Gefahr war sein Geschäft

25. März 2009, 18:02
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Am 26. März 1959 starb Raymond Chandler, der mit seinen Romanen um den hartgesottenen Privatdetektiv Philip Marlowe zum Klassiker der Kriminalliteratur wurde

Was man besser nicht tun sollte: am Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise seine Macht als Geschäftsführer missbrauchen, um Frauen zu verführen. Einer Sekretärin ein Apartment einrichten, dort mir ihr die Wochenenden verbringen und dermaßen viel saufen, dass die Frau jeden Montag aus gesundheitlichen Gründen blaumachen muss.

Raymond Chandler tut genau das und verliert deshalb im Jahre 1932 seinen Posten als Direktor einer Ölgesellschaft. 44 Jahre ist er zu dem Zeitpunkt alt und er steht vor den Trümmern seiner Existenz. Seine Karriere? Ein für alle Mal vorbei. Seine Ehe? In einer schweren Krise. Zumal die Auswirkungen eines kleinen Schwindels von Cissy Chandler mehr und mehr sichtbar werden: Sie ist nicht, wie sie bei der Hochzeit angegeben hat, acht, sondern 18 Jahre älter als er.

Chandler, 1888 in Chicago geboren, ging in England zur Schule; erst im Alter von 24 Jahren kehrte er in die Staaten zurück: In Los Angeles, einer Stadt, die er nicht leiden konnte, traf er Menschen, die er nicht leiden konnte und begann, genau jenem Ort ein Denkmal zu setzen. Der erste Schritt: Chandler lässt sich als Schriftsteller ins Telefonbuch von L. A. eintragen. Wobei "Schriftsteller" zunächst eine etwas hochgestochene Bezeichnung ist für das, was er tut: Er verfasst doch bloß Kurzgeschichten für das auf Detektiv-Storys spezialisierte Magazin Black Mask. Es sind harte Jahre, immer am Existenzminimum lebend, immer das Gefühl habend, weit unter seinen wirklichen Möglichkeiten zu schreiben.

1938 dann beginnt Chandler endlich mit der Arbeit an seinem ersten Roman The Big Sleep - Der große Schlaf. Held des Buches ist Philip Marlowe: Ein zynischer, hartgesottener Detektiv, der nur seiner eigenen Moral folgt. "Er nimmt von keinem Menschen Geld an, das er nicht verdient, und von keinem Menschen eine Beleidigung hin, ohne sie gebührend und leidenschaftslos zurückzuzahlen" , charakterisiert Chandler seinen Helden. "Er ist ein einsamer Mann. Sein Stolz besteht darin, dass man ihn wie einen stolzen Mann behandelt oder es sehr bald bereut, ihm je begegnet zu sein." Feinde hat Marlowe genug. Die Gangster sowieso, aber auch die Polizisten. Gilt doch die Polizei von Los Angeles als eine der korruptesten und brutalsten von ganz Amerika.

Der Roman ist ein veritabler Erfolg, aber das größte Problem im Hause Chandler wird dadurch nicht gelöst: drückende Geldnot. Sie wird das Paar bis ins Jahr 1943 verfolgen, bis Chandler nach Hollywood geht. Wie viele Autoren vor und nach ihm wird er den Ort verfluchen, wird sich über die unmenschlichen Arbeitsbedingungen beschweren, aber doch heilfroh sein, endlich ordentliches Geld zu verdienen.

Am Anfang seiner Filmkarriere steht Double Indemnity (Frau ohne Gewissen), das Drehbuch schreibt er zusammen mit Billy Wilder; am Ende Strangers on a Train (Fremde im Zug), das er 1951 für Alfred Hitchcock verfasst. Mit beiden Regisseuren zerkracht er sich nachhaltig. Als Chandler Hollywood ein für allemal den Rücken kehrt, hat er genug Geld, und auch seine Romane verkaufen sich gut.

Einsamer Philip Marlowe

Er ist jetzt Anfang 60 und er weiß, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleiben wird, um endlich, endlich jenes große Buch zu schreiben, das ihm schon lange vorschwebt und ihn endgültig zum seriösen Schriftsteller machen soll. Doch Cissy ist ständig krank, Chandlers Sorge um sie macht das Arbeiten fast unmöglich.

Als The Long Goodbye (Der lange Abschied) 1953 allen Widerständen zum Trotz erscheint, stimmen die Rezensenten überein, das beste Werk Chandlers gelesen zu haben. In die Form eines Kriminalromans gegossen, geht es im Text um das Wesen der Freundschaft: Eines Abends gabelt Marlowe den schwer betrunkenen Terry Lennox auf, der kurz darauf verschwindet. Gegen alle Logik versucht Marlowe, ihn zu finden. Morde geschehen, Ehen zerbrechen und am Schluss findet Marlowe Lennox wirklich. Und ihm wird klar, dass alle ihn nur benutzt haben. Im Gegensatz zu den vorhergehenden Romanen, als der Detektiv sich nur schütteln musste, um all den Unbill hinter sich zu lassen, steht am Ende von Der lange Abschied ein verletzter, ein einsamer und desillusionierter Philip Marlowe.

Im Dezember 1954 stirbt Cissy nach langer Krankheit und Chandler findet sich im Leben kaum mehr zurecht. Er beginnt wieder übermäßig zu trinken und unternimmt mehrere Selbstmordversuche. Es sind rastlose, verzweifelte letzte Jahre. Er versucht sich noch an einem letzten Buch. Playback erscheint 1958, es ist Chandlers schwächster Roman.

Am 23. März 1959 wird Raymond Chandler mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus gebracht, drei Tage später stirbt er. Er wird in San Diego begraben - auf einem anderen Friedhof als seine Frau. Niemand dachte daran, ihn neben Cissy beizusetzen oder ihn einäschern zu lassen, wie er es gewollt hatte. (Gerhard Pretting / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.3.2009)

 

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    Zu Raymond Chandlers 50. Todestag wurden bei Diogenes die Kurzgeschichten und Philip-Marlowe-Romane neu aufgelegt.

     

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