"Crowdsourcing" als Zauberwort für die Zukunft

27. März 2009, 17:00
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Networking ist die Überlebensstrategie im Wissenszeitalter - Von Andreas Haderlein

Mediennutzung ist heute interaktiver, kollaborativer und kreativer - die Innovationsarbeit und unternehmerische Wertschöpfung wird künftig nicht weniger sein, erst recht nicht die Suche nach einer besseren Gesellschaft. Hochfrequentierte Social Networks wie Facebook, wer-kennt-wen oder StudiVZ, aber vor allem immer mehr geschäftsrelevante Peer-to-Peer-Plattformen zeigen uns: Die Wertschöpfung der Zukunft gehört den offenen Netzen.

"Crowdsourcing" heißt das Zauberwort für die Auslagerung von Ideenarbeit und Arbeitskraft auf Internet-User. Unter "Open Innovation" wiederum ist die Öffnung des unternehmensinternen Innovationsprozesses nach außen zu verstehen. Schillernde Begriffe und Konzepte, denen allen eines gemeinsam ist: ein neues Verständnis von Kooperation und - letzten Endes - Ökonomie.

"Altruistischer Egoismus"

Dem traditionellen Leitbild des "Homo oeconomicus", dem nach Eigennutz strebenden, emotionsfreien und rational handelnden Menschen, ist so ein Alternativmodell gegenübergestellt. Neuroökonomen beispielsweise spüren dem fairen Verhalten nach und machen es anhand spieltheoretischer Feldexperimente dingfest. Kooperation, das ist eine Erkenntnis aus dieser jungen Disziplin, ist immer auch eine Konsequenz der Verfolgung individueller Interessen. Win-Win-Situation nennen dies Manager und Kaufleute schon immer. "Altruistischer Egoismus" also eine uralte Marktidee?

Auch das zeigt uns die gegenwärtige Netzwerk-Euphorie: Kooperation und das Leben in Gruppen ist eine anthropologische Konstante. Der prähistorische Mensch überlebte, weil er kooperierte - in Beutegemeinschaften, in der Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau. Networking ist die Überlebensstrategie im Wissenszeitalter. Wir tendieren also schon immer zur Kooperation. Das Web 2.0 und Social Software hat die Tore zu mehr Kollaboration in Sachen Kreation, Innovation und Konsum geöffnet.

Kleinstkreditgeschäft

Die gleichsam bittere wie erleuchtende Erkenntnis daraus ist, dass neue Formen der Kooperation disruptive Geschäftsmodelle hervorrufen. Seien es Peer-to-Peer-Lending-Plattformen wie Smava oder Zopa, die das Kleinstkreditgeschäft ins Internet verlagern, oder MP3-Tauschbörsen, die das Milliardengrab der alten Musikindustrie geschaufelt haben.

Ideen-Crowdsourcing und Co-Kreationsprozesse finden sich aber auch in der Zukunftsforschung: "Superstruct" etwa, das erste „massively multiplayer forecasting game", aus dem Institute for the Future im kalifornischen Palo Alto (http://superstructgame. org) bindet eine weltumspannende Community ein, um sich über die Lösung wichtiger Menschheitsprobleme wie Epidemien und Klimawandel Gedanken zu machen. Superstruct ist ein Probehandeln für die Zukunft, die virtuelle Projektschmiede der Welt. Verwoben ist das Spiel in den ganz alltäglichen Kommunikationsalltag der User: in Facebook, in Blogs, in E-Mails, in Chats, in Foren, Wikis und Videos. (Andreas Haderlein/DER STANDARD; Printausgabe, 28./29.3.2009)

*Andreas Haderlein ist seit 2002 Mitarbeiter des Zukunftsinstituts und leitet die Zukunftsakademie. Auf dem Zukunftskongress 2009 referiert er zum Thema "Intelligente Netzwerke in und für Unternehmen".

  • Andreas Haderlein.

    Andreas Haderlein.

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