"Davon leben noch einige, da bin ich mir sicher"

25. März 2009, 18:11
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NS-Kriegsverbrecher in Österreich: Buchautor Meyer kritisiert Laschheit bei der Verfolgung durch die Justiz

Wien - Ein ehemaliger KZ-Wächter, der in Österreich als Staatenloser lebt, ein mutmaßlicher NS-Kriegsverbrecher, der während der Fußball-EM durch die Klagenfurter Fanzone schlendert. Das Justizministerium reagiert pikiert auf die Vorwürfe von Hermann Frank Meyer, Autor mehrerer Bücher über Gräueltaten der Wehrmacht in Südosteuropa, gegen mögliche noch lebende Kriegsverbrecher nicht vorzugehen: "Wir gehen jedem Hinweis nach, selbstverständlich" , heißt es. Es werde nur "nicht jeder Schritt kommuniziert".

Im Standard-Gespräch erzählt Meyer von einer Episode Ende des Vorjahres, als er während einer Podiumsdiskussion in Wien einen Staatsanwalt danach fragte, ob in manchen Fällen Ermittlungen aufgenommen würden. "Ich bin immer noch entsetzt über die Reaktion dieses Herrn, der einfach Nein gesagt hat" , ärgert sich Meyer auch Monate später. Seit damals herrscht Funkstille zwischen dem Sachbuchautor, der in Brüssel lebt, und dem Justizministerium. "Ich sehe es nicht als meine Aufgabe, diese Täter zu verfolgen" , erklärt der Deutsche, "ich schreibe darüber, dass dies nicht in Vergessenheit gerät."

Über Ereignisse wie jenes vom 16. August 1943: "Alles war still. Überall lagen Leichen herum. Einige Opfer waren noch nicht tot. Sie bewegten sich und stöhnten. Zwei oder drei Unteroffiziere gingen langsam durch die Ortschaft und gaben den Sterbenden Gnadenschüsse" , zitiert Meyer in seinem Buch "Blutiges Edelweiß" einen Soldaten. "Nach der Vergeltungsaktion bin ich mit den Mulis langsam in die Ortschaft eingezogen. Was ich damals zu sehen bekam, war einfach schrecklich" , erinnert sich ein anderer. Das griechische Dorf Kommeno wird ausgelöscht: 317 Tote, darunter 13 Kleinkinder. "Wenn Sie sich die Ermittlungsakten ansehen, da kommen über 100 Personen aus der Kompanie aus Österreich" , sagt Meyer: "Davon leben noch einige, da bin ich mir sicher." 

Vielleicht, so mutmaßt er, könnte auch einer der Anführer darunter sein. Dieser hatte zwar in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg ein Ermittlungsverfahren gegen sich laufen, aber: "Er hat erklärt, er könne sich nicht erinnern, er habe so und so viele Kriegsverwundungen erlitten, und man hat ihm geglaubt." Meyer: "Seinen Job als Schuldirektor konnte er ausüben." Ein anderer mutmaßlicher Kriegsverbrecher soll in Niederösterreich leben: "Ich habe ihn 2002 interviewt" , sagt Meyer, "im Wohnzimmer hing die Wehrmachtsuniform."

Es gehe nicht darum, "die alten Männer ins Gefängnis zu stecken" , meint Meyer, "es gehört ermittelt. Und wenn ich an die Opfer denke, die kommen nicht zur Ruhe, weil sie wissen, dass die Täter nie belangt wurden." Auch in Deutschland sei die Justiz kaum zu bewegen, Ermittlungsverfahren zu starten. Immerhin in Köln wurde eines eröffnet. Meyer: "Ein Einzelfall." (Peter Mayr/ DER STANDARD-Printausgabe, 26. März 2009)

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