren", so Posch.

Die größte Einschränkung für die Arbeit eines Astronomen sei jedoch nicht das Licht, sondern das Wetter. "Rein statistisch gesehen kann man in Österreich mit 60 klaren Nächten im Jahr rechnen. In Chile sind es 300", so Posch. Dadurch hätte man schon unter klimatischen Gesichtspunkten eine fünfmal effizientere Investition getätigt, wenn man eine Sternwarte in einem wüstenähnlichen Klima nutzt. Österreich ist deshalb seit 2008 Mitglied der Europäischen Südsternwarte (ESO), die vor allem Teleskope in Chile betreibt.

Bakterien auf Wanderschaft

Doch nicht nur universitäre Forschungseinrichtungen wie die Universitätssternwarte Wien bieten die Möglichkeit, in der Astronomie Fuß zu fassen. Auch das Institut für Weltraumforschung der Akademie der Wissenschaften, die Austrian Space Agency, Planetarien und Volkssternwarten beschäftigen Astronomen. Vor allem seit Österreich Mitglied der ESO ist, sehen die Jobaussichten für engagierte Studenten nicht schlecht aus, bestätigt Ernst Dorfi.

Seit über 400 Jahren studiert der Mensch die Geschehnisse am Himmel, heute sind daher mehr als 300 Planeten und Sterne bekannt. Wie wahrscheinlich ist daher für einen Astronomen fremdes Leben im All?

Was die Erkenntnisse über die notwendigen Voraussetzungen für Leben im Kosmos betrifft, tut sich laut Posch in der Wissenschaft sehr viel: "Leben als rein biologisches Phänomen, so wie wir es bei Bakterien kennen, könnte relativ verbreitet sein. Diese Art von primitivem Leben könnte sogar von Planet zu Planet wandern. In diesem Sinne sind zwar nicht die grünen Männchen aber grüne Bakterien relativ wahrscheinlich." (Maria Fanta, derStandard.at, 29. März 2009)

Internationales Jahr der Astronomie 2009

100 Stunden der Astronomie

  • "Die Lichterflut wächst geradezu exponentiell, das ist für das unmittelbare Erleben des Sternenhimmels ein Problem."

    "Die Lichterflut wächst geradezu exponentiell, das ist für das unmittelbare Erleben des Sternenhimmels ein Problem."

  • Fernrohre, Bücher, Uhren, Karten und Atlanten im Museum der Universitätssternwarte Wien.

    Fernrohre, Bücher, Uhren, Karten und Atlanten im Museum der Universitätssternwarte Wien.

  • Der neuntgrößte Refraktor weltweit: Linsenfernrohr mit einer Öffnung von 68 cm und einer Brennweite von 10,5 m.

    Der neuntgrößte Refraktor weltweit: Linsenfernrohr mit einer Öffnung von 68 cm und einer Brennweite von 10,5 m.

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