Von Boxern, Schlossherren und dichtenden Wirten

28. März 2009, 19:18
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Es ist nicht die körperliche Anstrengung, die den Autor auf seiner Wanderung die meiste Kraft kostet. Es sind vielmehr die vielen Eindrücke

Das Anstrengende an einer solch langen Wanderung ist nicht einmal die körperliche Belastung, an die gewöhnt man sich langsam, sodass man nach ein paar Wochen das Gewicht des Rucksackes oder die vielen Tageskilometer kaum mehr wahrnimmt. Extrem anstrengend hingegen sind die unendlich vielen Eindrücke, die ungefiltert auf den Wanderer eintreffen. Man ist vollkommen ungeschützt. Jeder Moment des Tages ist extrem intensiv - und diese ständige Intensität auszuhalten und zu verarbeiten ist für mich bislang die größte Herausforderung der Reise. So sind die Pausen sicherlich für den Körper wichtig. Vor allem aber dienen sie dazu, die Augen für einen Moment zu schließen und dem Geist einen Augenblick Ruhe zu geben. 

Doch dann, wieder Aufbruch! Unruhe überfällt mich schon bald, dieses Hainburg an der Donau wird schon am zweiten Tag zu klein, sogar für die kurzen Spaziergänge, und so breche ich trotz hässlichen Regens bald wieder auf in Richtung Norden. Die Donau überqueren, das wird zu einem größeren Erlebnis als so manche Überschreitung einer Staatsgrenze bisher: tief unter mir wälzt sich braun der Strom. Die riesige weiße Brücke zittert im Sturm, ihre Stahlseile singen, mein Anorak knattert dazu, und der Regen trommelt mir mit einem ununterbrochenen Staccato ins Gesicht. 

Als ich zwei Stunden später in einer Gaststätte einkehre, werfe ich mich auf einen Stuhl wie ein Boxer, den der Pausengong für einen Moment von den Prügeln des übermächtigen Gegners erlöst - und genauso todesmutig trete ich ihm nach einem enormen Schnitzel wieder entgegen, dränge ihn zurück, aber vor allem stecke ich seine Schläge ein - bis mir Kurt Farasin, Direktor des Schloss Hof, die riesigen Tore öffnet, mir Einlass gewährt und mich in die gute Stube holt, zu heißem Kräutertee, langen Unterhaltungen und schließlich einer ausgedehnten Schlossführung.

Der legendäre Feldherr Prinz Eugen von Savoyen hat sich Schloss Hof von dem Architekten Lukas von Hildebrandt von 1725 - 1729 als Refugium, repräsentativen Jagdsitz und als glanzvollen Rahmen für höfische Feste erbauen lassen. Ein enormer Komplex ist entstanden, der eine der bedeutendsten Leistungen österreichischer Barockarchitektur darstellt - eingebettet in einen Garten, der in einer Pracht, einer Raffinesse und einer Eleganz angelegt wurde, dass er sich mit den schönsten Gärten Europas messen konnte.

Maria Teresia war so begeistert von der Schlossanlage, dass sie sie 1755 von den Erben Prinz Eugens kaufte und das Schloss um ein Stockwerk aufstocken lies und ihm so das Aussehen gab, wie es sich uns heute zeigt.

Mit der Epoche Maria Teresias ging allerdings auch die Blütezeit von Schloss Hof zu Ende, es ging bergab, bis 1898 Kaiser Franz Joseph es schließlich seiner Armee als Ausbildungsstätte übergab. Im 20. Jahrhundert lag es dann in einem Dornröschenschlaf - bis im Jahr 2002 mit Geldern des Bundes die Renovierung und Revitalisierung des gesamten Komplexes begann.

Heute präsentiert es sich in alter Pracht und zieht mit seinen Festen, Konzerten, Ausstellungen, Theatervorstellungen, mit seinem zauberhaften Garten und seinem Zoo jährlich abertausende von Besuchern aus ganz Österreich, Slowenien und dem Rest Europas an.

Längst ist es dunkel, als ich wieder aufbreche, aber der Sturm hat sich gelegt und es ist trocken, sodass sich die einsame Landstraße nach Marchegg, wo mich der Wirt schon erwartet, fast wie von selber geht. Als er im Anmeldeschein unter Beruf "Poet" liest, schiebt er mir wortlos seine soeben erschienenen Lebenserinnerungen hinüber und wünscht mir eine angenehme Nachtruhe.

Erschöpft falle ich nach diesem Tag wieder ins Bett, Geist und Seele so voller Eindrücke, dass es schwer fällt, endlich die Augen zu schließen und hinunterzutauchen in einen langen, traumlosen Schlaf. (Markus Zohner)

  • Schloss Hof. Nach seiner bewegten Geschichte ist es heute viel besuchtes Zentrum für Kultur.
    foto: zohner

    Schloss Hof. Nach seiner bewegten Geschichte ist es heute viel besuchtes Zentrum für Kultur.

  • Überfuhr Stopfenreuth.
    foto: resch

    Überfuhr Stopfenreuth.

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