Natürlicher Hass im Großstadtdickicht

27. März 2009, 19:51
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"Diese Scheiss Natur" wurde im Neunten auf eine Hauswand gesprayt - nur: Wo ist sie bloß?

Die Canisiusgasse am Alsergrund ist wahrlich nicht der Dschungel von Wien. Ein paar im Vorfrühling trist herum stehende Bäume, einsame Büsche und sonst: Häuser, Asphalt, Kanaldeckel - Urbanität halt.

Früher einmal war das freilich anders, daran erinnert die Sobieskigasse um's Eck. Denn hier irgendwo muss 1683 der Polenkönig mitten durch's Gemüse vom Kahlenberg herunter geritten sein, um Wien von der Türkenbelagerung zu erlösen. Die Canisiusgasse wiederum ist nach Petrus Canisius benannt, welcher ebenso nachhaltigeren Einfluss auf die Stadt ausübte: Schließlich war der erste deutsche Jesuitenpater 1551 nach Wien beordert worden, um die Gegenreformation voranzutreiben - was jener aber auch nützte, um innerkirchliche Missstände anzuprangern.

Inzwischen wird allerdings Anderes in der Canisiusgasse angeprangert: "Diese Scheiss Natur" wurde da auf eine Hauswand gesprayt. Unwillkürlich schaut man sich um, wo sie denn sei, diese vom Sprayer derart verhasste Natur? Doch neben den Bäumchen und verlorenen Sträuchern finden sich lediglich die getrümmerlten Reste der domestizierten Natur. (Roman David-Freihsl/DER STANDARD-Printausgabe, 28.3.2009)

  • "Diese Scheiss Natur" - an die Wand gesprayt, aber sonst keine Spur davon
    foto: roman david-freihsl

    "Diese Scheiss Natur" - an die Wand gesprayt, aber sonst keine Spur davon

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