"Genügend Kalorien für alle Erdbewohner"

24. März 2009, 19:16
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Einfallsreichtum sei aufgrund des Klimawandels gefragt, meint der US-Agrarwissenschafter William Easterling im STANDARD-Interview

Im Gespräch mit Julia Harlfinger sagt der Forscher, was der Mensch brauchen wird: einen Werkzeugkasten mit unempfindlichen Pflanzen.

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STANDARD: Prognosen zufolge werden in neunzig Jahren zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben. Gleichzeitig wird sich das Klima verändern. Kann dann überhaupt die ganze Bevölkerung mit Nahrung versorgt werden?

Easterling: Ja, ich glaube daran - vorausgesetzt, es gelingt, die Ertragsfähigkeit in der Landwirtschaft zu steigern. Prinzipiell kann man genügend Kalorien für alle Erdbewohner produzieren. Die Frage ist vielmehr, ob diese Kalorien auch dorthin kommen, wo sie benötigt werden.

STANDARD: Welchen Effekt hat der Klimawandel auf den Welthunger?

Easterling: In den nächsten Jahrzehnten wird es, weil der Wohlstand im Durchschnitt wächst, zwar weniger Menschen geben, die hungern. Dennoch: Ohne Klimawandel wären im Jahr 2080 ca. 100 Millionen Menschen vom Hunger bedroht. Durch den Effekt der Erderwärmung wird diese Zahl vermutlich viel höher sein - rund 140 Millionen.

STANDARD: Werden sich die die Bedingungen für die Landwirtschaft verschlechtern?

Easterling: Im Frühstadium werden bestimmte landwirtschaftliche Gebiete in den mittleren bis hohen Breitengraden, also in Nordamerika und Eurasien, von der Wärme sogar profitieren - vorausgesetzt, es gibt genug Niederschlag und nur einen Anstieg von drei bis fünf Grad. Dann wird das System auch hier kippen. In den Tropen allerdings, wo bereits heute die ärmsten Regionen der Welt liegen, zeichnet sich ein ganz anderes Bild ab: Hier ist jede weitere Erwärmung schädlich für die Pflanzenproduktion, die Erträge werden sinken.

STANDARD: Düstere Aussichten.

Easterling: Ja, selbstverständlich. Doch vergessen Sie den menschlichen Einfallsreichtum nicht. Wir können den Klimawandel zwar bestimmt nicht stoppen, aber abmildern - wenn wir uns dafür entscheiden. Wir müssen uns jetzt sehr gut überlegen, wie wir uns an die künftigen Veränderungen anpassen, und können entsprechende Werkzeuge entwickeln. In diesem Werkzeugkasten sollten auch Pflanzen sein, die in dieser veränderten Umwelt überleben und ausreichend Nahrung für alle produzieren können.

STANDARD: Mit welchen Stressfaktoren sollten es diese Nutzpflanzen aufnehmen können?

Easterling: Zum Beispiel mit Hitze und Trockenheit. Anderswo wird es mehr Regen geben oder Schädlinge, die sich durch den Klimawandel ausbreiten. Ein Beispiel: Seit einigen Jahren breitet sich im Süden der USA ein Schadpilz aus, der Sojabohnen-Rost. Er wurde durch den Schiffsverkehr aus China eingeschleppt. Bisher konnte sich der Pilz in weiten Teilen der USA nicht ausbreiten, es war einfach zu kalt. Doch nun steuert er auf die Middle-West-Region zu - hier liegen die Hauptanbaugebiete der Sojabohne. Das wird die Sojafarmer hart treffen.

STANDARD: Wer soll die widerstandsfähigen Pflanzensorten herstellen?

Easterling: Ich glaube, es braucht zweierlei: Züchtungen, die auf herkömmlichem Weg erzeugt werden, aber auch gentechnisch veränderte Organismen. Ein großer Vorteil wäre, wenn man durch genetische Veränderung Pflanzen mit größerer thermodynamischer Effizienz entwickeln könnte. Diese Pflanzen würden dann Sonnenlicht viel besser in Pflanzenmaterie umwandeln. Ergebnisse aus der Grundlagenforschung, wie sie auf gerade auf der Konferenz des Gregor-Mendel-Instituts vorgestellt werden, helfen auch, den Fokus für weitere Entwicklungen zu bestimmen.

STANDARD: Könnten in der Entwicklung neuer Nutzpflanzen auch traditionelle Sorten eine Rolle spielen? Oder erfreuen sie nur den verwöhnten Konsumenten auf den Biomärkten?

Easterling: Nein, auch althergebrachte Pflanzensorten, die während der letzten Jahre in der konventionellen Landwirtschaft in Vergessenheit geraten sind, sollten ein Teil von unserem Werkzeugkasten sein. Wir brauchen gut gefüllte Pflanzensamenbanken, damit wir auf das genetische Material zurückgreifen können.

STANDARD: Wofür sollten diese neuen, robusteren Pflanzen verwendet werden?

Easterling: Das ist eine Frage der Wertigkeit. Die meisten würden sagen, dass die moralische Verpflichtung besteht, erst einmal alle Menschen mit ausreichend Nahrung zu versorgen. Doch die landwirtschaftlichen Flächen produzieren auch Feldfrüchte für die Industrie, etwa für Schmierstoffe und für Biosprit. Wir können uns vielleicht nicht den Luxus leisten, die Märkte diese Fragen allein entscheiden zu lassen. Durch Regierungssubventionen für die Landwirtschaft kann man steuernd eingreifen.

STANDARD: Nicht nur die Pflanzen, sondern ganze landwirtschaftlichen Systeme werden sich an den Klimawandel anpassen müssen.

Easterling: Farmer werden künftig viel sorgsamer mit Energie umgehen müssen, da diese einen immer größeren Teil der landwirtschaftlichen Produktionskosten ausmacht. Ein Beispiel: In Nordamerika bauen gegenwärtig viele Bauern nur Mais an. Treten Probleme mit dem Maiswurzelbohrer, einem Schädling, auf, dann wird viel Pestizid aufgebracht. Das ist energieintensiv und teuer. Baut man jedes Jahr eine andere Pflanze an, betreibt also Wechselwirtschaft, dann hilft das beim Energiesparen. Wahrscheinlich werden die Landwirtschaften auf der ganzen Welt vielfältiger werden und bei der Bestellung sorgsamer mit den erosionsgefährdeten Böden und den Wasserressourcen umgehen müssen. Die Verfügbarkeit von Wasser wird im 21. Jahrhundert überhaupt entscheidend sein - wie Öl am Ende des 20. Jahrhunderts.

STANDARD: In jenen Ländern, wo der Klimawandel am unmittelbarsten spürbar wird, gibt es kaum Wissenschaft. Sollen Forscher aus privilegierten Ländern im Alleingang Lösungen für die betroffenen Regionen entwickeln?

Easterling: Die Scientific Community aus den Industrienationen hat bereits begriffen, dass sie helfen muss, in diesen Ländern eine wissenschaftliche Infrastruktur aufzubauen. Es gibt beispielsweise von den Vereinten Nationen Programme, bei denen afrikanische, europäische und auch amerikanische Forscher zusammengespannt werden. (STANDARD,Printausgabe, 25.3.2009)

Zur Person

William Easterling (55) ist Professor für Geografie und Agrarwissenschaft in Pennsylvania. Er ist Mitglied des Intergovernmental Panel on Climate Change IPCC (Weltklimarat), das 2007 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Easterling kooperiert mit dem Institut für angewandte Systemanalyse in Laxenburg.

  • William Easterling am Wiener Gregor-Mendel-Institut: Der amerikanische Agrarwissenschafter glaubt, dass Landwirtschaften künftig viel sorgsamer mit Energie umgehen müssen.
 
    foto: der standard/martin fuchs

    William Easterling am Wiener Gregor-Mendel-Institut: Der amerikanische Agrarwissenschafter glaubt, dass Landwirtschaften künftig viel sorgsamer mit Energie umgehen müssen.

     

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