"Gangster Girls": Gefängnisalltag als Rollenspiel

27. März 2009, 17:53
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Der Dokumentarfilm "Gangster Girls" von Tina Leisch gibt einen ungewöhnlichen Einblick in den Alltag von Insassinnen der Justizanstalt Schwarzau

Wien - Einblicke in ein österreichisches Frauengefängnis: Man sieht die Räume, die Tätigkeiten, die die Insassinnen verrichten - in der Küche, in der Wäscherei oder am Bügelbrett. Man sieht die Frauen in alltäglichen (Gemein-schafts-)Situationen.

Es hat sie aus unterschiedlichen Gründen hierher verschlagen -Betrügereien und Beschaffungskriminalität, Mordversuch, schwerer Raub oder Drogentransport. Frontal zur Kamera geben sie Auskunft über ihre Vorleben und diese Delikte, über ihr Dasein hinter Gittern und vorsichtige Pläne für die Zeit danach. Außerdem kann man ihnen als Schauspielerinnen bei Theaterproben zusehen. Gangster Girls entstand nämlich "während der Erarbeitung des Theaterstücks "Medea bloß zum Trotz" mit Gefangenen der Justizanstalten Schwarzau und Gerasdorf".

Dynamische Inszenierung

Allerdings sind die Aufzeichnungen und Beobachtungen, die in den Film Eingang gefunden haben, nicht in die Form einer Reportage gebracht. Die Autorin, Film- und Theaterregisseurin Tina Leisch hat für Gangster Girls einen anderen Zugang gewählt, der ihrem Dokumentarfilm eine ganz eigene Dynamik verleiht:

Die Frauen treten als Performerinnen auf, als Selbstdarstellerinnen par excellence. Ihre Lebenserfahrungen sind in die besagten Theaterszenen eingeflossen, die Theater- und Filmarbeit dient auch der Verarbeitung des Zusammenlebens als Zufalls-, Zwangs- und Zweckgemeinschaft. Zugleich nehmen die weiblichen Häftlinge in die Interviewszenen aber nicht nur ihre Masken und Perücken mit. Dieser wechselseitige Austausch schärft die Wahrnehmung für die Formatierungen, denen Körper und Sprache unterliegen - als Jargon und Pose ("gangster girls"), als dramatische Inszenierung und Tanzbewegung (die Musik zum Stück hat Gustav beigesteuert) oder auch im Verhältnis zur Kamera. Die Frauen spielen - und gerade über diesen Kunstgriff wird etwas von ihrer Lebensrealität sicht- und hörbar.

Leisch löst damit auch die Notwendigkeit der Anonymisierung ihrer Protagonistinnen auf kreative Weise. Abgesehen von der dicken Theaterschminke und dem Kunsthaar kommt hier die fein justierte Kameraarbeit von Gerald Kerkletz zum Tragen, der mit Schärfeverlagerungen zwischen Vorder- und Hintergrund stets Rückzugsbereiche schafft, die Frauen präsent, aber unkenntlich hält.

Reflexive Dokumente

Gleichzeitig positioniert sich die Regisseurin, die unter anderem auch kinoki, den "Verein für audiovisuelle Selbstbestimmung" , mitgegründet hat, in einer dokumentarischen Tradition, die einer einfachen Abbildung von Wirklichkeit misstraut und die stattdessen selbstreflexiv, mit Brüchen, Interventionen, Irritationen, Inszenierungen arbeitet.

"Gangster Girls" steht damit auch in Bezug zu einer Reihe von heimischen Dokumentarfilmproduktionen der letzten Jahre: Anja Salomonowitz' "Kurz davor ist es passiert" etwa, der mit einer Verschiebung operiert und Erfahrungsberichte von Opfern von Frauenhandel von Stellvertretern (und potenziellen Mitwissern und Tätern) sprechen lässt. Oder die Arbeiten von Klub Zwei, die die Bild- und Tonebene aufsplitten, mit Textinserts konterkarieren und schärfen beziehungsweise den Status von "Dokumenten" als solchen hinterfragen. 

Dabei bleibt "Gangster Girls" ein höchst lebendiger Film - das hat nicht zuletzt mit der Offenheit und Spielfreude seiner Protagonistinnen zu tun. Und mit der klugen filmischen Rahmung eines sozialen Milieus, eines institutionellen Alltags, der in dieser Form sonst nicht zu sehen ist. (Isabella Reicher, DER STANDARD/Printausgabe, 28./29.03.2009)

  • Niederösterreichischer Gefängnisalltag zwischen Bügelbrett und Bühne -
performt wird immer:Zwei der "Gangster Girls" in Tina Leischs
gleichnamigem, sehens-wertem Dokumentarfilm.
    foto: kinoki

    Niederösterreichischer Gefängnisalltag zwischen Bügelbrett und Bühne - performt wird immer:Zwei der "Gangster Girls" in Tina Leischs gleichnamigem, sehens-wertem Dokumentarfilm.

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