"Wir sind öffentlich-rechtlich, also sind wir auch die Guten"

27. März 2009, 16:58
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Als Münchner "Tatort"-Kommissar Ivo Batic verheddert sich Miroslav Nemec am Sonntag im Dickicht des Esoterischen - Warum der Mörder immer gefasst werden muss, erzählt er dem STANDARD

STANDARD: Glauben Sie an übersinnliche Phänomene?

Nemec: In meiner Familie in Kroatien gab es das. Die Mama hat aus dem Kaffeesatz gelesen, und wir hatten eine kleine Hex' in der Familie, die immer weisgesagt hat. Mir hat sie gesagt, ich werde Künstler und gern ins Glas schauen. Das erste stimmt.

STANDARD: Diesmal ermitteln Sie unter TV-Astrologen. Sind Call-in-Shows gefährlich?

Nemec:
In der Dimension nicht. Ich halte es dann für gefährlich, wenn es zu sektiererisch wird. Ich verstehe aber, dass man sucht, weil die Welt uns nicht erklärbar ist. Man kann nicht alles erklären, und dann sucht man Ersatz im Irrationalen.

STANDARD:  Ist Ihnen diese Suche selber bekannt?

Nemec: Ich habe das von klein auf so gehabt. Nun hatten wir unseren Sozialismus, da stand das Kollektiv im Vordergrund. Man hielt sich an das, was ist, und ich finde das nicht schlecht. Die eine Tant' war Kommunistin, die andere in der Kirche, und es ging irgendwie zusammen. Die Quintessenz war: Du bist nicht allein auf der Welt. Die Gemeinschaft war der Glaube.

STANDARD:
Warum muss im Fernsehkrimi der Mörder immer gefasst werden?

Nemec: Wir hatten auch schon Fälle, bei denen der Mörder nicht gefasst wurde. Wir sind öffentlich-rechtlich, also sind wir auch die Guten und müssen die Erwartung erfüllen, dass das Böse gesühnt und gestraft wird und nicht in der Welt bleibt wie bei Tanz der Vampire. Die Auflösungsquote bei der Polizei ist aber auch ziemlich hoch.

STANDARD: Sie kamen mit zwölf nach Deutschland. In Fernsehkrimijahren gerechnet war das die Zeit der Straßenfeger "Melissa" und "Das Halstuch". Erinnern Sie sich?

Nemec:
Ich hab das natürlich gesehen. Geprägt hat es mich vielleicht. Aber das ist so, als würde ich Sie fragen, ob die früheren Männer Sie geprägt haben. Was möchten Sie dazu sagen?

STANDARD: Sie haben.

Nemec: Ach so, o.k. Also mich haben die Krimis auch geprägt, aber ich weiß nicht genau, wie.

STANDARD: Wo wir schon bei Prägungen sind: Gibt's Vorbilder unter den Ermittlern?

Nemec: Columbo, klar. Maigret hab ich gern gesehen. Die neuen Mankell-Sachen, Vorbild bin ich mir aber selbst. Dann hole ich mir aus meiner Erinnerung Dinge, die ich irgendwo gesehen habe. Ich war Cineast als Jugendlicher und habe mir drei Filme am Tag angesehen. Daraus schöpfe ich situationsbezogen Szenen.

STANDARD: Zum Beispiel?

Nemec:
Da ist ein Mädchen, das vergewaltigt wurde. Sie erzählt das in einem Monolog. Jetzt fragt sich, wie setzt man das um? Setzt man sie auf einen Stuhl und lässt sie erzählen? Da gab es eine Lösung am Theater, die mir gut gefallen hat: Dieses Mädchen hat die Geschichte erzählt, während sie mit Kreide auf dem Boden Karos gemalt hat und gehüpft ist. Sie kennt die Dimension des Erlittenen nicht. Man ist betroffen, nicht sie.

STANDARD: Wie lange wollen Sie im "Tatort" ermitteln?

Nemec: Ich habe keinen Vertrag. Das sind mündliche Abmachungen, das ist wie auf dem Land, wenn man eine Kuh kauft. Nächstes Jahr sind drei Termine geplant. Wahrscheinlich ist das völlig unüblich. Aber um darauf zurückzukommen: Gemeinschaft, Vertrauen, Kollektiv - bei uns geht's. Es gab nie irgendwelche linken Sachen.

STANDARD: Wie weit spielt beim Vertrauen die Existenzsicherung eine Rolle?

Nemec: Immer. Ich bin ein Mensch, der Existenzängste hat. Natürlich beruhigt es, dass ich weiß, was ich jetzt ein Jahr lang mach. Ich hatte das Glück, dass immer was kam. Verschreien wir's nicht. Ich klopfe auf Holz. (Doris Priesching, DER STANDARD; Printausgabe, 28./29.3.2009)

Zur Person
Mit Udo Wachtveitl löst der gebürtige Kroate Miroslav Nemec (54) seit 1991 Morde im Münchner "Tatort".

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    Miroslav Nemec (im Vordergrund links) und Udo Wachtveitl im Münchener "Tatort".

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