Kepler, Kröpfe und Kometen im Kloster

26. März 2009, 18:14
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Zum Astronomiejahr 2009 zeigt das Zisterzienserkloster Stift Rein kostbare Karten aus der Stiftsbibliothek, alte Messgeräte und Bilder der modernen Astrophysik

Rein/Graz - "Nur mal kurz rein schauen in unsere Stiftsbibliothek, ist schwer", erzählt Pater August Janisch vom Stift Rein bei Graz. Es ist Donnerstag, kurz vor der Eröffnung der Ausstellung "Reisen bis zu den Sternen", die das Stift bis 6. Jänner 2010 zeigt. "Stimmt, ich schau schon seit 26 Jahren rein", gibt ihm Stiftsbibliothekar Walter Steinmetz schmunzelnd recht. Alles kenne er noch immer nicht, denn über 100.000 Objekte liegen in der Bibliothek des 1129 gegründeten Stifts. Es ist das älteste Zisterzienserkloster der Welt, wo seit der Gründung Mönche leben.

Sternenzelt im Huldigungssaal 

Jedes Jahr wird daher ein Teil der bibliophilen Schätze für eine Jahresausstellung zusammengetragen. Im internationalen Jahr der Astronomie, 400 Jahre nachdem Galilei ein Fernrohr gegen den Himmel richtete, packte man in Rein wertvolle alte Karten, Atlanten, astronomische Aufzeichnungen und Reiseberichte aus, und schuf mit dem Physiker Max Lippitsch eine spannende Schau. Durch mehrere Räume führt die Reise aus der beginnenden Neuzeit bis zu Kosmos-Bildern der modernen Astronomie. Im abgedunkelten Huldigungssaal kann man in Himmels-Projektionen blicken und nachgebaute alte Messgeräte aus der Nähe betrachten.

"Weil der Sternenhimmel immer ein Orientierungspunkt für Reisende war", erklärt Lippitsch, beginne die Ausstellung mit Astronomie und führe dann über die Kartografie und abenteuerliche, teils abstruse Reiseberichte - in denen etwa Inder mit Riesenfüßen oder Steirer mit monströsen Kröpfen beschrieben werden - zu Johannes Kepler. Kepler lebte von 1594 bis 1600 in Graz und schrieb hier seine erste astronomische Arbeit. Eine der Sensationen im Stift ist ein ihm zugeschriebener Kalendertisch. Auf einer runden Steinplatte wurden tausende Daten eingeätzt, mit deren Hilfe man Kalender 200 Jahre im Vorhinein berechnen konnte, und zwar im Julianischen und im Gregorianischen System. Kepler-Erstausgaben mussten die Padres während der Wirtschaftskrise 1929 verkaufen. Doch es gibt andere Kostbarkeiten: Etwa das "Astronomicum Caesareum" (1540) von Peter Apian, eine Mischung aus Sternenkarte und Rechenschieber, von der Rein ein handschriftliches Exemplar besitzt.

Nicht nur in der Bibliothek tauchten immer wieder Schätze auf. 2007 fand man bei Renovierungen das Grab des Markgrafen Leopold I, der nicht nur der Stifter des Klosters, sondern auch quasi der erste steirische Landeshauptmann war. Mittels DNA-Test wurde das Skelett identifiziert und kann durch einen Glasboden in der Marienkapelle besichtigt werden.

In Rein ist man aber auch willkommen, wenn man für Tage oder Wochen Ruhe sucht. "Es kommen immer wieder Wirtschaftstreibende auch aus Deutschland", verrät August Janisch, der einst selbst ein ruhigeres Leben beginnen wollte, als er Mönch in Rein wurde. Janisch war 1993 das erste Opfer des Briefbombers Franz Fuchs. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. März 2009)

  • Der "Atlas novus" (18. Jahrhundert) von Johann Baptist Homann mit handkolorierten Blättern. Homann war Kartograf von Karl IV.
    foto: stift rein

    Der "Atlas novus" (18. Jahrhundert) von Johann Baptist Homann mit handkolorierten Blättern. Homann war Kartograf von Karl IV.

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