Bonne heure statt Provokateur

26. März 2009, 17:54
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Renault legt bei der Erneuerung seiner Modellpalette ein beachtliches Tempo vor. DER STANDARD hat Laguna, Mégane und Scénic unter die Lupe genommen

"Gang raus, Handbremse raus!" Der Mann an der Waschstraße hüpfte hektisch rum wie Rumpelstilzchen, weil der Dodl im Auto, der Standard-Tester also, zu dämlich war, elementare Herausforderungen im automobilen Leben zu bewältigen. Da saßen wir also im hübschen neuen Mégane Coupé - und suchten, huch, hektisch, wo und wie die beim Abstellen des Motors sich automatisch aktivierende Handbremse deaktiviert werden kann. So was aber auch. So schnell wird eine Komfortfunktion zum Peinlichkeitsfabrikator.

Wobei dieses Auto, wie eigentlich fast alle aktuellen Neuzugänge bei Renault, für sich betrachtet mit Peinlichkeit nichts am Hut hat. Man mag die miserabliche Übersichtlichkeit nach hinten bekritteln, die einen beim Ausparken aus Schrägparkplätzen mitunter in fastschonkritische Situationen bringt - so oft wurden wir schon lange nicht mehr behupt -, aber das ist beim Hauptkonkurrenten VW Scirocco keinen Deut besser.

Quell echter Fahrfreude

Was uns eher erstaunte: Seitenwindanfälligkeit bei Überlandfahrten. Und der vielleicht nicht ganz zeitgemäße Spritverbrauch von 12,2 Litern auf 100 km, der trotz prinzipieller Folgsamkeit hinsichtlich Schaltpunktanzeige zustande kam: War doch ansonsten gerade dieser 2,0-Liter-Turbo-Benziner ein Quell echter Fahrfreude. Wie der mit seinen 180 PS fein am Gas hängt! Wirft das kompakte Coupé so zügig gen Horizont, wie die dynamische Form es erheischt.

Dabei ist der Wagen nicht nur fesch (und Renault-typisch sicher), sondern - für ein Coupé jedenfalls - auch recht praktisch. Und es sitzt sich fein, selbst auf langen Strecken; auch dies neuerdings in fast allen Neo-Renaults (was ferner auf die Qualitätsanmutung zutrifft).

Wo das Mégane Coupé echt Handlungsbedarf hat, ist die Lenkung. Elektrisch: fein; aber indifferent, indirekt: weniger fein. Das macht sich im anderen neuen Renault-Coupé, dem großen auf Laguna-Basis, ganz anders. Hier liegt's aber wohl zusätzlich auch am technischen Haupt-Pro-Argument für den Erwerb dieses Schönlings (was auch schon das ästhetische Argument wäre): Allradlenkung.

Belenkte Hinterachsen

Wie STANDARD-Leser bereits seit April 2008 wissen, belenken die Rhombus-Westfranken nämlich auch die Laguna-Hinterachsen, sofern nämlich GT-Version geordert. Das System schafft Erleichterung beim Parken, verringert den Wendekreis und bringt Agilität in Kurven. Bis Tempo 60 km/h werden nämlich die Hinterräder entgegengesetzt zu den vorderen eingeschlagen, bis maximal 3,5 Grad Einschlagwinkel. Geht's flotter zur Sache, gehen die Hinterräder andersrum auf Kurs. Fühlt sich am Anfang fast etwas hektisch, weil ungewohnt, an, möchte man aber schon bald nicht mehr missen.

Bestückt war unser Testwagen mit dem 3,0-Liter-V6-Diesel, ein ebenso souveränes wie kultiviertes Top-Aggregat (235 PS, 450 Nm!), das in Kombination mit der 6-Gang-Automatik den prinzipiellen Komfortcharakter dieses Fahrzeugs noch einmal betont. Was uns jedoch leicht verstört zurückließ, war der Verbrauch: um die elf Liter auf 100 km, wie das?

Was aus Sicht frankophiler Menschen wiederum unbedingt für das Laguna Coupé spricht: In dieser Größenordnung gibt es sonst nur das von Peugeot, Kennzahl 407. Dieses kommt aktuell aber leider - vielleicht auch, weil nicht mehr von Pininfarina designt - stilistisch nicht an die Vorgänger heran. Das Laguna Coupé, das sich im Styling behutsam an englische Vorbilder anlehnt (ohne dabei an Eigenständigkeit einzubüßen), ist somit derzeit der herausragende Repräsentant seiner Art aus Fronkreisch. War aber auch lange Jahre - 1987 lief der letzte Renault Fuego vom Band - ein echtes Desideratum.

Allgemeingefällig statt avantgardistisch

Beim fünftürigen Mégane, und damit zum letzten Teilnehmer unserer heutigen Test-Trilogie, spielen wiederum eher praktische Erwägungen denn ästhetische eine Rolle. Nach dem absatztechnisch unbedankten Ausflug ins Avantgardistische rudert Renault mit diesem enorm wichtigen Modell wieder zurück und macht auf allgemeingefällig. Ein kluger Schachzug in einer Liga, die so dicht mit guten Autos besetzt ist wie keine andere, Stichwort VW Golf und das ganze Rudel aus Europa und Fernost. Unhübsch ist der Fünftürer dabei aber nicht, zumal er das neue, mit dem Laguna eingeführte Renault-Familiengesicht übernimmt.

Weil in der Klasse der Verbrauch immer wichtiger wird, hat die verehrte Frau Weihs, beim Importeur für Testwagen zuständig, uns mit dem 1,5 dCi 90 beglückt. 90 steht für die Zahl der werktätigen Rösser, und diese sind züchtig aufgezäumt, auf dass ihnen nicht das Temperament durchgehe. Wo die Motoren der beiden Coupés gut im Futter stehen, gibt der im fünftürigen Mégane sich vor allem mit erstaunlich wenig Futter zufrieden. Rund sechs Liter auf 100 km trotz hauptsächlichen Stadtverkehrs: passt.

Unangenehm aufgefallen sind uns hingegen laute Windgeräusche ab 110, 120 km/h, als würd's bei der Seitentür reinziehen. Und wer auf einen noch praktischeren Mégane spitzen sollte: Im Juli kommt der Kombi. Der Grandtour.

Als Dreiertestfazit bleibt ein positiver Gesamteindruck. Nicht länger spielt Renault den Provokateur, gar viele finden das à la bonne heure! Nur manche sagen: schade ... (Andreas Stockinger/DER STANDARD, Printausgabe, 20.3.2009)

  • Das Laguna Coupé setzt auf geradezu englische Eleganz. Und eines der technischen Argumente heißt Allradlenkung.
    foto: stockinger

    Das Laguna Coupé setzt auf geradezu englische Eleganz. Und eines der technischen Argumente heißt Allradlenkung.

  • Mit dem neuen fünftürigen Mégane will sich Renault in der Golf-Klasse wieder in die Zentralperspektive rücken.
    foto: stockinger

    Mit dem neuen fünftürigen Mégane will sich Renault in der Golf-Klasse wieder in die Zentralperspektive rücken.

  • Sprungbereitschaft nach vorn signalisiert Renaults kleinstes echtes Coupé optisch, das vom Mégane.
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    Sprungbereitschaft nach vorn signalisiert Renaults kleinstes echtes Coupé optisch, das vom Mégane.

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