Banzai!

26. März 2009, 17:56
30 Postings

"Dozodozodozo!"-Rufe lotsen Mütter mit Leihbabybuggys durch die Käuferinnenmassen und schützen sie vor Kollisionen. Leo Szemeliker goes Japan

Zweimal sah ich in Japan größere Ansammlungen von Kinderwagen: Einmal in einem Restaurant in Kioto. Dort standen ein paar Buggys im Vorraum, wo man sich die Schuhe ausziehen muss, bevor man auf die Reismatten steigt. Einer der dazugehörigen Würmer kugelte entfesselt lustig durch das Traditionslokal und wurde von Mutter, Tanten, Cousinen, Kellnerinnen, Geishas, Maikos (Geisha-Lehrmädchen) verfolgt. Das Aufbegehren von Nippons jüngster Generation ist also mehr als eine reine Medienerfindung.

Als ich nach dem vorzüglichen Essen nach Kioto-Art (unter anderem mit hauchdünn geschnittenem Fleisch in Tofu-Gemüsesuppe gegart) auf den Gehsteig trat, fuhr mich eine von Nippons Jüngsten fast über den Haufen. Mit dem Rad, voll banzai, über den Fußweg. Ohne mit der langen Wimper zu zucken. Die Kaltblütigkeit der japanischen Frauen uns Gaijin gegenüber ist also mehr als eine reine Schundheftlfantasie.

Das noble Isetan-Kaufhaus in Shinkuyu, Tokios Wolkenkratzer-Geschäftsbezirk, ist nicht unbedingt die Gegend, wo Menschen wohnen, wenngleich sie drei Viertel ihrer Lebenszeit dort verbringen. Der durchschnittliche Japaner pendelt (schlafend im Schnellzug) drei Stunden hin-retour in die Hacke, die Kinder bleiben (mit den Müttern) in den Schlafstädten.

Isetan wartet mit einen Haufen Mietkinderwagen beim Eingang auf - alle nicht sehr stylisch (Kinderwagenkult, wie bei uns, ist mir nicht aufgefallen). Mütter, die sich einen Babybuggy ausborgen, werden vom Isetan-Kaufhauspersonal unter "Dozodozodozo!"-Rufen geschickt durch die Massen der Käuferinnen gelotst und vor Kollisionen geschützt. Die Effizienz der Japaner ist also mehr als eine reine Erfindung der Autoindustrie. (Leo Szemeliker/DER STANDARD/Automobil/27.3.2009)

  • Artikelbild
    foto: szem
Share if you care.