Beweismittel für Sammler

25. März 2009, 18:39
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Mit "Fahrstuhl zum Schafott" zeigt die Kunsthalle Wien das Böse im sicheren Rahmen

Wien - Vom Aspekt des Nachruhms her betrachtet, lohnt sich Verbrechen immer. Wem sonst nichts einfällt, der kann sich zumindest meuchlings einen vorderen Rang im Bewusstsein der Nachgeborenen sichern. Und die, das kommt verstärkend dazu, werden unter Garantie eine Phase durchleben, in der sie "Goth" denken und zumindest so lange auf einer Dark Wave schwimmen, als die Schwestern keine Gnade kennen und viel Taschengeld in Clearasil investiert werden muss. Zwecks Ablenkung vom eigenen Ich übt sich der junge Mensch in diesen Zeiten der Prüfungen gerne in endzeitgestimmter Selbstinszenierung. Und also hat "Noir" immer Saison.

Eben in der Kunsthalle Wien, wo mit Fahrstuhl zum Schafott eine höchst nächtliche Szenerie installiert wurde: eine "Twilight Zone" , in der sich Dashiell Hammetts Malteser Falke zum Soundtrack von Miles Davis auf die (stellvertretend für alle) desorientierte Jeanne Moreau stürzt; wo Weegee noch einmal sein Album feinst inszenierter Leichen zum allgemeinen Schaudern aufschlägt. Weegee, der Starchronist der New Yorker Mord- und Unfallopferszene der 1940er-Jahre, hieß eigentlich Arthur Fellig, stammte aus Galizien und drapierte am Tatort ganz gern die Leichen neu. Diese Kunst kleinerer Eingriffe demonstrierte er im Chicago Institute of Design unter dem Titel How to photograph a corpse. Und wusste darüberhinaus seine Schwarz-Weiß-Fotos überaus effektvoll auf Stellwänden mit Einschusslöchern und Blutflecken zu affichieren.

Gerald Matt und Banks Violette - zwei Nachgeborene von Miles Davis, Dashiell Hammett, John Huston und Weegee - haben zueinandergefunden, um den Zauber der Gosse, die Verführungsgewalt des sauber inszenierten schmutzigen Verbrechens von einst mit den Mitteln von heute weiter aufzuladen. Gerald Matt ist Direktor der Kunsthalle und liest im passenden Outfit gerne Dashiell Hammett in Originalausgaben (u. a.). Banks Violette, der jüngere der beiden Kuratoren, ist bis über den Kragenrand hinaus gekonnt schäbig tätowiert, bildender Künstler und Ästhetikberater einschlägiger Bands. Das äußert sich bei ihm in geschwungenen Spiegelwänden, die - von Banden böser Hydraulikpumpen erpresst - dem Druck erliegen und erhaben zerbersten. Oder aber er bringt kitschige Friedhofsengel in satt mattem Schwarz zu Büttenpapier. Oder: Er überlegt, was ein dunkles Schlagzeug noch böser machen könnte. Mit dem Resultat, dass die Rhythmusmaschine brennt, Flammen aus den Resten des Drum-Sets züngeln, ganz so, als hätte Luzifer eben seine letzte Zugabe zum Besten gegeben.

Effektvoll als Lichtquelle der "25-Minutes-to-go" -Schau eingesetzt, stützen die immerwährenden (Gas-)Flammen des Bösen den Verdacht, hinter jedem Besucher im Halbdunkel der Schau würde sich wahlweise ein Bad Cop, ein Mafioso, traumatisierter Algerienkämpfer oder gar ein Fotograf verstecken, der für gute Bilder tötet.

Für Banks Violette ist das alles zutiefst amerikanisch: schwarze Romantik, nacherzählt von und für die Trashbewussteren unter den Weißen. Jedenfalls ist die Schau eine alternative Anwendung von Black Metal, dem Zauber subkutan eingeschriebener Totenköpfe und ein wenig Restwut auf gesettelte Mitvierziger, die eh schon eine Vintage Harley haben. (Markus Mittringer / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.3.2009)

 

Bis 3. 5.

  • Banks Violettes Vorstellung eines abgespielten Drum-Sets.
    foto: kunsthalle wien

    Banks Violettes Vorstellung eines abgespielten Drum-Sets.

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