Ein Opernhaus im Aborausch

24. März 2009, 17:10
23 Postings

Das Theater an der Wien etabliert sich als gut besuchtes Haus des zeitgenössischen Musiktheaters - Ein Gespräch mit Intendant Roland Geyer

Wien - Wenn einer behauptet, nur Qualität würde ihn interessieren, Auslastungsdiskussionen hingegen gingen ihm "auf den Wecker" - dann ist er ein bisschen von Sinnen. Oder seine Geschäfte gehen gut. Auf Roland Geyer, Intendant des Theaters an der Wien, trifft eindeutig zweiteres zu: "Wir haben eine Auslastung von 94 bis 95 Prozent. Und auch dem Ziel, bis 2010 von 1000 auf 4000 Abonnenten zu kommen, sind wir nähergerückt. Momentan sind es 3000; nächstes Jahr sollte es 4000 und ein bisschen mehr werden. Wir haben 2008 auch einen Überschuss von zwei Millionen Euro erwirtschaftet. Ich werde also vom anderen Bereich der Vereinigten Bühnen Wien, jenem des Musicals, auch weiterhin keine Unterstützung brauchen."

Die Wirtschaftskrise sei natürlich "nicht hilfreich, die Leute sitzen ein bisschen auf dem Geld, wobei wir das noch nicht spüren. Vielleicht bin ich naiv. Aber unsere Klientel scheint nicht betroffen zu sein. Sie hat vielleicht bei Aktien verloren, aber nicht beim Einkommen. Dass es ab Mitte des Jahres wirtschaftlich besser wird, glaube ich aber nicht." Deshalb ist Geyer froh, nun mit dem Aboverkauf für die kommende Saison (bis Ende April mit einem Rabatt von 30 Prozent) starten zu können, "weil das Publikum noch positiv gestimmt ist. Sollten neue negative Wirtschaftsnachrichten kommen, könnte sich die Lage ändern."

Im gewissen Sinne ist Geyer sogar ein Gewinner der Krise. Vom Konjunkturpaket der Stadt Wien werden mehr als zwei Millionen Euro zur Verfügung gestellt, um die Hinterbühne des Theaters umzubauen. Es macht Sinn: Denn selbst für Geyers Stagione-Konzept der monatlichen Premieren ist die Raumsituation wenig hilfreich. "Schön, dass die Stadt Wien nicht nur in den Straßenbau investiert. Mit dem Geld werden wir die Infrastruktur verbessern. Wir wollen etwa einen Kulissenlift einbauen, mit dem wir Elemente direkt auf Bühne und Unterbühne transportieren können. Das bedeutet, dass wir schneller wechseln können."

Das würde weniger spielfreie Tage bedeuten, auch mehr Aufführungen. Und die Diskussion um die vielen Schließtage wohl begraben. Allerdings sieht Geyer bei der Erhöhung der Vorstellungszahl (zur Zeit vier bis sechs) auch andere Hindernisse: "Die Wiener Symphoniker können wegen ihrer höheren Dienstauslastung als Konzertorchester keine weiteren Projekte spielen. Ihretwegen ging sich mitunter eine fünfte, sechste Vorstellung nicht mehr aus. Sie stehen nicht ausreichend zur Verfügung. Sollten die Verbesserungen, an denen wir arbeiten, greifen, wird das erst 2012 wirksam. Den Symphonikern ist jedoch bewusst, dass sie dabei sind, ihren zweiten Platz in Wien an das RSO zu verlieren, dessen mögliche Ausgliederung ich nicht prinzipiell negativ sehe."

An Europas Spitze

Auch wäre da noch die Frage der Spitzensänger. "Sie wollen fünf- bis siebenmal in Serie singen, zehn Vorstellungen en bloc werden kaum akzeptiert. Und einen Spitzensänger für eine Zweitbesetzung zu gewinnen, wenn sein Kollege die Erstbesetzung ist, ist undenkbar." Wie auch immer. Das Konzept geht nach Geyers Empfinden auch so schon auf. Man wähnt sich in der Champions League der Musiktheater, "nun wollen wir eine der Top-Locations in Europa werden. Man hört es ja schon: Wann bei uns eine Premiere stattfindet, müsse man da sein; wenn die Staatsoper eine hat, dann könne man dort sein. Aber ich will das nicht als Kampf sehen, die Staatsoper bleibt ein echtes Flaggschiff."

Geyer jedenfalls setzt in der nächste Saison auf Quantität und Qualität zwischen Barock, Moderne und 19. Jahrhundert, 100 Spielabende, 13 Premieren und 20 Konzerte umfasst das Angebot. Unter anderem wird Filmregisseur Stefan Ruzowitzky Webers "Freischütz" inszenieren. "Sein Oscar ist uns jedoch dazwischengekommen. Wir haben schon vorher begonnen, das Projekt zu diskutieren. Ich bin auf ihn durch seinen Film "Die Siebtelbauern" gekommen." Auf den Namen Geyer ist hingegen die Gerüchteküche um die Intendanten-Suche für die Salzburger Festspiele gekommen. Da wird Geyer wortkarg: "Ich präsentiere jetzt ein Programm, das mich bewegt. Salzburg bewegt mich im Moment nicht." (Ljubiša Tošic, DER STANDARD/Printausgabe, 25.03.2009)

 

  • Konnte  Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky überreden, den "Freischütz"  zu inszenieren: Intendant Roland Geyer.
    foto: ketterer

    Konnte Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky überreden, den "Freischütz" zu inszenieren: Intendant Roland Geyer.

Share if you care.