Der Theaterkistenstemmer

26. März 2009, 18:50
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Der Chefdramaturg von Klaus Bachler packt zusammen: Joachim Lux übernimmt im Herbst die Intendanz des Hamburger Thalia Theaters

Der Intellektuelle blickt überaus nüchtern auf das Thema Abschiednehmen.


Wien - Im Dramaturgiebüro des Burgtheaters auf der Wiener Volksgartenseite herrscht Aufbruchsstimmung: Chefdramaturg Joachim Lux (51), der seit seiner Designierung zum neuen Intendanten des Hamburger Thalia Theaters einen regelmäßigen Pendelverkehr in die Hanse-Stadt unterhält, packt Bücher in praktikable Faltkisten.

Der gebürtige Münsteraner Lux war der Überraschungssieger einer denkwürdigen Kür. Er schlug 2007 favorisierte Mitbewerber wie Elisabeth Schweeger und Stefan Bachmann aus dem Feld. Er weiß, dass ihn als Nachfolger des weithin gerühmten Ulrich Khuon nicht nur Rosenbuketts erwarten: "Der Hamburger Job wird sowohl beim Publikum als auch bei der veröffentlichten Meinung nicht einfach. Von dieser inneren Arbeitshypothese gehe ich einmal aus!" Lux zuckt die Achseln: "Angst ist ja der schlechteste Ratgeber!"

Was empfindet der literaturaffine Chefdenker der Ära Bachler beim Thema "Abschiede"? Steht ihm nach zehn Jahren im Haus am Ring das Gefühl der Wehmut zu Gebote? "Die österreichische Gegenwartsliteratur ist eine einzige Abschiedsliteratur! Die ewigen Litaneien der Thomas-Bernhard-Figuren zum Beispiel, die sind ein einziges, hinausgezögertes Nicht-sterben-Wollen." Man solle auch an Elfriede Jelinek denken: "Sie zelebriert in ihren Texten doch die Faszination für das Nichts, das zugleich ein einziges Grauen ist."

Die To-do-Liste

Lux empfiehlt für das Thema "Abschiede" daher eine strikt ausgewogene Betrachtungsweise: "Jeder Teilnehmer unserer Kultur arbeitet sich doch unentwegt an einer To-do-Liste ab: Ich muss ein Waschmittel kaufen, ich muss meine vernachlässigten Freunde wiedertreffen, ich muss geistig rege bleiben."

Alle diese Listen würden abgearbeitet und seien Stressverursacher. Nur ohne sie laufe gar nichts: "In dem Moment, in dem ich glaube, alles auf Erden erledigt zu haben, ob Triviales oder Philosophisches, ereignet sich eine gewisse Restlosigkeit. Der Traum vom stressfreien Leben wäre identisch mit dem Tod - und den können wir doch nicht ernsthaft herbeisehnen wollen. Es geht darum, die Achttausender, von denen man weiß, dass man sie nie mehr besteigen wird, trotzdem im Blick zu behalten." Darin, sagt Lux, bestünde für ihn Lebenskunst. Ein weiteres Buch wandert von seiner Hand in den Faltkarton.

So heißt es für Lux auch nach zehn Burgtheater-Jahren eben nicht: Es ist vollbracht. Bachler und sein Team hätten 1999 ein funktionierendes, von Peymann modernisiertes Nationaltheater vorgefunden: "Ein solches Nationaltheater besitzt einen großen Magen! Es vertritt heute offensiv spezifische Kunstleistungen, wie sie von Andrea Breth erbracht werden, genauso wie performative oder anarchoide Dinge. Wir haben das alles miteinander zusammenbekommen!" Im Übrigen sei Österreich "heute ein modernes, mitteleuropäisches Land wie alle anderen auch."

Es sei daher gar nicht die Zeit "für das Einholen von Fahnen. Lassen Sie uns in den nächsten Monaten Abschied nehmen von den vielen herausragenden Aufführungen - darum geht es doch!"

Lux wird in Hamburg vielleicht dennoch eine Ära begründen wollen. Regisseure wie Luk Perceval, Dimiter Gotscheff oder Jan Bosse sollen ihm dabei helfen; Starschauspieler wie Sven-Eric Bechtolf gehen zu ihm ins Ensemble. (Ronald Pohl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.3.2009)

 

Siehe auch:

 - "Aufmerksamkeit zwischen Menschen erzeugen" - Elisabeth Fiege, Kuratorin des Burgtheater-Projekts "Symmetrien des Abschieds", im Interview

  • Joachim Lux verräumt Geistesfrüchte und verschickt sie nach Hamburg: Der Dramaturg und Freund der heimischen Nationalliteratur wird Intendant.
    foto: standard / corn

    Joachim Lux verräumt Geistesfrüchte und verschickt sie nach Hamburg: Der Dramaturg und Freund der heimischen Nationalliteratur wird Intendant.

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