Von der Fashionista zur Recessionista

24. März 2009, 17:47
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Kaufkraftverlust als Heraus­forderung - oder wie man in Amerika die Krise meistert - Von Rita Neubauer

Ich gestehe: Mein Kühlschrank ist noch an, auf dem Balkon scharren noch keine Hühner, und auch meine Handtasche teile ich noch nicht mit meiner Nachbarin. Die Reinkarnation als radikale "Recessionista", von der so viel die Rede ist in amerikanischen Medien, ist bislang an mir vorbeigegangen.

Sicher, Opfer der Rezession sind wir alle, seit die frivolen Machenschaften an der Wall Street, die "liar loans" - die betrügerische Kreditvergabe - an wenig kreditwürdige Bürger und das exzessive Leben auf Pump Amerika in die schwerste Krise seit der Great Depression stürzte. Doch Recessionista ist nicht gleich Recessionista.

Mögen die einen nun zwar auf 20-Dollar-Hamburger und den persönlichen Fitnesstrainer verzichten, so treiben es andere mit ihrer Frugalität zu absurden Extremen. Sie begreifen - typisch Amerika - die Krise und den Kaufkraftverlust als Herausforderung, als Chance, es dem Rest der Welt zu zeigen. Mag diese lamentieren und in Depressionen versinken, hier im ehemaligen Land des unbegrenzten Konsums schaltet man den Kühlschrank aus und diskutiert auf Blogs wie www.thecrunchychicken.com, wie das den Alltag verändert. 

Michelle Obama machts vor

Das Blumenbeet wird zum Mini-Kartoffelacker umgegraben. First Lady Michelle Obama macht es vor und legt Gemüsebeete gar ums Weiße Haus an. Die Wäsche wird mancherorts wieder auf der Trockenleine aufgezogen. Und in Investmentclubs klappern die Stricknadeln. Nicht nur, um die Nerven angesichts des desolaten Portfolios zu beruhigen, sondern auch, um für den nächsten Winter mit dicken Pullis vorzusorgen.

Surreal abstrus wird es doch, wenn die New York Times eine Zunahme freilaufender Hühner in den Straßen des Big Apple notiert. Das "chicken movement" verdankt die Stadt angeblich der Tatsache, dass die Geschlechtszugehörigkeit der Küken nicht sofort bestimmt werden kann. Was dazu führt, dass sich überschüssige Hähne auf der Straße wiederfinden.

Selbst wer nicht zu solch radikalen Lifestyle-Änderungen greift, passt sein Leben den neuen Umständen an. Zum Beispiel, in dem sich ehemalige "Fashionistas", die ohne Statussymbole nicht leben können, einer Handtaschen-"Kooperative" anschließen. Dort wird das Prada-Täschchen gegen ein kleines Entgelt für einen Monat ausgeliehen, und der Schein gewahrt.

Um die Wahrung desselben mühen sich auch Blogs wie therecessionista.blogspot.com, wo Leser atemlos darüber informiert werden, dass bei Loehmann Strumpfhosen im Supersonderangebot sind: "Buy 12, get 1 free!" "Recession chic" heißt die Parole.

Nicht viel zu lachen

Meine Konzessionen? Ich werde wohl die Botox-Behandlung gegen die Lachfalten noch etwas aufschieben. Denn zu lachen haben wir Recessionistas nun wirklich nicht viel derzeit. Fand ich Manolo-Blahnik-Schühchen für 800 Dollar schon immer lächerlich, so ist auch der Verzicht darauf kein großer Deal. Und das Gucci-Taschen-Imitat aus China tut es auch noch ein Weilchen.

Dafür habe ich beschlossen, meinen Allerwertesten die rauen Zeiten spüren zu lassen. Denn seit der Krise stieg angeblich der Verbrauch von weichem, Po-freundlichem Toilettenpapier in den USA enorm. Der Grund ist noch unerforscht. Sicher dagegen ist, dass das extraflauschige Toilettenpapier weiterhin Millionen Bäumen, darunter uralten kanadischen Riesen, den Tod bringt. Denn wiederverwertetes Papier wird dafür in den USA kaum verwendet. (Rita Neubauer aus Palo Alto, DER STANDARD, Printausgabe, 25.3.2009)

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    Das Gucci-Handtäschchen bleibt für die passionierte Recessionista im Regal liegen.

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