Große Wünsche und ein paar Kleinigkeiten

27. März 2009, 19:15
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Obamas Trip auf den alten Kontinent: Der US-Präsident nimmt an Nato-, EU- und G20-Gipfeln teil

Kommende Woche kommt Barack Obama erstmals als US-Präsident nach Europa. Auf einem Gipfelmarathon zwischen London und Prag wird sich zeigen, wie gut das neue transatlantische Verhältnis ist. 

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Wer Sinn für die kleinen Anekdoten der Weltdiplomatie hat, sollte genau auf das Gastgeschenk schauen, das Barack Obama in London auspacken wird. Mister President hat etwas gutzumachen bei Gordon Brown, dem britischen Regierungschef, der zugleich den G20-Gipfel der stärksten Industrienationen ausrichtet. Neulich, in Washington, hat sich Obama mit seinem Präsent für Brown ziemlich in die Nesseln gesetzt. Die 25 Film-DVDs, die er dem bierernsten Schotten überreichte, Klassiker wie "Casablanca" und "Der Pate", ließen ironiebegabte Beobachter spotten, so eine lausige Allerweltsgabe sei ja kaum aufregender als ein Paar Socken. Es besteht also, gelinde gesagt, Nachholbedarf.

Die Geschenke-Diplomatie, vielleicht sorgt sie für ein paar Lacher am Rande. In der Hauptsache geht es um die Fülle von Premieren, die auf Obama zukommt. Beim Londoner Wirtschaftsgipfel wird er erstmals in der Runde der G20 sitzen, in Straßburg und Baden-Baden erstmals an einem Nato-Gipfel teilnehmen. In Prag, wo ein EU-USA-Treffen stattfindet und er obendrein eine Grundsatzrede halten will, sucht er erstmals als Präsident die geschichtsträchtige Kulisse, die er im Sommer als Wahlkämpfer an der Berliner Siegessäule fand. Schließlich besucht er mit der Türkei zum ersten Mal ein Land mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit - ein weiteres Signal, dass er es ernst meint mit seiner Absicht, den unter George W. Bush fatal vertieften Riss zur islamischen Welt zu kitten.

Europa in sechs Tagen

Es ist eine spektakuläre Europa-Reise, doch in Amerika diskutieren sie die Frage, ob der neue Mann überhaupt ein Gespür für Europa hat. Von der Biografie verbindet Obama weniger mit diesem Kontinent, als dies bei den meisten seiner Vorgänger im Weißen Haus der Fall war. Aufgewachsen auf Hawaii und in Indonesien, ist er eher ein Weltbürger der pazifischen Welt. Manche sagen ihm eine instinktive Kühle gegenüber "Good Old Europe" nach, insbesondere gegenüber den Briten, was wiederum auf seiner Familiengeschichte beruht. Sein Großvater Hussein Onyango Obama wurde von britischen Kolonialsoldaten gefoltert, als er in Kenia gegen die Fremdherrschaft aufbegehrte.

Schön und gut, im Kaffeesatz biografischer Deutungen zu lesen, entgegnen die Geopolitik-Strategen der Denkfabriken, aber am Kern der Sache gehe es völlig vorbei. Obama wisse, wie populär er gerade in Europa sei. Das wolle er nutzen, um den alten amerikanischen Führungsanspruch wieder mit Substanz zu füllen, ohne dabei wie ein Halbstarker à la Bush zu wirken. "Wenn es ein Schlüsselwort für Obamas Außenpolitik gibt, dann ist es 'Sich-Engagieren'", meint Daniel Korski vom European Council on Foreign Relations. "Er will sich stärker in der Nato engagieren. Er will erreichen, dass die Europäer stärker bei der Bewältigung der Finanzkrise helfen."

Was beim Krisenmanagement verblüfft, ist der transatlantische Paradigmenwechsel. Ausgerechnet die USA, wo das Misstrauen gegen staatliche Interventionen tiefe Wurzeln schlägt, legen billionenschwere Konjunkturpakete auf, mit denen sie alle anderen in den Schatten stellen. Schuldenfinanzierte Ausgaben der öffentlichen Hand sollen den Absturz der Wirtschaft auffangen, auch um den Preis klaffender Haushaltslöcher. Und ausgerechnet Deutschland, aus US-Sicht noch vor kurzem der Inbegriff des alten, staatsgläubigen Europa, gerät massiv in die Kritik, weil es zu wenig Geld in die Hand nimmt, um gegenzusteuern. Der Ökonomie-Nobelpreisträger Paul Krugman nennt Angela Merkel tadelnd "Frau Nein", was durchaus Erinnerungen an Margaret Thatcher, die Eiserne Lady, weckt. Es liegt am Streit über die Größe der Rettungspakete, dass US-Experten skeptisch prophezeien, die Londoner G20-Runde werde über wohlfeile Absichtserklärungen wohl kaum hinauskommen.

Wichtiger dürfte sein, was Obama bilateral mit seinen Amtskollegen berät. An der Themse stehen außer einer Audienz bei Königin Elizabeth II Gespräche mit den Präsidenten Chinas, Russlands und Südkoreas sowie dem indischen Premier auf dem Plan. Es ist das Tête-à-Tête mit Dimitri Medwedew, von dem man sich in Washington am meisten verspricht. Das Reizthema Raketenabwehr soll entschärft und dafür eine bessere Kooperation in Sachen Afghanistan angebahnt werden. Nach US-Vorstellungen soll Russland seinen Einfluss in Zentralasien nutzen, um Nachschublinien am Hindukusch zu sichern. Und wieder sind es die Petitessen am Rande, die viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Medwedew hatte Obama ausgesprochen unterkühlt zu seinem Wahlsieg gratuliert, reservierter als selbst die Iraner. Weicht das Stocksteife? Hat der Russe das Lächeln erlernt? Es ist das, was die US-Durchschnittsmedien an Obamas Trip am meisten interessiert. (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 28./29.3.2009)

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    Blauer Himmel über Barack Obama: In Europa hat der neue US-Präsident enorm hohe Beliebtheitswerte. Sie sollen ihm helfen, die europäischen Partner auch für schwierige Operationen wie in Afghanistan mit an Bord zu bekommen.

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