So grantig sind wir in Österreich

27. März 2009, 15:07
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Erlebnis mit übellaunigem Friseur

Krise hin, Krise her: Im österreichischen Dienstleistungssektor wird das nationale Ideal der Pampigkeit gegenüber dem Kunden hochgehalten. Bei einem Wochenendausflug nach M. gelüstete mich spontan nach einem Haarschnitt. Ich suchte also den lokalen Figaro auf, welcher aber gleich bei meinem Eintritt ins Geschäftslokal ein absonderliches Gebaren an den Tag legte: Er versuchte, sich hinter einer Reklametafel vor mir zu verstecken. Offenbar ahnte er, dass ich ihm Arbeit machen würde.

Ich hatte ihn aber schon erspäht und äußerte furchtlos mein Begehr ("nass schneiden"). Das ärgerte ihn. "Jetzt geht des ned", grunzte er und deutete ins Geschäftsinnere, wo ein paar verschüchterte Friseusen freudlos an Damenköpfen schnippelten. Unausgesprochener Subtext: Sehen Sie nicht, dass wir hier zu tun haben? Ich insistierte, er verdrehte die Augen. Nun zähle ich nicht zu den Menschen, die sich beim Friseur Servilitätsbekundungen erwarten. Dieses Verhalten fand ich aber unangemessen. Die Sache endete damit, dass ich eine halbe Stunde auf der Wartebank sitzen musste, ehe er mir - grantig - einen Haarschnitt verpasste. Immerhin: Ins Ohrläppchen stach er mich nicht. Nachträglich danke!

Ich war in meinem Leben schon ein paar Mal im Ausland und kenne daher unterschiedliche nationale Grant-Ausprägungen. Mein Resümee: Austro-Grant hat eine unnachahmliche Eigenfärbung. Zu tun hat das mit der spezifisch österreichischen Duldsamkeit gegenüber Grant-Manifestationen aller Art, der Dienstleister nachgerade dazu ermuntert, Übellaunigkeit expressiv nach außen zu kehren.

Grantige Ober werden in Österreich als Naturphänomen betrachtet, während in den USA die Simulation guter Laune, zumindest im Dienstleistungsbereich, ein Must ist: Grumpy sein kann man dann in der Pension (es sei denn, man muss noch mit 70 Burger servieren, weil die Altersrücklagen beim letzten Börsencrash bachab gegangen sind).

Franzosen, Engländer oder Italiener sind durchaus in der Lage, unliebsamen Kunden im Bedarfsfall grantig zu kommen. Nur selten kommunizieren sie aber ihren Widerwillen gegen die Klientel mit jener niederschwelligen, aber konstant durchgehaltenen Aggression, wie sie für grantige Österreicher typisch ist. Chinesen sind nie grantig, und wenn sie es doch sein sollten, lassen sie es nicht erkennen. Daher ja auch die Bezeichnung "Land des Lächelns". (Christoph Winder, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 28./29.03.2009)

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