"Kein Ersatz für die Niere"

Regina Philipp
31. März 2009, 15:27
  • Das Prinzip der Dialyse ist primitiv: Über eine semipermeable Membran werden Moleküle durch Diffusion entfernt.
    foto: derstandard.at/ursula schersch

    Das Prinzip der Dialyse ist primitiv: Über eine semipermeable Membran werden Moleküle durch Diffusion entfernt.

Nierenversagen zählt zu den neuesten Epidemien - Die Dialyse ist keine perfekte Dauerlösung

„Nephrologen waren vielfach nur Dialysere", erinnert sich Wilfred Druml, stellvertretender Leiter der klinischen Abteilung für Nephrologie und Dialyse am Wiener AKH. Als Nierenspezialist bekam auch er Nierenfunktionsstörungen über Jahre hinweg nur im Endstadium zu Gesicht. Therapeutische Optionen gibt es in dieser letzten Phase der Erkrankung für den Patienten heute wie damals nur zwei: Dialyse oder Transplantation.

Das Thema Nierenversagen war damit jahrzehntelang mehr oder weniger vom Tisch, denn mit der Nierenersatztherapie glaubte man die Niere vollständig ersetzen zu können. Mitnichten weiß Druml: „Die Überlebensrate eines Dialysepatienten liegt durchschnittlich bei sieben Jahren". Das erschreckende an dieser Zahl, die bis dato wenig bekannt ist: Die Prognose ist schlechter als bei einigen Krebserkrankungen. Patienten mit Dickdarmkrebs beispielsweise, leben im Schnitt um zwei Jahre länger.

Woher kommt dieses uneingeschränkte Vertrauen in die Nierenersatztherapie? Das Wissen über die physiologischen Fähigkeiten der Nieren war lange Zeit manglhaft, mit der Dialyse schien ihre wichtigste Pflicht, die Ausscheidung, weitgehend erfüllt. Heute weiß man zwar mehr über metabolische, endokrinologische und immunologische Funktionen einer gesunden Niere, das Blutreinigungsverfahren ist aber dasselbe geblieben. Mit Hilfe einer semipermeablen Membran wird das Blut lediglich von einigen ausscheidungspflichtigen Substanzen befreit.

Infektionen, Gefäßverkalkung und Tumorentwicklung

„Die Inflammation ist die große Crux akuter wie chronischer Nierenerkrankungen", weiß Druml. Mediziner sprechen vom systemisch inflammatorischen Response-Syndrom. Für den, dessen Nieren versagen, bedeutet es, dass ohne eine funktionstüchtige Niere die Immunabwehr massiv beeinträchtigtist. Der Mensch wird anfällig für Infektionen. Die Ansicht, dass ein akute Nierenfunktionsstörung, das akute Nierenversagen (ANV) harmlos, weil reversibel sei, wurde infolge dieser Erkenntnisse revidiert. „Wir wissen heute, dass das akute Nierenversagen die Letalität der Patienten um mindestens 70% erhöht. Das infektionsbedingten Multiorganversagen zählt dabei zu den häufigsten Todesursachen", so Druml.

Für Patienten mit chronischem Nierenversagen (CNV) sind die Prognosen, wie oben erwähnt, schlecht. „Eine beschleunigte Gefäßverkalkung und die begünstigte Entwicklung bösartiger Tumore sind hier problematisch", weiß der Wiener Nierenexperte. Die konventionelle Nierenersatztherapie gilt für ihn nicht mehr als vollständige Lösung. Mit der Verbesserung der Hämodialyse-Therapie rechnet er in absehbarer Zeit nicht, obwohl sich weltweit verschiedene Arbeitsgruppen sehr intensiv damit beschäftigen. Einer der sich seit 20 Jahren um im die Entwicklung eines biologischen Nierenersatzes bemüht, ist David Humes, Wissenschaftler an der Universität in Maryland Baltimore. Seinem Team ist die Züchtung spezifischer Nierenzellen gelungen, jedoch macht die Aufwändigkeit seiner Methode eine Umsetzung in der Praxis derzeit noch unmöglich.

Kleine Störung mit großer Wirkung

„Das chronische, wie das akute Nierenversagen wird weltweit zu einer Epidemie geworden", betont Druml und fordert mehr Prävention. Die Erkenntnis, dass auch kleine Nierenfunktionsstörungen bereits katastrophale Auswirkungen auf den Krankheitsverlauf und die Lebenserwartung der Patienten besitzen, macht die Früherkennung spätestens jetzt zu einem ganz wichtigen Thema. Für das Gesundheitssystem wird die Herausforderung zunehmend größer, denn Nierenersatztherapien sind teuer und bei dem jährlichen Anstieg von Neuerkrankungen um mittlerweile 7%, auch von reichen Industriestaaten kaum mehr zu bewältigen. (Regina Philipp, derStandard.at, 31.3.2009)

 

Studie im Journal of the American Society of Nephrology:

Efficacy and Safety of Renal Tubule Cell Therapy for Acute Renal Failure

 

 

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18 Postings
hinweis

es gibt ein hervorragendes buch zum thema: slavenka drakulic: leben spenden. was menschen dazu bewegt, gutes zu tun (zsolnay verlag, 2008)

Wiedermal ein wunderbarer Artikel aus der Medizin!

Da wird abgeschrieben, was ein Arzt (in dessen Geheimsprache) von sich gibt und darauf verwiesen, dass Prävention notwendig wäre. Aber es wird wiedermal geflissentlich verschwiegen, WIE diese Prävention aussehen sollte.
Ich bin kein Pharmareferent, kein Mediziner oder sonstiger Scharlatan, der an der Krankheit verdient. Dennoch ist Gesundbleiben ein Anliegen, das mir am Herzen liegt.

infos

bzw weiter führender artikel auf
www.nierenbuch.de/2_untersu... ennung.htm

www.focus.de/gesundhei... 85717.html

www.gesundheits-weblog.de/50226711/... tation.php

einige tipps noch die zwar nicht der humanmed entstammen aber dem menschen nicht schaden bzgl prävention:
1. immer ausreichend flüssigkeit zu sich nehmen
2. zufuhr vitamin d3 erhöhen
3. phosphathältige nahrung minimieren.

zu vit d3 doch noch btw ein humanmedizin-artikel (welcher aber nicht nierenspezifisch ist):
http://diepresse.com/home/tech... 0/index.do

*hth* ;-)

kaufen ihnen ein buch oder fragens ihren hausarzt.
das internet soll manchmal auch ganz hilfreich sein.

im übrigen klingt mir "fordert mehr prävention" eher nach einer aufforderung an die behörden, krankenkassen und ärzte, als an den einzelnen bürger.

das ist keine geheimsprache, sondern ein artikel einer qualitätszeitung. wenn sie den nicht verstehen, müssen sie nicht gleich ihr schlichtes gemüt unter beweis stellen, indem sie zu einem unqualifizierten rundumschlag ansetzen.
ich mach ihnen einen vorschlag: lesens die krone und postens dort.

Geheimsprache würde ich zwar nicht sagen, aber ich gebe Sir Jimmy recht - was zur Prävention getan werden kann, steht nicht im Artikel.

beeindruckende Fehlerdichte in diesem kurzen Artikel...

Wie ist das eigentlich, haben Nierenspender eigentlich auch eine kürzere Lebenserwartung? Irgendwie hab ich dazu noch nie etwas gehört/gelesen.

Das frage ich mich auch.

Nierenspenden wird ja gern als völlig harmlos dargestellt als wär'S ein Besuch im Nagelstudio.

ME eine völlig unethische, verantwortungslose Vorgehensweise der Ärzte.

Aber diese Transplatationsmediziner haben offenbar alle einen gehörigen Klescher; kann mich da an eine ORF-Diskussion erinnern, wo einer den Iran(!) als Vorbild nannte (offenbar spenden dort Arme Organe und erhalten dafür Krankenversicherungen).
Zum Kotzen.

Das iranische System arbeitet mit bezahlung der spender, die ihre niere einem unbekannten spenden, Die Allokationsorganisation bestimmt wer sie bekommt. Der unterschied zum europäischen sytem leigt darin dass in europa oder österreich die Lebendspende altruistisch funkioniert. Transplantationsmedizinder einfach als 'haben einen klescher' abzuurteilen, zeugt von einer unwissenheit gegenüber diesem teil der medizin. Die Gesellschaft muss sich die Frage stellen, was sie mit so vielen chronisch kranken machen will? die transplantation ist ein ausweg aus der körperlichen abhängikeit der menschen.

liebe frau lucas, disqualifizieren sie sich nicht mit solchen äusserungen. eine lebendspende ist keine kleinigkeit, das behauptet niemand.
sie können ja gerne mit mir über ethik nachdenken, am besten, indem sie mit mir eine 25-jährige dialsysepatientin besuchen, die auf eine nierenspende hofft. das wird ihnen sicher neue einblicke gewähren.

im übrigen gibt es eine brandneue untersuchung, dass lebendspende das leben nicht verkürzt, und die lebensqualität nicht verschlechtert (N Engl J Med; Volume 360:459-469; January 29, 2009 Number 5)

Ihr Beispiel ist natürlich tragisch, aber das ist doch wohl eher (zum Glück!) die Ausnahme, oder?

Mir ist da leider jener Promi eingefallen, der von seiner ca. 35 Jahre jüngeren Freundin (mittlerweile Ehefrau) eine Niere gespendet bekommen hat.
Sollte man hier nicht sehr wohl über Ethik und Grenzen diskutieren?
(Anläßlich dieses Falles war auch die Fersehdiskussion mit oben erwähnter Aussage eines Transplantationsspezialisten, soweit ich mich erinnere)

Wenn ich mir vorstelle, dass das meine Tochter wäre, dann würde ich wohl zur Ärzte-stalkerin werden:-(

über ethik könnte ich wirklich viel diskutieren, und würde auch mein eigenes handeln in einem geeigneten forum zur diskussion stellen.
aber jetzt teilen sie mir mit, was an ihrem beispiel zu diskutieren wäre (ich schaue so selten fern)? die junge frau ist nicht entmündigt, wurde über sinn und risiko aufgeklärt. und wo hat hier ein arzt schuld auf sich geladen, dass sie dermaßen heftig werden? wenn das ihre tochter wäre, könnten sie ihr maximal sagen, sie soll sich besser einen gleichaltrigen mann suchen, oder nicht auf promis oder geld schielen, aber den ärzten einen strick draus drehen, ich bitte sie, das ist doch letztklassig.
unter jenen, die auf eine niere warten, ist die erwähnte 25jährige keine ausnahme. erst nachdenken+informieren

schwierig...750 zeichen u. so

Es gibt Situationen wo die eigene Urteilskraft durch entspr. emotionale Bindunge, etc. wohl eingeschränkt ist, ohne, dass jemand gleich besachwaltet werden muss.
ich finde es unverantwortlich, Spender in emotionaler Abhängigkeit heranzuziehen, die wesentlich jünger sind als der Empfänger.
Der Spender hat ja noch eine wesentlich längere Lebensphase vor sich, wo alles mögliche passieren kann, mal abgesehen vom konkreten OP-Risiko für die Organentnahme.
In anderen medizin. Situationen werden Patienten oft wesentlich mehr 'bevormundet'.
Wo würden Sie denn die Grenzen sehen?
Polemisch: soll der 18jährige auch dem 80jährigen Opa eine Niere spenden, weil er 'es selber so will' und eh aufgeklärt wurde?

aber es bleibt die entscheidung des Lebendspenders. er muss gut aufgeklärt sein und über alle nutzen und risiken bescheid wissen. wie bei jeder operation.

Lebendspende ist die entscheidung eines menschen der sich freiwillig dafür entscheiden muss. es ist die aufgabe des Transplantteams (Psychologen,Ärzte) herauszufinden was einen Menschen dazu bringt eine Niere zu spenden. Würden sie ihrem Kind eine Niere spenden wenn es an der dialyse hängt oder würden sie ihr kind an der Dialyse lassen? Am besten besuche sie die Kinderdialysestationen in den Krankenhäusern um sich ein bild zu machen.

Lebendspende wäre zwar auch für einen 80 Jährigen möglich. Aber prinzipiell gibts für solche Fälle schon mal schwer eine OP Freigabe vom Internisten, und falls doch gibt es auch ein Programm wo speziell Organe von alten Spendern (65+) an ebensolche Rezipienten vergeben werden.

Vielleicht sollten Sie sich aber erst mal mit der Frage beschäftigen, inwiefern eine mündige Mittzwanzigerin ihrem persönlichen Lebensentwurf folgen darf. Abhängigkeit von der Mutter oder zum Lebenspartner ist nämlich beides nicht wünschenswert.

Dialysen sind schon keine perfekte Dauerlösungen

Liebe Standard Redaktion,

was soll obenstehender Satz aussagen ?

PS: In einem anderen Forum wird der Verfall der Sprache diskutiert.

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