"Kein Ersatz für die Niere"

  • Das Prinzip der Dialyse ist primitiv: Über eine semipermeable Membran werden Moleküle durch Diffusion entfernt.
    foto: derstandard.at/ursula schersch

    Das Prinzip der Dialyse ist primitiv: Über eine semipermeable Membran werden Moleküle durch Diffusion entfernt.

Nierenversagen zählt zu den neuesten Epidemien - Die Dialyse ist keine perfekte Dauerlösung

„Nephrologen waren vielfach nur Dialysere", erinnert sich Wilfred Druml, stellvertretender Leiter der klinischen Abteilung für Nephrologie und Dialyse am Wiener AKH. Als Nierenspezialist bekam auch er Nierenfunktionsstörungen über Jahre hinweg nur im Endstadium zu Gesicht. Therapeutische Optionen gibt es in dieser letzten Phase der Erkrankung für den Patienten heute wie damals nur zwei: Dialyse oder Transplantation.

Das Thema Nierenversagen war damit jahrzehntelang mehr oder weniger vom Tisch, denn mit der Nierenersatztherapie glaubte man die Niere vollständig ersetzen zu können. Mitnichten weiß Druml: „Die Überlebensrate eines Dialysepatienten liegt durchschnittlich bei sieben Jahren". Das erschreckende an dieser Zahl, die bis dato wenig bekannt ist: Die Prognose ist schlechter als bei einigen Krebserkrankungen. Patienten mit Dickdarmkrebs beispielsweise, leben im Schnitt um zwei Jahre länger.

Woher kommt dieses uneingeschränkte Vertrauen in die Nierenersatztherapie? Das Wissen über die physiologischen Fähigkeiten der Nieren war lange Zeit manglhaft, mit der Dialyse schien ihre wichtigste Pflicht, die Ausscheidung, weitgehend erfüllt. Heute weiß man zwar mehr über metabolische, endokrinologische und immunologische Funktionen einer gesunden Niere, das Blutreinigungsverfahren ist aber dasselbe geblieben. Mit Hilfe einer semipermeablen Membran wird das Blut lediglich von einigen ausscheidungspflichtigen Substanzen befreit.

Infektionen, Gefäßverkalkung und Tumorentwicklung

„Die Inflammation ist die große Crux akuter wie chronischer Nierenerkrankungen", weiß Druml. Mediziner sprechen vom systemisch inflammatorischen Response-Syndrom. Für den, dessen Nieren versagen, bedeutet es, dass ohne eine funktionstüchtige Niere die Immunabwehr massiv beeinträchtigtist. Der Mensch wird anfällig für Infektionen. Die Ansicht, dass ein akute Nierenfunktionsstörung, das akute Nierenversagen (ANV) harmlos, weil reversibel sei, wurde infolge dieser Erkenntnisse revidiert. „Wir wissen heute, dass das akute Nierenversagen die Letalität der Patienten um mindestens 70% erhöht. Das infektionsbedingten Multiorganversagen zählt dabei zu den häufigsten Todesursachen", so Druml.

Für Patienten mit chronischem Nierenversagen (CNV) sind die Prognosen, wie oben erwähnt, schlecht. „Eine beschleunigte Gefäßverkalkung und die begünstigte Entwicklung bösartiger Tumore sind hier problematisch", weiß der Wiener Nierenexperte. Die konventionelle Nierenersatztherapie gilt für ihn nicht mehr als vollständige Lösung. Mit der Verbesserung der Hämodialyse-Therapie rechnet er in absehbarer Zeit nicht, obwohl sich weltweit verschiedene Arbeitsgruppen sehr intensiv damit beschäftigen. Einer der sich seit 20 Jahren um im die Entwicklung eines biologischen Nierenersatzes bemüht, ist David Humes, Wissenschaftler an der Universität in Maryland Baltimore. Seinem Team ist die Züchtung spezifischer Nierenzellen gelungen, jedoch macht die Aufwändigkeit seiner Methode eine Umsetzung in der Praxis derzeit noch unmöglich.

Kleine Störung mit großer Wirkung

„Das chronische, wie das akute Nierenversagen wird weltweit zu einer Epidemie geworden", betont Druml und fordert mehr Prävention. Die Erkenntnis, dass auch kleine Nierenfunktionsstörungen bereits katastrophale Auswirkungen auf den Krankheitsverlauf und die Lebenserwartung der Patienten besitzen, macht die Früherkennung spätestens jetzt zu einem ganz wichtigen Thema. Für das Gesundheitssystem wird die Herausforderung zunehmend größer, denn Nierenersatztherapien sind teuer und bei dem jährlichen Anstieg von Neuerkrankungen um mittlerweile 7%, auch von reichen Industriestaaten kaum mehr zu bewältigen. (Regina Philipp, derStandard.at, 31.3.2009)

 

Studie im Journal of the American Society of Nephrology:

Efficacy and Safety of Renal Tubule Cell Therapy for Acute Renal Failure

 

 

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