Wenn nur mehr die Taliban zahlen

24. März 2009, 19:03
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Der außenpolitische Erfolg von Barack Obama hängt von der Entwicklung am Hindukusch ab, sagen US-Experten - Nun fürchten alle die Wirkung der Finanzkrise

Wer dieser Tage durch das politische Washington tourt, Pentagon, State-Department, und die renommierten Denkfabriken besucht, bekommt zwei Gewissheiten präsentiert: US-Präsident Barack Obama wird sich vor allen anderen außenpolitischen Konflikten Afghanistan widmen. Dabei ist seine Strategie noch unklar. Alles unter "Review" , lautet der Tenor. Aber doch lassen sich bereits einige Eckpfeiler der künftigen Politik erkennen: Am Hindukusch wird aufgerüstet werden, so viel steht fest. Die Administration scheint zudem überzeugt zu sein, dass der Erfolg in Afghanistan nicht rein militärisch erreicht werden kann. Die dritte Konstante ist, dass Pakistan mehr Aufmerksamkeit schenken muss, wer Afghanistan stabilisieren will.

Gegen die bisher weitreichendste Entscheidung Obamas, die US-Truppen am Hindukusch von 36.000 Soldaten um 17.000 GIs zu erhöhen, regt sich aber bereits Widerstand.

Beim Washingtoner Center for New American Security (CNAS) gelten Obamas Pläne als völlig unzureichend. Ob die Verschlechterung der Sicherheitslage gestoppt werden kann, hängt nicht so sehr von der Zahl der ausländischen Soldaten, sondern von der Einsatzfähigkeit der afghanischen Armee ab, argumentiert John Nagl, Präsident des CNAS.

"Und um die ist es schlecht bestellt", sagt Nagl.

Die Lehre aus Vietnam und Irak sei, dass zur Bekämpfung eines Aufstandes pro 1000 Einwohner 20 bis 25 Polizisten oder Soldaten notwendig seien. In Afghanistan hieße das 600.000 Mann. Selbst die geplante Verdopplung der afghanischen Armee auf 140.000 Soldaten sei also unzureichend. Nagl fordert daher mehr Geld für den Aufbau und die Ausrüstung der nationalen Armee. Zudem sei die massive Ausweitung der Luftangriffe gegen mutmaßliche Taliban-Ziele ein Fehler gewesen. Bei diesen Angriffen seien zivile Opfer unvermeidlich, gerade das spiele den Taliban in die Hände.

Während in den US-Denkfabriken Kritik an Obama aber noch selten ist, herrscht bei der Frage der Entwicklungshilfe Übereinstimmung: Afghanistans Entwicklung braucht mehr Geld, sagen die Experten an den Eliteuniversitäten Berkley und Stanford. Rund 5,7 Milliarden Dollar Entwicklungshilfe haben die USA 2008 in Afghanistan geleistet. Für das bitterarme Land mit einer Lebenserwartung von 45 Jahren sei das unzureichend. Ob mehr Geld den Weg aus der Armut ebnet, ist aber fraglich. Denn unter Entwicklungshelfern ist selbst in stabilen Regionen umstritten, was eigentlich wirkt.

Und nach einer Untersuchung der britischen Hilfsorganisation Oxfam dürfte der internationale Mitteleinsatz in Afghanistan besonders ineffizient sein. Rund 40 Prozent der Hilfsgelder fließen wieder ins Ausland ab, weil sie an westliche Helfer, etwa in Form von Gehältern, bezahlt werden. Die meisten Mittel, zwei Drittel, werden über NGOs und ausländische Organisationen, also nicht über die afghanische Regierung, verteilt. "Nation-Building" wird so erschwert.

Die Ratlosigkeit ist also groß, und sie wird noch größer, wenn von Pakistan die Rede ist. "Pakistan muss stabilisiert werden, um den Taliban das Rückzugsgebiet zu nehmen" , sagen Analytiker. Aber sie sagen nicht viel mehr, außer dass viel Geld notwendig sein wird, um das Land zu stabilisieren.

Nun dürfte auch noch die Wirtschaftskrise die Dinge in Islamabad erschweren. Pakistan konnte sein Defizit zuletzt nicht mehr finanzieren und musste beim Internationalen Währungsfonds einen Notkredit aufnehmen. Nun droht ein weiteres Problem: In den Golfstaaten könnten hunderttausende pakistanische Gastarbeiter ihren Job verlieren. Sie müssten dann sofort in ihre Heimat zurückkehren, wo die Krise ebenfalls wütet. In dieser Situation könnten die Taliban ins Spiel kommen. "Die zahlen nämlich acht Dollar am Tag", sagte ein Pakistan-Experte. (András Szigetvari/DER STANDARD, Printausgabe, 25.3.2009)

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