Der feuerrote Drache

27. März 2009, 18:30
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    Es sei ein Seligsprechungsverfahren für Joachim eingeleitet worden, erzählte man mir in San Giovanni in Fiore, wo der Autor des folgenreichsten Geschichtsentwurfs vor Marx auf den jüngsten Tag wartet.

Adolf Holl über den kalabrischen Abt Joachim von Fiori, der bereits zu Lebzeiten genoss er ein hohes Ansehen als Zukunftsdeuter genoss

Die Schriften Joachims von Fiori, gestorben 1202, habe ich lieber nicht im (lateinischen) Original studiert. Sie sind voll von Bibelzitaten, abgebrochenen Andeutungen, hintersinnigen Voraussagen. Gleichwohl verdanke ich dem kalabresischen Abt die Eingebung zu meinem neuen Büchlein über Religionsgründungen. Wenige Tage nach meiner Wallfahrt zum Grab Joachims in den Silabergen waren Idee und Titel des nächsten Vorhabens fix und fertig nach dem Aufwachen da, am 6. Mai 2006 in Tropea unten am Meer.

Danke! Es folgt nunmehr ein Extrakt aus den Verlautbarungen Joachims in Form einer Montage, zusammengestellt aus Originalzitaten (siehe Ernst Benz, Ecclesia Spiritualis, Kirchenidee und Geschichtstheologie der franziskanischen Reformation, Stuttgart 1964, 4-58):

Das ewige Evangelium des seligen Abtes Joachim.

Ich Joachim war in meiner Zelle zur Stunde des Frühgebets, noch vor dem Morgengrauen, vor mir das Buch der Apokalypsis Johannis. Und plötzlich durchfuhr eine Helligkeit der Erkenntnis die Augen meines Geistes. Mir enthüllte sich die Konkordanz der beiden Testamente, des ersten und des zwei-ten Bundes. Dies geschah mir zu Pfingsten.

Auf drei Zustände weisen uns die Geheimnisse der biblischen Schriften. Auf den ersten, da standen wir unter dem Gesetz. Auf den zweiten, da stehen wir in der Gnade. Auf den dritten, so nahe schon, in welchem die Liebe regieren wird. Der erste Zustand währt von Adam bis Christus. Der zweite Zustand währt zweiundvierzig Generationen und nähert sich seinem Ende. Der dritte Zustand ist der letzte vor dem Ende der Welt. Der erste Zustand heißt Altes Testament, da waren wir Dienstboten. Der zweite Zustand heißt Neues Testament, da waren wir Kinder aus gutem Hause. Im dritten Zustand werden wir erwachsen und frei. Der erste Zustand stand unter dem Regiment des Vaters. Der zweite Zustand stand unter dem Zeichen des Sohnes. Im dritten Zustand weht der Heilige Geist, wo immer er will.

Zuerst leuchteten die nächtlichen Gestirne. Dann kam die Morgen-röte. Bald wird es Tag. Gegenwärtig liegt die heilige Kirche, wie das Weib in der Apokalypsis, schreiend in ihren Wehen. Was aus ihr hervorgehen soll, wird geistliches Volk genannt werden. Taufe und Abendmahl werden dann überflüssig sein, die Priesterschaft wird ihrer Verpflichtungen ledig.

Gleicht nicht die heutige Kirche dem toten Lazarus, ehe Christus den stinkenden Leichnam zu neuem Leben erweckte? Aufsteigen wird einer, wer immer es sein wird, ein neuer Anführer wie ein Engel vom Himmel, und wird die Gottesdienstlichkeit zur Vollendung bringen. Dies alles schreibe ich Joachim am Beginn der letzten beiden Generationen vor dem Anbruch des Reiches der Freiheit.

Nachzulesen ist diese hellsichtige Prosa in den drei Hauptwerken Joachims, dem Liber Concordiae, der Expositio in Apokalypsim und dem Psalterium Decem Cordarum. Sie gelangten 1241 in das Franziskanerkloster von Pisa und zur Kenntnis des Theologenquartetts Fra Gerardus, Fra Salimbene, Fra Bartholomäus und Fra Rudolphus, die den vorausgesagten Novus Dux als Franz von Assisi identifizierten und den Termin für den Anbruch des Dritten Reichs in das Jahr 1260 legten.

700 Jahre später

Damit setzt die Wirkungsgeschichte eines Autors ein, der bereits zu seinen Lebzeiten ein hohes Ansehen als Zukunftsdeuter genoss. Bei ihm sprach Richard Löwenherz am Beginn des Jahres 1191 in Messina vor, als Kreuzfahrer gegen Sultan Saladin. Die Chancen gegen den Feind stünden nicht schlecht, meinte Joachim, und legte seinen Finger auf das 12. Kapitel der Apokalypse, wo vom feuerroten Drachen mit sieben Köpfen die Rede ist. Gemeint seien die sieben Christenverfolgungen seit Herodes, und Saladin sei der Sechste in dieser Reihe. Sein Untergang stehe bevor. Saladin starb tatsächlich zwei Jahre später, aber Jerusalem vermochte Löwenherz nicht einzunehmen.

Eher zurückhaltend blieb Joachim bei der Beantwortung der Frage des englischen Königs nach dem siebenten und letzten Drachenhaupt. Das sei der Antichrist, und er werde den Stuhl Petri besteigen, in der nächsten Zukunft. Auf einen genauen Termin wollte sich der geschichtskundige Abt nicht festlegen. Vielleicht unterschätzte er die beiden Monstren des 13. Kapitels der Apokalypse, die der Antichrist für den Endkampf benötigt. Sie sollten erst siebenhundert Jahre später auftauchen, in Braunau am Inn und in Gori, Georgien.

Sehr deutlich hingegen wurde Joachim im Sommer 1191 während der Belagerung Neapels durch Kaiser Heinrich VI. Er handle gegen den Willen Gottes, erfuhr der Staufer und musste auch prompt die Belagerung abbrechen.

In der päpstlichen Kurie hatte Joachim gute Freunde, seit er dem Papst geraten hatte, das hundertjährige Ringen zwischen Nord und Süd, Deutschland und Italien, Kaiser und Papsttum friedlich beizulegen. Die Staufer standen für Joachim im Sold Babylons, wie im Buch Ezechiel vorausgesagt, und damit auf der falschen Seite, aber ihnen politischen Widerstand entgegenzusetzen sei im Heilsplan nicht vorgesehen. Duldend und leidend mit Christus habe sich der Nachfolger Petri zu verhalten, nicht wie eine Militärmacht. Papst Lucius III. neigte dieser Auffassung zu, und seitdem hatte Joachim in Rom einen Stein im Brett.

Welt des Sinns

Seine Autorität bezog der Abt aus Kalabrien aus einem wuchtigen Prinzip. Die "Welt des Sinns" im Gegensatz zur "Welt der Signale", die auch von Automaten verstanden wird (Umberto Eco), war für Joachim in einem einzigen Buch niedergeschrieben, der Bibel. Vielfach verschlüsselt freilich, nicht leicht verständlich auch für das flüchtigste Auge. Wer den Sinn des Lebens, den Sinn der Geschichte verstehen wollte, musste sich wie ein geduldiger Leser verhalten, dem der Inhalt seiner Lektüre nicht sofort einleuchten will. Der größte Fehler beim Lesen des Buches der Bücher bestand darin, es wörtlich zu nehmen.

Wer zum Beispiel "Jerusalem" las, dachte zunächst an die Stadt dieses Namens, mit Häusern, Straßen und Mauern. Das war der wörtliche Sinn, und man brauchte ihn, um nach dem richtigen Weg zu fragen. Aber die Pilgerscharen, zu deren Schutz Richard Löwenherz aufgebrochen war, wollten mehr. Sie sehnten sich nach jenem Ort des himmlischen Friedens, den sie zu Hause nicht fanden. Aus einer geografischen Bezeichnung war ein Wunschinhalt geworden.

Mindestens vier solcher Bedeutungen hatte jeder mittelalterliche Theologe im Kopf. Auch Dante hat sie besprochen, in seinem 13. Brief. Neben dem wörtlichen Sinn gab es den moralischen, den allegorischen und den religiösen Sinn. So wurde das spirituelle Verständnis (intelligentia spiritualis) der heiligen Schrift gepflegt, in Universitäten, Domschulen, Klöstern. Eine Bibelhandschrift kostete den Gegenwert eines Landgutes.

Einen solchen Kodex hatte Joachim in seiner Zelle, als er in der Abtei Casamari (zwei Sterne im Michelin für Italien) die entscheidende Inspiration für seine Schriftstellerei erlebte. Er ging auf die Fünfzig zu. Zehn Jahre später gründete er eine neue Religion in Form des Ordens der Florenser, tausend Meter über dem Meer im Sila-Gebirge. Die Florenser sind mittlerweile verschwunden, so wie viele andere Religionen, die ihren ursprünglichen Schwung verloren. Nicht verschwunden ist die Gewohnheit, den Gang der Dinge als zielgerichtete Abfolge von drei Zeitaltern aufzufassen, wie Joachim. Er hatte gezeigt, dass die grausamen und bedeutungslosen Nachrichten aus der Vergangenheit, diese idiotischen Geschichten, wie Shakespeare sie nennt, einen wundersamen Plan verraten, wenn sie spirituell verstanden werden.

In dieser Auslegungskunst blieb Joachim unübertroffen. Seine Hermeneutik beherrschte ein gutes Dutzend Sinngebungen, je nach Bedarf, angereichert mit Zahlenspekulationen, die ins Mathematische spielten. Das Theologenquartett in Pisa rechnete nach und kam auf das Jahr 1260 als Termin für den Anbruch des Dritten Reichs, wiebereits erwähnt. Seitdem wandert die Prophezeiung durch die Jahrhunderte, mit immer wieder verstreichenden Fristen, zuletzt unter Hitler.

Europäische Krankengeschichte

Das liest sich, nach dem Ende des Kurzen Jahrhunderts (1914-1989), wie eine europäische Krankengeschichte, und mein Joachim steht als Spinner da, im kalten Licht des postmodernen Wissens. 

Eine andere Lesart, die ich bevorzuge, führt von der "verborgenen Kirche" (secreta ecclesia) Joachims zur "unsichtbaren Kirche" Immanuel Kants, zur "freiwilligen, allgemeinen und fortdauernden Herzensvereinigung" im Gegensatz zum "Pfaffentum". In typologischem Verständnis, so Joachim, musste die biblische Judith zurückgezogen in ihrem Witwengemach ausharren, bis die Zeit gekommen war, Holofernes den Kopf abzuschlagen. Zukunftsträchtigkeit wächst, so Joachim weiter, wie das Erlöserkind im Bauch der mit Sonne bekleideten Göttin in der Apokalypse, die vom Drachen verfolgt in die Wüste flieht, bis ihre Stunde gekommen ist. Weibliche Vorbilder also, Stille gegen Lärm, Anonymität gegen Öffentlichkeit als Prinzipien einer Hoffnung im Sinn von Ernst Bloch, dessen Atheismus mit befreiender Theologie sich locker vertrug.

Es sei ein Seligsprechungsverfahren für Joachim eingeleitet worden, erzählte man mir in San Giovanni in Fiore, wo der Autor des folgenreichsten Geschichtsentwurfs vor Marx auf den jüngsten Tag wartet.

Man darf ihn als Wachsfigur betrachten, und im Ort gibt es guten Honig zu kaufen. (Adolf Holl, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 28./29.03.2009)

 

 

Zur Person:
Adolf Holl, geb. 1930 in Wien, ist Theologe, Religionssoziologe und Schriftsteller. Sein Buch "Jesus in schlechter Gesellschaft" brachte den Konflikt mit der katholischen Kirche, 1976 wurde er vom Priesteramt suspendiert. Zuletzt erschien das Buch "Wie gründe ich eine Religion" im Residenz Verlag. Foto: Heribert Corn

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gnadevorrecht
20
29.3.2009, 18:34
Schon wieder wird versucht, die Kirche "abzuschaffen".


Aber dieser Versuch ist so wie alle anderen aussichtslos:

Joh 16,33: In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden!

Mt 16,18: Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.

Com ha dit?
00
30.3.2009, 20:01
"Worte Jesu", welche Jesus nie gesagt hat,

kommen in den 4 kanonischen Evangelien am mit Abstand häufigsten im Johannes-Evangelium vor.

Girigaribaldi
00
29.3.2009, 19:31
Kirche, ekklesia

Das Wort Kirche kommt nur an 2 Stellen bei Matthäus vor, sonst nirgendwo in den 4 Evangelien. Das macht die spätere Verfälschung des/der beiden Matthäustexte(s), um den Primat des Papstes zu "beweisen" sehr wahrscheinlich.
Bauen sollen wir auf Jesus, Gottes Sohn, nicht auf einen einzelnen seiner Jünger.

exegetes
00
29.3.2009, 22:35
Gründliche Rückübersetzungen

der altgriechischen Matthäus-Texte ins Aramäische (Sprache Jesu und seiner Jünger) beweisen, daß sich "Fels" und "Schlüssel des Himmels" auf Jesus beziehen und nicht auf den Jünger Simon ("Kephas", lat. Petrus), welcher mit Johannes und Jakobus zusammen Jesus Verklärung auf dem Berg erlebten.

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