Das Phantom-Archiv des ORF

Vom seltsamen Umgang mit einem "Weltkulturerbe"

25. März 2009, 19:28
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    foto: standard/urban

    Publikumsrätin Eva Blimlinger.

Umfasst denn die Gebührenzahlung nicht genau genommen auch die Nutzung des ORF-Archivs, pardon, der Registratur? - Von Eva Blimlinger

Zur Erinnerung: Anfang März versuchte Pius Strobl, ein Riesengeschäft witternd, im Alleingang Verwertungsrechte aus dem ORF-Archiv an den Hoanzl-Verlag zu verkaufen. Nach heftigen Protesten aus Politik und ORF zog Hoanzl schließlich seine Unterschrift zurück und schlug die Auflösung des Exklusivvertrags mit der ORF-Enterprise in beidseitigem Einvernehmen vor. Die Stiftungsrätin Helga Rabl-Stadler kommentierte "Der Vertrag hätte einen unvorstellbaren Schaden für das österreichische Weltkulturerbe bedeutet."

Bis dato hat es der Stiftungsrat jedoch verabsäumt, sich um dieses Weltkulturerbe zu kümmern - sonst hätte er schon längst darauf pochen müssen, das Bundesarchivgesetz auf den ORF anzuwenden, durch das dessen Archivbestände ebenso geschützt sind wie mittelbar durch das Denkmalschutzgesetz. Auch wenn die ORF-Führung das ganz anders interpretiert. Dort herrscht nämlich die irrige Auffassung, dass nur Schriftgut aufzuheben sei und nur dies unter das Archivgesetz falle - alles andere sei bloß eine "Registratur". Wiewohl in Aussendungen und Selbstdarstellung der Generaldirektor sowie der frühere und jetzige Leiter der ORF-TV-Hauptabteilung Dokumentation und Archive nicht müde werden, die Vorzüge und Leistungen des "ORF-Archives" zu preisen. Klingt ja auch nicht gut: ORF-Registratur.

Der ORF ist eine Stiftung öffentlichen Rechts und so kommt der § 2 Abs 4 lit b des Bundesarchivgesetzes zur Anwendung, wo normiert wird, was Archivgut des Bundes ist - nämlich insbesondere solches, das "bei juristischen Personen in Wahrnehmung ihrer Aufgaben anfällt". Das Archivgut des ORF, das in der Wahrnehmung seiner Aufgaben anfällt, also alles was gesendet wird in TV, Radio, aber auch Teletext und ORF-On ist somit Archivgut des Bundes. Der ORF hätte daher dem Bundesarchivgesetz folgend seit dessen Inkrafttreten im Jahr 2000 unverzüglich mit der Erfassung, Ordnung, Erschließung und Nutzbarmachung seiner Archivbestände beginnen und diese Tätigkeiten im Hinblick auf frei zugängliches Material so bald wie möglich abschließen müssen. Nichts ist passiert, denn Informationen zum Archiv gibt es für potenzielle Benützer und Benützerinnen nicht, eine Internetrecherche bleibt ohne Ergebnis, unter orf.at findet sich alles mögliche, nur kein Hinweis aufs Archiv, nirgendwo sind Standort, Zugangsmöglichkeiten, Öffnungszeiten oder gar Nutzungsbedingungen veröffentlicht. Ob die gesetzlich geforderte Benutzungsordnung überhaupt jemals erlassen wurde? Im Amtsblatt der Wiener Zeitung - wie es das Gesetz vorsähe - findet sich jedenfalls keine entsprechende Publikation.

Das ORF-Archiv gibt es also genau genommen nicht, muss es aber geben, öffentlich zugänglich, da jedermann berechtigt ist, "das freigegebene Archivgut, nach Maßgabe des Archivgesetzes zu amtlichen, wissenschaftlichen oder publizistischen Zwecken sowie zur Wahrnehmung berechtigter persönlicher Belange zu nutzen", wie es im Gesetz heißt. Diejenigen, die versuchen Material etwa für ihre wissenschaftlichen Arbeiten zu sichten, können ein Lied davon singen, wie kompliziert und teuer das ist. Umfasst denn die Gebührenzahlung nicht genau genommen auch die Nutzung des ORF-Archivs, pardon, der Registratur? Aber soweit sind wir noch lange nicht. Vorrangig ist, bevor irgendwelche Verwertungsrechte verscherbelt werden, endlich den gesetzlichen Auftrag zur Einrichtung des ORF-Archivs zu erfüllen. Stiftungsrat und Generaldirektion sind aufgefordert, dafür Sorge zu tragen. (Eva Blimlinger, DER STANDARD; Printausgbe, 26.3.2009)

Zur Autorin
Eva Blimlinger ist ORF-Publikumsrätin und leitet die Stabsstelle für Projektkoordination an der Universität für angewandte Kunst.

Zum Thema
derStandard.at/Etat-Schwerpunkt zum ORF

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 39
1 2
Eine Kreatur
03
26.3.2009, 19:21
unglaublich ..

dass die grünen noch immer so ein ekel wie pius strobl als "aushängeschild" dulden .. ist ja nichts neues und seine person ist ja schon seit sehr sehr langer zeit umstritten ..

bravo grüne, nur weiter so ..

die_eidechse
 
00
15.4.2009, 13:58
eh, aber die grünen dulden auch, dass man damokratie mit füssen tritt.

bzw. machen das ja selber vor!

Berli Jucker
01
26.3.2009, 18:12
Heinz Conrads

War es nicht einmal so, daß eine Gedenksendung für Conrads nicht stattfinden konnte, weil sämtliches Material weggeworfen worden war?

die_eidechse
 
00
15.4.2009, 13:59
nein.

Träume sind Schäume
00
26.3.2009, 16:27
Ich sag nur

WIR ZAHLEN NICHT FÜR EURE KRISE.

Eine Gebür, die zwangsweise eingetrieben wird OBWOHL man den ORF nicht anschauen will, nennt man Steuer.

rechts_heimatverbunden_konservativ
00
31.3.2009, 12:07

einfach abmelden. es kann nichts passieren. einfach abmelden.

Take your protein pills and put your helmet on
02
26.3.2009, 17:16

ich halte das herumgeschimpfe auf die orf gebühren für ziemlich ...naja. wenn dir die gebühren nicht passen, dann zahl sie einfach nicht oder wirf deinen fernseher aus dem fenster, und fokussiere deine revolutionäre energie auf wirklich wesentliche dinge.

f l o
 
00
26.3.2009, 18:19

dieses wegwischen von diskussionen mit dem hinweis, es handle sich nicht um "wirklich wesentliche dinge" ist lächerlich. auch unwichtiges kann, soll und muss verbessert werden, wenn es nicht in ordnung ist.

"einfach nicht zahlen" ist illegal, und meinen fernseher aus dem fenster werfen ist keine gute idee, wenn ich meine dvds ansehen will. ganz abgesehen davon, dass ich trotzdem für meinen internetanschluss orf-gebühren zahlen müsste.

The Real Zet
 
00

Ich finde, dass " Take your protein pills and put your helmet on" nicht so falsch liegt. Ein klein wenig Eigenverantwortung ist durchaus angemessen. Für den Internet Anschluss allein fallen nach meinem Wissensstand keine TV-Gebühren an.

die_eidechse
 
00
15.4.2009, 14:00

da sind sie aber falsch informiert. sobald sie einen internetanschluss und einen dazugehörigen computer haben müssen sie gis gebühren zahlen, weil sie diese applikationen ja verwenden können um radio zu hören.

René Monet
 
01
26.3.2009, 13:31
Der maßstab BBC

ist gar nicht notwendig und eigentlich auch unfair. Bei einem land mit 60 mio einwohnern klar. ZDF und ARD scheiden eigtl aus dem selben grund aus.

Allerdings: Schweden hat 8 mio einwohner und auf www.svt.se kann man sich einen kleinen eindruck verschaffen, wie der orf ausschaun könnte, würde er halbwegs gleichwertige arbeit leisten ...

Weiters Dänemark und Norwegen (einmal 5 und einmal 3 mio) sollten auch zu denken geben.

www.nrk.no
www.dr.dk

fmdj
00
zdf und ard

wieso scheiden die aus? überhaupt nicht! du kannst ja nicht die argumentation unserer kicker (10x so schlecht spielen wie die deutschen, weil land 10x kleiner) zum naturgesetz machen. brauchen wir dann auch nur ein zehntel so demokratisch sein? oder nur ein zehntel so gut essen? natürlich sind zdf und ard der massstab. und prosieben & co. ebenfalls. jeden abend bei all jenen mit sat-anschluss, und im web geht's erst richtig los!

René Monet
 
00
ARD

hat 20.000 mitarbeiter und 6,3 Mrd. Euro Budget.

Wie bitte soll das vergleichbar sein???

Das müssen sie mir wirklich erklären ...

Karl Krammer
11
26.3.2009, 13:09
nach 30 Jahren ...

§8 Bundesarchivgesetz spricht zuerst mal von 30 Jahren Sperrfrist und dann auch nur, wenn "Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes" nicht dagegen stehen, sonst ist die "Nutzung von Archivgut einzuschränken oder zu versagen" (§9). Aus diesem Gesetz läßt sich daher kein Anspruch auf Nutzung des ORF-Archivs für Inhalte jünger als 30 Jahre und für Inhalte mit fremden Urheberrechten ableiten. Noch dazu können private Abreden und testamentarische Verfügungen eine Veröffentlichung blockieren.

Knut Ogris
30
26.3.2009, 23:01
Richtig - und es müssen mal endlich Dinge gesagt werden, die österr. Content- also Filmproduzenten betrefffen, es gibt EU Medienrichtlinien, die besagen, dass es verschiedene Regularien einzuhalten gilt!

Frau Blimlinger verwechselt Kashes mit Mohn!

Ich werde den Teufel tun und zustimmen das erstens solche Publikumsräte solche Rechte frei aubeuten dürfen und zweitens werde ich dafür sorgen, dass das was ohnehin nicht Geldwert abgegolten wurde, niemals irgendwelchen Plünderern zufällt - wir wurden ohnehin vom ORF schon augebeutet und jetzt kommt die B. drauf - das könnte nochmals unter wiss. Zwang nochmals so sein! NEVER!

Eva Blimlinger
02
26.3.2009, 14:21

ja alles bestens, aber um das regeln zu können muss es mal ein Archiv geben und das gibt es nicht, dazu müssen eben all die Täigkeiten gemacht werden und dann kann man auch Ausnahmeregelungen normieren, also wo ist das Problem?
Der Punkt ist ja schlichtweg, dass das Bundesarchivgesetz zur Anwendung gelangt.

Der Boss der Bosse
11
26.3.2009, 12:20
Gab es da nicht einen Opernfreund als Oberarchivar?

Es wäre wichtiger gewesen, etwas mehr Zeit auf das Nachdenken über die Möglichkeiten und die öffentliche Rolle des ORF-Archivs zu verwenden, als mit irgendwelchen Kammersängerinnen vor Publikum "lustige" Dialoge zu führen und diese relativ irrelevanten Gespräche auch noch regelmäßig auf Ö1 ausstrahlen zu lassen.

Knut Ogris
30
26.3.2009, 22:55
Der hat doch gar nichts damit zu tun! Aber öster. Produzenten haben das recht, das Ihre ohnehin schlecht entlohnte Materialien NICHT so einfach an irgendwelche vorgschobenen wiss. Zwecke ausgegeben werden!

17+4
15
26.3.2009, 10:38
wir haben das alles bezahlt, jetzt soll es auch

uns gehören und uns verfügbar sein.
Es bremsen ja ohnehin die unnötigen Urheberrechte.

René Monet
 
00
26.3.2009, 10:36
Um einen eindruck des derzeitigen entwicklungsstandes

/ zustandes beim ORF zu machen, könnte man zb mal den internetauftritt orf.at mit anderen öffentlich rechtlichen vergleichen. Aber ich finde es wäre unfair, in mit ARD oder ZDF zu vergleichen von einem land das 10 mal so viele einwohner hat wie Ö. Fairer wäre zb schwedisches fernsehen: www.svt.se für ein land mit 8 mio einwohner
interessant auch www.nrk.no für ein land mit 3 mio
oder www.dr.dk für Dänemark (5 mio).

DA sieht man, wie wenig wir eigentlich für unsere GIS-abgaben bekommen!

werwolfi
00
26.3.2009, 16:53

wen wunderts? die GIS-gebühr ist halt leider - echt österreichisch - keine dienstleitungsabgabe, sondern eine reine geldbeschaffungssteuer zum stopfen von ORF-budgetlöchern.

lapinlahden ihmiset
29
26.3.2009, 09:42
danke, sehr guter und notwendiger beitrag!

Knut Ogris
50
26.3.2009, 23:04
..elendiger Nichtauskenner!

ISO 8859-1 die orf norm
 
01
26.3.2009, 09:25
wann ist diese endlos-schleife, mit einer vielzahl von murks-baustellen endlich vorbei.

es tritt nun der punkt ein, dass man unter beobachtung der orf-zustände zu dem schluss "der orf ist nicht mehr zu retten!" kommt.

ein über jahrzehnte aufgeblähter haufen wird ohne führung von außen implodieren. die extern integrierte führung braucht aber einen stab von auswärtigen mitarbeitern (>7), um einem event. mobbing-system stand zu halten bzw. reformwillige einzugliedern.

Name d. Redaktion bekannt
017
26.3.2009, 01:10
nicht zu vergessen...



...die sündhaft teuren Urheberechteabgaben an den ORF für deren Material. Jedes öffentliche und/oder in einem künstlerischen Umfeld verwendete Sekundenschnippserl muss mit horrenden Abgaben abgegolten werden.

Material von ARD/ZDF und co habe ich für künstlerische und wissenschaftliche Zwecke gratis und mit Einverständnis von besagten Sendern zur Verfügung gestellt bekommen und auch nützen dürfen.

Fehlanzeige beim ORF.

Entweder weg mit dem ORF, oder weg mit den GIS-Gebühren!

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