"Trügerische Ärzte allesamt!"

28. März 2009, 18:08
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Medizinische Kunstfehler waren schon im Altertum ein Thema: Eine geregelte Ausbildung gab es für Ärzte damals noch nicht, Schadenersatzbestimmungen nur teilweise

Salzburg - "Folter und Qual für unzählige von Schmerz und Krankheit geplagte Hilfesuchende" - so stelle man sich die Medizin der Antike heute zumeist vor, sagt der Salzburger Altertumswissenschaftler Rupert Breitwieser. Die Körper der Patienten hätten als Versuchsobjekte herhalten müssen; nur ganz wenige berühmte Ärzte wie Hippokrates von Kos oder Galenos von Pergamon ragten "als einsame Klippen des Geistes und des Wissens aus dem unendlichen Ozean der Ignoranz und Inkompetenz".

"Kunstfehler"-Begriff unpassend

Seltsamerweise hätten sich auf der anderen Seite bis weit ins 19. Jahrhundert Mediziner einzig und allein an den antiken Schriften orientiert, wenn es um Fragen der Heilkunst ging, sagte Breitwieser Mitte März in einem Vortrag in Salzburg über "Ärztliche Kunstfehler und Irrtümer in der antiken Heilbehandlung". Wobei er gleich einschränkend hinzufügte, dass der moderne Begriff "Kunstfehler" für die Antike eigentlich nicht zutrifft. Denn der würde einen zumindest halbwegs unumstrittenen "state of the art" der Schulmedizin voraussetzen, den es in der Antike nicht gab.

Kein Medizinstudium

Folglich konnte sich in der Antike auch nie eine geregelte Ausbildung für Mediziner entwickeln: "Noch bis ins späte Mittelalter konnte jeder, der es wollte, als Arzt praktizieren", sagt Breitwieser. Lediglich unter dem römischen Kaiser Alexander Severus gab es den Versuch, ein Medizinstudium zu etablieren, was aber scheiterte.

Strafe: Hand abhacken

Rechtlich wurde der Umgang mit Fehlern in der ärztlichen Behandlung schon sehr früh reglementiert: Im babylonischen Codex Hammurapi bestimmte Paragraph 218, "dass dem Arzt, der durch eine schwere Operation den Tod eines freien Mannes oder den Verlust seines Auges herbeiführt, die Hand abgehackt wird". Starb ein Sklave durch schuldhaftes Handeln des Arztes, musste der Arzt dessen Kaufpreis bezahlen.

Ägyptisches Standard-Lehrbuch

Ähnlich dürften die Gesetze bei den alten Ägyptern gewesen sein. Allerdings soll es dort auch bereits ein standardisiertes medizinisches Lehrbuch gegeben haben, wie der Historiker Hekataios von Abdera berichtete. Wenn sich die Ärzte an die dort festgeschriebenen Therapien hielten, blieben sie jedenfalls straffrei. Wenn nicht, mussten sie mit der Todesstrafe rechnen.

Liberales Athen ...

Im antiken Athen hatten Ärzte, selbst wenn sie fahrlässig handelten, keine Strafverfolgung aufgrund von Kunstfehlern zu fürchten. Eine ähnliche Regelung wie in Ägypten - mit offiziell vorgeschriebenen Behandlungsmethoden - wurde verworfen. Der Philosoph Platon begründete das damit, dass sonst die medizinische Forschung zum Erliegen komme, weil kein Arzt mehr riskieren könnte, alternative Methoden anzuwenden.

... und gefährliche Königshöfe

Sehr gefährlich lebten hingehen die Hofärzte von persischen und hellenistischen Königen. Einerseits konnten sie "einen enormen gesellschaftlichen Aufstieg erfahren, sagenhafte Reichtümer erwerben, mit öffentlichen Ehrungen überhäuft werden und eine Vertrauensstellung einnehmen, die weit über ihre eigentliche berufliche Stellung hinausging", berichtet Breitwieser.

Andererseits riskierten sie bei jeder fehlgeschlagenen Behandlung ihr Leben, und auch als Urheber von Giftanschlägen wurden sie oft verdächtigt. Ein berühmtes Beispiel ist Glaukias, einer der Ärzte von Alexander dem Großen. Der Eroberer machte Glaukias für den Tod seines Freunds Hephaistion verantwortlich und ließ ihn hängen.

"Arzt" als Schimpfwort

Ein besonders schlechtes Image hatten Ärzte im antiken Judentum. Der Begriff "Arzt" war sogar als Schimpfwort geläufig, im Buch Hiob etwa in dem Satz "Ihr seid alle lügnerische Schmierer, trügerische Ärzte allesamt!". Breitwieser führt den schlechten Ruf der Mediziner auf das in der Bibel überlieferte Bild von der Krankheit als Strafe Gottes zurück, in die sich der Mensch besser nicht einmischt.

Rom: Schadenersatz für Kunstfehler

Erste Vorläufer der modernen Medizinhaftung gab es im Römischen Recht. Ab der späten Republik waren die Delikte fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung rechtlich definiert. Auch Schadenersatzregelungen für Heilungskosten, vergangenen und zukünftigen Verdienstentgang gab es bereits. Nicht monetäre Folgen von Fehlbehandlungen wie Schmerzen oder Narben wurden dagegen nicht abgegolten. Bei fahrlässiger Tötung sah das römische Gesetz für Täter aus den höheren Ständen die Verbannung und für solche aus den niederen Ständen die Todesstrafe vor. (Markus Peherstorfer, derStandard.at)

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    2008 wurde dieses 1.700 Jahre alte Skelett im Norden Griechenlands gefunden - es zeigt Anzeichen einer Schädeloperation.

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