Das Bösendorfer-Klavier

27. März 2009, 19:44
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Groß, massiver Klang, schwer in der Krise - Sein Schicksal liegt in japanischen Händen

Der japanische Tenno Mutsuhito, der Urgroßvater des heutigen Kaisers Akihito, hatte vor 140 Jahren als Gastgeschenk vom Emissär des k. u. k. Österreichs einen Bösendorfer-Konzertflügel geschenkt bekommen. Angeblich habe der Himmlische Herrscher auf diesem zum ersten Mal westliche Musik gehört. Die heute sprichwörtliche Begeisterung der Japaner für Musik aus Wien soll darauf zurückgehen.

Heute ist Bösendorfer in japanischem Besitz. Der Mischkonzern Yamaha, dessen größte Division der Instrumentenbau ist, kaufte die Klaviermanufaktur 2007 der Bawag PSK ab. Anlässlich des Jubiläums der diplomatischen Kontaktaufnahme wird nun ein Replikat des damaligen Gastgeschenks hergestellt und in der österreichischen Botschaft in Tokio aufgestellt. Ob beim Botschaftsempfang am Nationalfeiertag Bösendorfer als eigene Firma überhaupt noch existieren wird, ist jedoch nicht sicher.

Die Hochklasse-Klaviere aus Österreich will derzeit niemand kaufen. Andere - allen voran Weltmarktführer Steinway - gelten in ihren Strukturen als professioneller. Yamaha will die notorisch verlusteschreibende Firma bis 2013 profitabel machen.

Seit Ignaz Bösendorfer 1828 von seinem Lehrherrn Joseph Brodmann dessen Klavierwerkstatt übernommen hatte, machten zwei Faktoren die Besonderheit der Pianos aus Wien aus: erstens der Klang, der im Vergleich zu den brillant-raumgreifenden Steinway-Flügeln als dunkler und reicher bezeichnet wird; zweitens die Verarbeitungsqualität. Der Komponist Franz Liszt etwa (1811-1886) ruinierte angeblich reihenweise Klaviere - nur ein Bösendorfer habe seinem Anschlag standgehalten.

Der Mythos besteht aus Geschichten wie diesen: Weltklasse-Pianist András Schiff liebt Bösendorfer, weil er die "Globalisierung des Klangs ablehnte". Avantgarde-Pop-Chanteuse Tori Amos zieht wie Schiff mit Bösendorfer-Flügeln um die Welt. Sie war, sagte sie, nach einem Besuch bei Bösendorfer so beeindruckt von "einem kleinen Mann, der in den Wald geht, aus dem sie seit 1830 das Holz für die Klaviere holen. Er klopft dort auf jeden Baum."

Amos beschreibt ihre Instrumente so: "Ich bin eher klein und gehe auf dieses Dreimeter-Klavier zu und sage: 'Hello Darling!' Dann setze ich mich hin und spiele. Und fühle mich wie Metallica. Gewaltig!"

Doch diese und andere Geschichten über die Klaviere aus Wien zählen in Zeiten der Wirtschaftskrise nur mehr wenig. (Leo Szemeliker, DER STANDARD, Printausgabe, 28./29.3.2009)

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