Das blau-gelbe Netzwerk in der schwarzen Partei

27. März 2009, 18:29
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Der Parteistratege Ernst Strasser, der nun die EU-Liste der ÖVP anführt, ist eine Symbolfigur des "Systems NÖ"

Wien/St. Pölten - Es sind Geschichten wie diese, die das niederösterreichische Leben schreibt: Ferdinand Barthofer feiert seinen 65. Geburtstag. Der passionierte Jäger aus Wieselburg im Mostviertel lädt Familie und Freunde zum Fest - und prompt schneit Vizekanzler Sepp Pröll herein. Dabei ist Barthofer kein einflussreicher Politiker oder Wirtschaftsboss. Er ist einfach nur Onkel - von Stephan Pernkopf, seit kurzem Agrarlandesrat in Niederösterreich und zuvor Prölls Kabinettschef. Die Erinnerungsfotos mit dem Vizekanzler findet man wenige Tage später in der lokalen Ausgabe der Niederösterreichischen Nachrichten, mit dem Hinweis, dass das nicht Prölls erste Stippvisite bei Pernkopfs war.

Pröll und Pernkopf verbindet offensichtlich mehr als eine bislang recht parallel verlaufende Karriere. Sie sind die Prototypen für den Politikertypus blau-gelber Schwarzer: bodenständig und leutselig, gewieft und zielstrebig. Schlag nach bei Erwin Pröll - Josefs Onkel, Pernkopfs Chef in der niederösterreichischen Landesregierung, der seine Macht auch gern die Bundespolitiker spüren lässt. Nicht zuletzt bei Personalentscheidungen. So verwundert es wenig, dass der, der für die Volkspartei Platz eins bei der EU-Wahl sichern soll, ebenfalls in Niederösterreich politisch sozialisiert wurde.

Ernst Strasser ist zwar gebürtiger Oberösterreicher, war aber Landesparteisekretär und Klubobmann in St. Pölten, bevor er ins Innenministerium entsandt wurde. Der Listenzweite Othmar Karas ist ebenfalls Niederösterreicher, er kommt aus Ybbs. Erringen die Schwarzen bei den Wahlen am 7. Juni also erneut sechs Mandate, dann geht ein Drittel der Parlamentssitze an die blau-gelbe Landespartei.

Bauern und ÖAAB als Stütze

Deren starke Stellung innerhalb der Bundes-ÖVP wurde schon in der unmittelbaren Nachkriegszeit unter den Parteichefs Leopold Figl und Julius Raab sowie später unter Generalsekretär Hermann Withalm begründet. Die Niederösterreicher stützten sich dabei auf den breiten Bauernstand und zunehmend auf den den Landesdienst dominierenden ÖAAB. Beamte, die sowohl zum Land als auch zur Partei stehen, schafften es im Vorfeld wichtiger Entscheidungen mit Kollegen anderer Bundesländer, Mehrheiten für niederösterreichische Vorschläge zu schaffen - bis Erwin Pröll die Gegnerschaft zum Semmering-Basistunnel auf seine Fahnen heftete, funktionierte dieser Kontakt mit den Steirern besonders gut. Dass die so geschaffenen Mehrheiten den Exponenten Niederösterreichs nutzten, ergab sich quasi automatisch.

Zur bäuerlichen Seite des ÖVP-Netzwerks gehört traditionell auch der gute Draht zu Raiffeisen - seit 30 Jahren personifiziert durch die Achse zwischen Christian Konrad und Erwin Pröll. Beide pflegen gute (und wohlselektierte) Medienkontakte - eine Praxis, die Strasser in seiner Zeit als ORF-Kurator (1993 bis 2000) perfektioniert hat.

Strassers früherer Pressesprecher im Innenministerium, Gerhard Karner, ist Landesgeschäftsführer der niederösterreichischen Volkspartei und Motor der hervorragend funktionierenden Wahlkampfmaschine. Vom Innenminister bis zum Bundesgeschäftsführer war er schon für viele Jobs im Gespräch - er selbst dementiert solche Ambitionen natürlich.

Ein Mitarbeiter aus Karners engstem Umfeld hat den Sprung Richtung Wien schon geschafft: Der erst 27-jährige Philipp Maderthaner leitet die Kommunikation der Parteizentrale in der Lichtenfelsgasse. Im Landtagswahlkampf 2008 war er so etwas wie Karners rechte Hand. Sprecher der Bundespartei ist seit längerem der Burgenländer Gerald Fleischmann. Wo er gelernt hat? Natürlich in St. Pölten. (Andrea Heigl, Conrad Seidl/ DER STANDARD-Printausgabe, 28./29. März 2009)

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